Nach Brand in Moria: Verzweiflung und Rebellion auf Lesbos

  • Fast 13.000 Menschen sind auf der griechischen Insel Lesbos obdachlos, seit das Migrantenlager Moria in Flammen aufging.
  • Zur Sorge um das Überleben der Menschen kommt die Angst vor dem Coronavirus.
  • Aufgebrachte Inselbewohner wollen einen Wiederaufbau des Lagers verhindern.
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1:35 min
Nach zwei nächtlichen Bränden ist von Moria, dem größten Flüchtlingslager Europas, so gut wie nichts mehr übrig. Tausende Geflüchtete sind obdachlos. Die humanitäre Hilfe noch kaum vorhanden. Die Stimmung auf Lesbos ist angespannt. RND-Reporterin Marina Kormbaki ist vor Ort.  © RND
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Lesbos. Manche Obdachlose verbrachten die Nacht auf den Feldern und in den Olivenhainen rund um das verwüstete Lager. Einige Familien suchten mit ihren kleinen Kindern sogar Zuflucht auf einem nahe gelegenen Friedhof. Andere fanden einen Schlafplatz am Rand der Landstraße, die von Moria zur acht Kilometer entfernten Inselhauptstadt Mytilini führt. Am Donnerstag kauerten viele an den Leitplanken – in der Hoffnung, dass irgendwann Hilfe kommt.

Von einem “Dach über dem Kopf” konnte für die meisten Menschen in Moria schon vor der Katastrophe eigentlich keine Rede sein. Nur etwa 3500 der fast 13.000 Bewohner des Lagers lebten in Wohncontainern. Die anderen hausten in selbst gezimmerten Verschlägen aus Latten, Pappe und Plastikplanen. Jetzt haben die Menschen auch dieses dürftige Obdach verloren. Einige konnten wenigstens Schlafsäcke und Decken retten, bevor sie vor den Flammen fliehen mussten.

Neue, offenbar gelegte Brände

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Am Donnerstag loderten neue Feuer an mehreren Stellen im Lager auf – offenbar gelegte Brände, wie mutmaßlich schon in der Nacht zuvor. Die Brandstifter wollten wohl jene wenigen Unterkünfte zerstören, die den ersten Feuersturm überstanden hatten.

Lagerbewohner stocherten am Donnerstag in den verkohlten Überresten ihrer Unterkünfte nach zurückgelassenen Habseligkeiten. Die ohnehin dürftigen sanitären Anlagen sind weitgehend zerstört. Nach dem Brand waren die Menschen zunächst sich selbst überlassen. Erst am Donnerstag begann die Armee damit, Mahlzeiten und Getränke zu verteilen.

Die Stimmung unter den Migranten schwankte zwischen stummer Verzweiflung und offener Rebellion. Starke Polizeikräfte waren rund um Moria in Position gegangen. Sie sollen die Migranten daran hindern, in die Inselhauptstadt Mytilini zu marschieren. Mehrfach versuchten Gruppen junger Männer, die Polizeisperren zu durchbrechen. Die Beamten trieben sie mit Tränengas und Pfefferspray zurück.

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Unter den Migranten geht die Angst um - vor dem Coronavirus

Unter den 38.000 Einwohnern von Mytilini geht die Angst um, Tausende Migranten könnten jetzt auf den Straßen und Plätzen der Inselmetropole campieren – und dort das Coronavirus verbreiten. 35 Bewohner von Moria waren am Dienstag positiv auf das Virus getestet worden. Der Versuch der Gesundheitsbehörden, sie und ihre Kontaktpersonen in eine Isolierstation zu bringen, löste schwere Unruhen aus. Sie führten offenbar zu den mutmaßlichen Brandstiftungen. Von den 35 Infizierten und 80 bekannten Kontaktpersonen konnten im allgemeinen Chaos bisher erst acht wiedergefunden und isoliert werden. Die anderen sind irgendwo unterwegs – und könnten andere anstecken.

Wenigstens besonders schutzbedürftige Lagerbewohner werden nun in Sicherheit gebracht. 406 unbegleitete Minderjährige, die bisher im Camp Moria in einer gesonderten Unterkunft betreut wurden, hat die Regierung mit drei Chartermaschinen ins nordgriechische Thessaloniki ausgeflogen. Sie wurden dort in Hotels untergebracht.

Viele hoffen auf eine Verlegung aufs Festland

Viele Migranten hoffen, dass sich mit der Katastrophe auch für sie der Weg aufs griechische Festland öffnet. Von dort führen viele Schleichwege nach Nordeuropa. Aber Griechenlands Vizeminister für Migration, Giorgos Koumoutsakos, macht ihnen keine Hoffnung: “Wer denkt, er könne jetzt zum Festland und dann nach Deutschland reisen, der kann das vergessen”, sagte Koumoutsakos.

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Fachleute inspizierten unterdessen das Camp, um das Ausmaß der Schäden festzustellen. Aufgebrachte Inselbewohner versuchten, mit Straßenblockaden die Zufahrten zum Lager abzuriegeln. Sie wollen so einen Wiederaufbau verhindern. Der Bürgermeister von Mytilini unterstützte die Blockaden mit quergestellten Lastwagen der Stadtverwaltung.

Etwa 2000 Obdachlose sollen auf drei Schiffen unterkommen, die am Donnerstag in Lesbos eintrafen. Bis zum Wochenende sollen auch die ersten Zelte für Obdachlose aufgestellt werden. Das alles sind aber nur vorübergehende Lösungen. Ob das zerstörte Lager Moria wiederaufgebaut wird, war am Donnerstag noch unklar.

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