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Mord als Strategie: Führt der Kreml eine „Todesliste“ in Großbritannien?

  • Das britische Boulevardblatt „Daily Mirror“ nennt die Namen von Kremlgegnern, die auf eine „Todesliste“ des Kremls gesetzt worden seien.
  • Die Zeitung beruft sich auf einen russischen Geheimdienstler, der die Zielpersonen warnen wolle.
  • Ob es diese anonyme Quelle tatsächlich gibt, lässt sich allerdings nicht unabhängig überprüfen.
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Moskau. Der Begriff „Todesliste“ löst von ganz allein Entsetzen aus. Es ist daher nicht erstaunlich, dass er von der Boulevardpresse gern verwendet wird, wie es nun wieder die „Daily Mirror“ in Großbritannien getan hat: „Wladimir Putin hat eine neue ‚Kill List‘ mit Gegnern erstellt, und sechs davon leben in Großbritannien“, schlug die Boulevardzeitung Ende März Alarm. Das Thema ist derzeit virulent: Kurz davor hatte US-Präsident Joe Biden seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin einen Killer genannt.

Laut „Mirror“ müssen der frühere Oligarch Michail Chodorkowski (57), der britische Geschäftsmann Bill Browder (56), der russische Banker und Menschenrechtsaktivist Wladimir Aschurkow (49), der russische Ex-Geheimdienstler Boris Karpitschkow (62), der Unternehmer und Milliardär Jewgeni Tschitschwarkin (46) und der britische Ex-Geheimdienstler Christopher Steele (56) um ihr Leben fürchten.

Von allen sechs Männern ist bekannt, dass sie in Konflikt mit dem Kreml stehen:

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  • Chodorkowski setzt sich mit seiner Organisation Offenes Russland etwa für Rechtsstaatlichkeit und politische Gefangene ein.
  • Aschurkow sowie Tschitschwarkin unterstützen Russlands Oppositionsführer Alexej Nawalny.
  • Steele verfasste 2016 ein explosives Geheimdienstdossier, aus dem hervorging, dass die russischen Behörden über kompromittierendes Material verfügten, mit dem sie den damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump erpressen könnten. Vor Gericht wurde diese Darstellung widerlegt.
  • Geschäftsmann Browder setzte sich in den USA für Sanktionen gegen Russland ein.
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Klare Indizien in den Fällen „Litwinenko“ und „Skripal“

Dass da bei den Betroffenen Sorge aufkommt, ist nachvollziehbar: „Ich fühle mich auf den Straßen Londons sicherer als in Moskau“, sagte Aschurkow dem „Mirror“, „aber es gibt keine vollkommene Sicherheit. Ich kann nur hoffen, dass die britischen Behörden hier weitere Attentate verhindern.“ Der 2014 nach Großbritannien Geflüchtete spielt damit auf die mehr als zehn Morde auf britischem Boden an, die mit dem russischen Staat als möglichem Auftraggeber in Verbindung gebracht werden, aber unaufgeklärt sind.

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Klare Indizien für eine Täterschaft Moskaus gab es 2006 hingegen beim Tod des Putin-Kritikers und ehemaligen russischen Geheimdienstlers Alexander Litwinenko nach einer Vergiftung mit radioaktivem Polonium: Eine britische Untersuchungskommission kam 2016 zu dem Ergebnis, dass Litwinenko mit ziemlicher Sicherheit im Auftrag des russischen Geheimdienstes FSB ermordet worden war. 2018 wurde auf den ehemaligen russischen Geheimdienstler und Informanten des britischen Geheimdienstes MI6, Sergei Skripal, und seine Tochter Julia im britischen Salisbury ein Anschlag mit dem sowjetischen Militärkampfstoff Nowitschok verübt, den beide nur knapp überlebten. Das Rechercheteam Bellingcat enttarnte im September 2018 zwei Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes GRU als mutmaßliche Täter.

Der „Mirror“ beruft sich in seiner Exklusivmeldung über die neue Todesliste auf einen FSB-Mitarbeiter, der die Zielpersonen warnen wolle. Ob es diese anonyme Quelle tatsächlich gibt, wird in dem Artikel allerdings nicht von dritter Seite bestätigt.

Gerüchte, die nur schwer zu verifizieren sind

Das lässt es offen erscheinen, ob die Geschichte tatsächlich stimmt. Zumal sich um Morde im russischen Staatsauftrag seit jeher Gerüchte ranken, die oftmals nur schwer zu verifizieren sind: Der britische Geschäftsmann Bill Browder soll schon lange auf einer Todesliste des Kreml stehen – nicht erst seit der Veröffentlichung des „Mirrors“. Und als etwa der Russe Denis Woronenkow 2017 in Kiew auf offener Straße erschossen wurde, kamen die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden schnell zu dem Schluss, dass der Kreml den früheren Duma-Abgeordneten öffentlich habe hinrichten lassen.

Auf den ersten Blick sprach vieles dafür: Woronenko hatte sich in die Ukraine abgesetzt, wo er öffentlich als Kronzeuge gegen den Kreml auftrat. In mühseliger und monatelanger Kleinarbeit ermittelte die amerikanische Reporterin Sarah Topol 2019 für das „New York Times Magazine“ allerdings, dass Woronenko wohl nicht von der russischen Staatsmacht ermordet wurde, sondern höchstwahrscheinlich von Kreisen in Russland, die er sich bei einer schweren Wirtschaftsstraftat zum Gegner gemacht hatte.

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Wegen der dürftigen Belege will auch Nate Schenkkan nicht bestätigen, ob es die konkrete Liste gibt, über die der „Mirror“ berichtet. Der Direktor für Forschung und Strategie bei Freedom House gehört zu den Autoren einer kürzlich erschienenen Studie der US-Menschenrechtsorganisation, in der die Verfolgungspraktiken autoritär geführter Staaten gegenüber emigrierten Dissidenten beschrieben werden: „Ich kann nicht bezeugen, ob die russische Staatsmacht genau diesen Plan verfolgt“, sagte Schenkkan dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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„Ich kann aber eindeutig feststellen, dass der Kreml eine Strategie verfolgt, die das Töten bestimmer Zielpersonen in Großbritannien aber auch in anderen Ländern vorsieht.“ Denn es gebe kaum Grund, an den offiziellen Ermittlungsergebnissen in den Mordfällen Litwinenko oder Changowschwili (dem georgischen Staatsbürger, der 2019 im Berliner Tiergarten erschossen wurde, Anm. d. Red.) zu zweifeln, deren Spur nach Moskau führe. „In dem Sinne halte ich es nicht nur für plausibel, sondern sogar für wahrscheinlich, dass die russische Regierung weiterhin versuchen wird, im Ausland lebende Menschen durch Gewalt zum Schweigen zu bringen“, sagt Schenkkan.

Reputationsverlust für Kreml nicht mehr so wichtig

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Zu den Gründen, warum der Kreml Menschen im Ausland nach dem Leben trachtet, gehören nach Auffassung von Freedom House Konflikte mit russischen Sicherheitsdiensten durch politische oder geschäftliche Aktivitäten. Dieses Kriterium trifft auf alle sechs Männer zu, die der „Mirror“ nennt: „Ich wäre fassungslos“, sagt Benkkan“ „wenn ich erfahren würde, dass Leute wie Michail Chodorkowski oder Bill Browder noch keine Sicherheitsvorkehrungen ergriffen haben.“

Dass der Reputationsverlust, der mit offensichtlichen Staatsmorden unweigerlich einhergeht, den Kreml von weiteren Anschlägen im Ausland abhalten könnte, glaubt Benkkan nicht: „Spätestens seit der Annexion der Krim 2014 setzt die russische Staatsmacht bei der Durchsetzung ihrer Interessen nicht mehr so sehr auf Überzeugungsarbeit. Da ist eher das Denken vorherrschend: ‚Wenn man Geschäfte macht, fallen Kosten an.‘“

Die Anschläge sollen die Gegner der russischen Führung ganz offensichtlich zermürben und ihnen klarmachen, dass sie nirgendwo sicher sind. Doch geht dieses Kalkül überhaupt auf? Die Angst einem Staatsmord zum Opfer zu fallen, hindert die Bedrohten meist nicht, politisch weiterhin gegen den russischen Staat vorzugehen: Geschäftsmann Bill Browder nutzte etwa seine politischen Kontakte in den USA, um dort den „Magnitski Act“ auf den Weg bringen.

Das von Barack Obama 2012 unterzeichnete Gesetz eröffnete die Möglichkeit, russische Beamte zu sanktionieren, die für den Tod von Browders früherem Steuerberater Sergei Magnitski während dessen Haftzeit im Jahr 2009 verantwortlich gewesen sein sollen. Es war wohl diese Sanktion, die Browder erst so richtig zur Zielscheibe Moskaus machte. „Die Einschüchterungstaktik funktioniert nicht“, ist sich Benkan sicher: „In der Praxis bringt sie die Kremlgegner nur noch mehr gegen die russische Staatsmacht auf.“

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