Modellprojekt Augustusburg: Ein Bürgermeister will öffnen

  • Im Städtchen Augustusburg in Sachsen sind Gaststätten und Hotels geöffnet – bei täglicher Testpflicht.
  • Bürgermeister Dirk Neubauer will sein Modellprojekt auch unter der Bundes-Notbremse fortsetzen: „Wir brauchen Perspektiven“, sagt er.
  • In seinem neuen Buch fordert er noch ganz andere Öffnungen: Er will das politische System vom Kopf auf die Füße stellen.
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Augustusburg. Die freundliche Kellnerin hält einen mobilen Scanner ans Handy des Gastes. Das Gerät piept und zeigt grün, der Weg zu Schnitzel und Kaffee ist frei. In Augustusburg in Sachsen haben Gaststätten und Hotels seit Ostern wieder geöffnet – als Teil eines Modellprojekts.

Gäste und Personal müssen sich täglich auf eine Corona-Infektion testen lassen. Der kostenlose Antigen-Schnelltest ermöglicht per QR-Code den Zutritt zu Restaurants, Hotels, Ferienwohnungen und Museen. Dort treffen dann nur noch negativ getestete Personen aufeinander.

„Es ist viel Aufwand, aber es ist auch wirklich schön, wieder Betrieb zu haben“, sagt die Kellnerin im Gasthof Rosts Wiesen mit Blick auf den Rodelhang. Schneereste glitzern noch in den Büschen.

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Auch Bürgermeister Dirk Neubauer (SPD) muss täglich zur Teststation der 4500-Einwohner-Kommune. Während er auf sein Testergebnis wartet, spricht ihn ein erboster Senior an: Er habe schon morgens um 8 Uhr in der Kälte gewartet, da waren die Testcontainer aber noch geschlossen, wie das sein könne? Neubauer klemmt sich ans Telefon, prüft die Schichtpläne, sorgt für ausreichend Personal in den nächsten Tagen. Dann kommt das Testergebnis. Negativ. Auch Neubauer darf sich bei einem Kaffee im Rosts Wiesen aufwärmen.

Ein Forschungsteam begleitet das Modellprojekt in Augustusburg

Wenn über Modellprojekte in der Corona-Politik diskutiert wird, dann meist über Tübingen, das Saarland und Rostock. Augustusburg gerät aus dem Blick. Weil es klein ist? Weil es im Osten liegt, glaubt Dirk Neubauer. „Viele wissen gar nicht, dass es uns gibt. Aber wir sind das einzige Modellprojekt, das wissenschaftlich begleitet ist.“

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Ein Forschungsteam der Uni Mainz will herausfinden, ob die Öffnung von Restaurants und Hotels zu einem Anstieg des Infektionsrisikos führen wird – und ob Öffnungen mit Testpflicht ein Instrument sein könnten, mit der Existenz des Virus zu leben und gleichzeitig Alltag zu ermöglichen.

Besucher des Restaurants vom Freizeitzentrum Rost's Wiesen in Augustusburg. © Quelle: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbil
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Das Landratsamt des Kreises Mittelsachsen hat das Projekt bis 28. April verlängert. Neubauer hofft, dass es auch unter einen bundeseinheitlichen Notbremse fortgesetzt werden kann. Die Inzidenzzahlen sprechen dagegen: Der Landkreis liegt bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 315, Augustusburg mit zurzeit 17 positiven Fällen gar bei 377. Dennoch sagt Neubauer: „Die Zahlen, die wir hier produzieren, sind eher beruhigend.“ Von den auswärtigen Gästen habe sich kein einziger infiziert, die Positivenrate bei den bisher 10.700 Tests liegt bei 0,1 Prozent.

Die bisherigen Erfahrungen rechtfertigten einen Stopp nicht, betonte der Bürgermeister. „Jeder Tag, den das Projekt länger läuft, bringt uns mehr Erkenntnis.“ Und es gebe Hoffnung.

Neubauer erhält auch Kritik von den Bürgern

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer erklärt ständig seinen Sonderweg mit Tagestickets und offenen Geschäften. Und auch Neubauer drängt es in die Öffentlichkeit. Das Augustusburger Konzept sei das beste, sagt er selbstbewusst. Keine Zettelwirtschaft wie in Tübingen, keine Luca-App wie anderswo. Nur ein QR-Code mit Testergebnis und der Pflicht, sich damit überall an- und abzumelden. Dass die Schnelltests nur trügerische Sicherheit bieten könnten, wischt er beiseite. Beim täglichen Testen werde eine Infektion bald erkannt.

Neubauer kämpft in diesen Tagen an vielen Fronten. Er versucht mit aufgebrachten Eltern zu diskutieren, die gegen Masken- und Testpflicht für ihre Kinder auf die Straße gehen – organisiert vom Chemnitzer Rechtsextremen Martin Kohlmann. Irgendwann sei in dem Gespräch der Satz gefallen: „Dann sind Sie nicht mehr mein Bürgermeister.“ Dann sei das eben so, antwortete Neubauer. Jeden kann er nicht mehr erreichen. Aber er versucht, gegen die wachsende Entfremdung zwischen Bürgern und Politikern anzureden – und anzuschreiben.

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Nicht das Modellprojekt sei riskant, sondern der Verzicht darauf

Am Mittwoch erscheint im Rowohlt-Verlag das zweite Buch des 49-Jährigen: „Rettet die Demokratie!“ Mit Ausrufezeichen. „Eine überfällige Streitschrift“ lautet der Untertitel.

Neubauer hat Sendungsbewusstsein, er will nicht weniger als das politische System vom Kopf auf die Füße stellen, es durchlässiger machen. Mehr als zwei Amtszeiten soll keine Kanzlerin, soll kein Abgeordneter und kein Bürgermeister bekommen. Personen sollen zur Wahl stehen, nicht Parteilisten. Die Kommunen sollen mehr Entscheidungsmacht und finanzielle Freiheiten bekommen.

In und um Augustusburg wählen bei Landtags- und Bundestagswahlen mehr als 30 Prozent AfD. „Das wird auch im Herbst wieder so sein“, glaubt Neubauer. „Gefestigtes Protestpotenzial“, nennt er das. Von Augustusburg aus betrachtet sind nicht Neubauers Forderungen radikal, sondern die Umstände. Nicht sein Öffnungsmodell ist riskant, sondern der Verzicht darauf.

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