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Mittelstandspräsident: Schäden durch Lockdown größer als durch Virus

  • Eckhard Schwarzer, Präsident des Mittelstandsverbundes, spricht im RND-Interview über die Sorgen und Nöte der Wirtschaft.
  • Von der Politik fordert er, jetzt mindestens ebenso auf die Ökonomen zu hören wie auf die Virologen.
  • Die Wirtschaft brauche klare Ansagen – mit dem Corona-Flickenteppich der Länder müsse Schluss sein.
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Berlin. Herr Schwarzer, Ihr Verband organisiert gut eine Viertelmillion mittelständischer Unternehmen. Wie geht es denen?

Sehr unterschiedlich. Es gibt Unternehmen, denen ging es vor der Krise gut genug, sodass sie ein wirtschaftliches Polster für ein paar Monate aufbauen konnten. Die halten noch durch. Bei vielen anderen aber ist die Liquidität auf Kante genäht, sie bangen um ihre Existenz. Wir reden da nicht zuletzt über Gründer oder Unternehmen, bei denen gerade ein Generationenwechsel stattgefunden hat und die Finanzierungslast deshalb außergewöhnlich hoch war und ist.

Helfen nicht die Rettungsschirme der Bundesregierung?

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Doch, die helfen – aber nicht allen. Die Schnellkredite der Bundesregierung über die KfW zum Beispiel erreichen nur einen Teil der Unternehmen – alle unter elf Mitarbeitern fallen raus. Die sollen mit den Soforthilfen, die der Bund in Höhe von 9.000 bis 15.000 Euro zuschießt, durch die Krise kommen. Jetzt frage ich Sie: Wie soll ein Modehändler mit neun Mitarbeitern, einem Ladenlokal, für das er Miete bezahlen muss, und einem vollen, bereits bezahlten Lager mit Frühjahrs- und Sommermode das schaffen? Das kann er nicht. Wer einen Kredit bekommt, hat diese Sorge kurzfristig nicht, sieht sich aber langfristig mit einer schlechteren Kapitalausstattung konfrontiert. Dafür gibt es noch keine Lösung.

Wie könnte die aussehen?

Steuererleichterungen und ein umfassendes Konjunkturprogramm könnten helfen, die Kapitalquote wieder zu verbessern. Ebenso gezielte Initiativen zur Stärkung der Eigenkapitalquote. Wir müssen mit der Politik gemeinsam das Problem der Rekapitalisierung lösen. Da sehe ich zur Zeit noch keine vernünftigen Ansätze.

Wie zufrieden sind sie mit der Krisenbewältigung der Politik?

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Von anfänglich sehr zufrieden, jetzt zunehmend unzufriedener. Unsere Unternehmen haben alle Schutzmaßnahmen mitgetragen. Mit eisenharter Disziplin und unter großen Schmerzen, weil sie es richtig fanden, die Menschen zu schützen. Jetzt aber droht die Stimmung zu kippen.

Warum?

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Unser Eindruck ist, dass die Schäden durch den Lockdown inzwischen größer sind als die durch den Virus. Die Infektionszahlen sind niedrig, wir haben die medizinische Lage im Griff. Die wirtschaftliche Lage aber droht uns zu entgleiten. Die Zeit, in der die Virologen allein den Ton angeben sollten, ist jetzt vorbei. Wichtig ist, dass die Politik jetzt mindestens ebenso auf die Ökonomen hört.

Was erwarten Sie von den Bund-Länder-Gesprächen am Mittwoch?

Zum Wirtschaften braucht man klare Ansagen. Und wir fordern bundesweit einheitliche Regelungen. Die Unternehmen leiden unter dem Flickenteppich, den die Ministerpräsidenten bei den Corona-Regeln geschaffen haben. Damit muss Schluss sein. Das Netzwerk der Verbundgruppen kann hier schnelle Lösungen und Unterstützung bieten, sieht sich aber mit einem föderalen Dschungel an Regelungen konfrontiert.

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Was spricht dagegen, bei unterschiedlichen Infektionsgeschehen unterschiedlich vorzugehen?

Zunächst einmal spricht dagegen, dass es nicht mehr vermittelbar ist. Niemand mit einem gesunden Menschenverstand kann noch nachvollziehen, warum in einem Bundesland die Cafés und Biergärten öffnen sollen, und zehn Kilometer weiter in einem anderen Bundesland nicht. Dadurch wächst der Verdacht, dass es nicht um die Sache, sondern um Profilierung von Politikern geht. Und das untergräbt das Vertrauen in die Politik. Aber auch die Unternehmen leiden stark unter den unterschiedlichen Regelungen.

Inwiefern?

Ein mittelständischer Händler mit Filialen in zehn Bundesländern muss derzeit zehn verschiedene Hygienekonzepte erarbeiten. Er muss seine Mitarbeiter auf zehn verschiedene Arten und Weisen schulen. Er hat mit zehn verschiedenen Regelungen bei Kitas und Schulen zu tun. Und er muss zehn sich permanent verändernde Regelungsregime im Blick behalten. Das kann ihn schnell überfordern, außerdem kostet es viel Geld und Zeit. Ein Unternehmer, der um sein wirtschaftliches Überleben kämpft, hat aber gerade andere Sorgen, als sich mit der Verwaltungsbürokratie von zehn Landesregierungen herumzuschlagen.

Wie lange wird diese Krise nachwirken?

Lange. Für viele Unternehmen ist eine ganze Saison verloren – und das ist schon der beste Fall. Es wird Jahre dauern, bis unsere Unternehmen das verkraftet haben. Ich prophezeie: Einige werden nie wieder so stark werden wie vor der Krise. Deshalb kommt es jetzt darauf an, dass die Politik mit einem entschlossenen Schritt zur Stärkung der Konjunktur ein Signal setzt. Für all jene Unternehmen, die jetzt ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellen, sich den Chancen der Digitalisierung öffnen, unterstützt von einer weitsichtigen Digitalpolitik, für die sehe ich allerdings eine positive Zukunft.



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