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Mit Mütze und Schal im Klassenzimmer – eine Zumutung für Kinder

  • Mehrere Monate hatte die Politik Zeit, in Corona-Zeiten für frische Luft in Schulen zu sorgen, ohne dass jemand frieren muss.
  • Passiert ist fast nichts. Nun werden die Schüler wohl mit Schal und Mütze im Klassenzimmer sitzen müssen.
  • Es ist ein bildungspolitisches Armutszeugnis, kommentiert Imre Grimm.
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Wer hätte das gedacht: Im Winter ist es draußen kalt. Lässt man die Fenster offen, wird es auch drinnen kalt. Es ist ein trivialer Mechanismus, den schon Dreijährige verstehen. Manchen deutschen Kultusminister hingegen scheint der Temperaturabfall gegen Jahresende, der die Menschen seit zehntausend Jahren in die Höhlen treibt, zu überraschen. Huch! Plötzlich wird es kalt!

Mindestens sechs Monate hatte die deutsche Politik Zeit, eine vernünftige und praktikable Antwort auf die Frage zu finden, wie sich das regelmäßige Lüften eines Klassenzimmers in Corona-Zeiten mit der Kälte draußen unter einen Hut bringen lässt. Die Antwort ist ein bildungs- und gesundheitspolitisches Armutszeugnis. Sie lautet: gar nicht. Bitte bringt eine Decke mit. Könnte frisch werden.

Deutschland – ein infrastrukturelles Hochrisikogebiet

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Hunderttausende Schulkinder werden also voraussichtlich mit Schal und Mütze und in eine Decke gehüllt Bruchrechnen und Partizipialkonstruktionen lernen müssen – auch mal bei Minusgraden. „Für die kalten Monate werden jetzt Pullover, Schals und Decken zur Grundausstattung der Schüler gehören“, sagte Susanne Lin-Klitzing vom Deutschen Philologenverband der „Bild“-Zeitung. Sie wirft den Kultusministern vor, viel zu spät mit den Planungen für die kalten Monate begonnen zu haben. Und sie hat vollkommen recht.

Deutschland braucht wetterunabhängige Bildung: Geöffnete Fenster einer Grundschule in Baden-Württemberg. © Quelle: Christoph Schmidt/dpa

Tatsächlich ist in den meisten Schulen außer ein paar gut gemeinten Aufklebern und ein paar aufgesprühten Linien auf dem Pausenhof, an denen sich die Klassen kohortenweise im preußischen Stil zum gemeinsamen Einmarschieren aufzustellen haben, so gut wie nichts geschehen. Dabei war spätestens in den Sommerferien absehbar, dass die Sache nicht mit den Zugvögeln im Herbst verschwinden wird.

Fenster auf? Geht es nicht cleverer? Eine dezentrale Entlüftungsanlage für ein 100 Quadratmeter großes Klassenzimmer kostet als Nachrüstsatz um die 2000 Euro. In Deutschland gibt es rund 15.000 Grundschulen, es ist die mit großem Abstand häufigste Schulform (gefolgt von etwas mehr als 3000 Gymnasien). Wenn jede Grundschule dreizügig wäre, gäbe es also 180.000 Klassenräume. Nehmen wir 20.000 Funktionsräume dazu, kosten die Entlüftungsanlagen 400 Millionen Euro plus Planung plus Einbau.

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Zum Vergleich: 500 Millionen Euro investiert die Bundesregierung in Lehrer-Laptops und Internetanschlüsse für die deutschen Schulen. Beides sind hohe Summen – gleichzeitig aber sinnvolle Investitionen in die Bildungsinfrastruktur. Und im Corona-Haushaltsjahr 2020/21 mit seinen vielen Extramilliarden müssen 400 Millionen Euro niemanden erschrecken.

Das Land braucht wetterunabhängige Bildung

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Es sollte doch möglich sein, in der Industrienation Deutschland eine wetterunabhängige Bildung zu organisieren, ohne dass die teilhabenden Kinder frieren. Die Bundesländer schafften es jedoch nicht, die Sommerferien zu nutzen, um in ein paar Zehntausend Räumen eine Lüftungsanlage nachzurüsten. Denn für jede Türklinke, für jeden Toilettenpapierhalter muss ein Beschaffungswesen in Gang gesetzt werden, das eine endlose Zahl von Ministerialbeamten in Lohn und Brot hält. Man darf gespannt sein, wie sich die Beschaffung von Hunderttausend Dienstwolldecken für die Winterzeit gestalten wird. Möglicherweise sind sie pünktlich zum Sommer 2021 lieferbar.

In Sachen Entlüftung ist Deutschland einfach infrastrukturelles Hochrisikogebiet - siehe zuletzt auch die zu Ruhm gelangte Entrauchungsanlage im neuen Berliner Flughafen. Aber mit größtem Beharrungsstolz glauben manche noch immer, dass dieses Land technologisch führend, einfallsreich und flexibel sei.

Die Liste der Zumutungen für Kinder wird länger

Das Problem ist keine Bagatelle. Gewiss wird es in Seele und Körper eines Schulkindes keine bleibenden Schäden anrichten, ein paar Wochen mit Schal und Mütze in der Schule zu sitzen. Die Liste der Zumutungen aber, die wir unseren Kindern aufbürden, wird immer länger. Mit Schal, Mundschutz, Mütze und Wolldecke auf den Knien, vielerorts auch noch mit Kopfhörern gegen den Lärm, sieht ein Grundschüler im Unterricht demnächst aus wie ein lichtscheuer Seesack.

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Es ist höchste Zeit, auch in der routinemäßig Bedenken tragenden Bildungsbürokratie mal ein Fenster aufzureißen und einen Stoß frischer Ideen hereinzulassen. Denn eine Gesellschaft, die mehrheitlich will, dass die Schulen geöffnet bleiben, muss sich dafür auch etwas einfallen lassen. Sie kann das Problem nicht einfach aussitzen, bis der Frühling kommt.

Disclaimer: In einer früheren Version des Textes war die Zahl der Klassenräume in Grundschulen falsch berechnet. Bei 15.000 dreizügigen Grundschulen betrüge die Zahl der Klassenräume 15.000 x 4 x 3 = 180.000.

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