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Missbrauchsskandale: eine Kirche am Abgrund

Ausgeleuchtet: Ein Kreuz hängt an einer Wand.

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Berlin. Wie aufgeladen die Situation ist, durfte Beate Gilles in der vergangenen Woche erfahren.

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Die Deutsche Bischofskonferenz hatte unter den Hashtags #Missbrauch und #Gutachten ihre Generalsekretärin bei Twitter zitiert: „Der Vertrauensverlust, der mit der aktuellen Situation einhergeht, ist dramatisch. Es ist wichtig, dass sich die Bischöfe und die Verantwortlichen in den Bistümern von den Ergebnissen berühren lassen.“

Berühren lassen? „Hatten wir schon, ist ja Grund der ganzen Diskussion“, schreibt ein Nutzer bissig. Ein anderer: „Jetzt ist Zeit für Handeln, für Veränderung und für Ehrlichkeit in der katholischen Kirche.“ Ein Dritter fragt: „Warum müssen Bischöfe dazu ermahnt werden?“

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Mit all diesen Fragen und noch vielen mehr beschäftigt sich seit Donnerstag die dritte Versammlung des Synodalen Weges der Katholischen Kirche in Frankfurt/Main. Der Synodale Weg ist ein 2019 zwischen Deutscher Bischofskonferenz und der Laienorganisation Zentralkomitee der deutschen Katholiken verabredetes Gesprächsformat, um einen Weg aus der Missbrauchskrise zu finden und die Kirche zu reformieren.

Deutlich größeres Dunkelfeld

Das Gremium aus 230 Bischöfen, Laien und in kirchlichen Diensten Arbeitenden trifft sich vor dem Hintergrund der Erschütterungen durch das vor zehn Tagen veröffentlichte unabhängige Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl zum sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising. Dem Gutachten zufolge gab es in den Jahren von 1945 bis 2019 mindestens 497 Opfer und 235 mutmaßliche Täter, die Expertinnen und Experten gehen aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus.

Ursprünglich war der Synodale Weg für zwei Jahre vorgesehen. Im Kern geht es hierbei um vier Themen: Macht und Gewaltenteilung, Sexualität und Partnerschaft, das ehelose Leben der Priester sowie die Rolle der Frauen in der Kirche. Es wird alles länger dauern – der Veränderungsdruck durch die Basis ist groß, aber das Beharrungsvermögen der kirchlichen Verwaltungen eben auch. Kritiker wie der Theologe und Kirchenrechtler Norbert Lüdecke sehen im Synodalen Weg deshalb ein Täuschungsmanöver der Bischöfe.

Bischöfe wirken wie Getriebene

Tatsächlich wirken die Kirchenfürsten seit 2010, als Pater Klaus Mertes als Rektor des Berliner Canisius-Kollegs den Missbrauch an seiner Schule öffentlich machte, wie Getriebene. Die katholische Kirche steht in Deutschland vor einem Abgrund. Trotz weiterer juristischer Gutachten, trotz Aufarbeitungsstudien in verschiedenen Diözesen und eines interdisziplinäres Forschungsprojekts zum Missbrauch, trotz strenger Richtlinien, trotz vieler Versprechen, und, und, und.

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Das liegt daran, dass Opfern bis heute das Gefühl vermittelt wird, es ginge nicht um sie, sondern um die Kirche, sagen Betroffene. Aufklärungsprozesse sind bürokratisch und ziehen sich hin. Doch das Schlimmste ist: Das Vertuschen von Taten und das Decken von Vergewaltigern oder Fummlern im Priestergewand geschah auch „ganz oben“.

Missbrauchsgutachten: Papst Benedikt räumt Falschaussage ein

Der 94-Jährige betonte, dass dies „nicht aus böser Absicht heraus geschehen ist, sondern Folge eines Versehens bei der redaktionellen Bearbeitung war“.

Der damalige Münchner Erzbischof Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt, wird von den Gutachtern dazugezählt. In einer Stellungnahme zum jüngsten Gutachten bestritt der emeritierte Papst zunächst die Teilnahme an einer Ordinariatssitzung 1980, Tage später korrigierte er dies – nach Vorlegen gegenteiliger Beweise.

Franziskus lehnte ab

Viele Kirchenmitglieder erzürnt, dass Bischöfe wie Ratzinger-Nachfolger Reinhard Marx heute noch zu nachsichtig mit Benedikt umgehen. Sie halten das für symptomatisch für den Umgang innerhalb der Kirche mit den Missbrauchstaten – vor allen Dingen: mit den Opfern. Marx selbst hatte den Papst im vergangenen Jahr um Demission gebeten, Franziskus lehnte ab.

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Inzwischen tritt Marx für die Abschaffung des Pflichtzölibats von Priestern ein. „Diese Lebensform und dieses Männerbündische ziehen auch Leute an, die nicht geeignet sind, die sexuell unreif sind“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Die katholische Sexualmoral habe „viele Verklemmungen erzeugt“. Doch wie ernst ist es den Bischöfen wirklich?

Kirchenaustritte häufen sich

Viele Katholiken treten aus ihrer Kirche aus. Sie können nicht mehr. 650 Anträge auf Kirchenaustritte gab es allein in München binnen vier Tagen, bundesweit melden Standesämter eine signifikante Zunahme. Zuletzt waren die Kölner Ämter überlastet, nachdem Kardinal Rainer Maria Woelki die Veröffentlichung eines Missbrauchsgutachtens lange zurückgehalten hatte.

2020 waren 22,2 Millionen Menschen Mitglied der katholischen Kirche. Tendenz: drastisch fallend. Die bundesweite Talfahrt der Mitgliederzahlen kommentiert der katholische Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster so: „Die katholische Kirche rast mit diesen Zahlen in den Abgrund ihrer Bedeutungslosigkeit.“

Hier lesen Sie, was Kirchenfunktionäre und Gläubige zur Kirche am Scheideweg sagen.

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