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Missbrauchsgutachten unter Verschluss – für Kardinal Woelki schlägt Stunde der Wahrheit

  • Am Donnerstag wird ein Misbrauchsgutachten vorgestellt
  • Von dessen Inhalt hängt womöglich auch die Zukunft des Kölner Kardinals Woelki ab.
  • Doch auch andere Eminenzen wie der Erzbischof von Hamburg müssen zittern.
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Köln. Kirchenaustrittstermine sind in Köln derzeit schwieriger zu bekommen als Impftermine. Das 1700 Jahre alte Erzbistum befindet sich nach Einschätzung seines Diözesanrats – der Vertretung der normalen Gläubigen – „in der größten Kirchenkrise, die wir alle je erlebt haben“.

Kulminieren könnte sie am 18. März: Dann wird ein lang erwartetes Missbrauchsgutachten vorgestellt.

Konflikte zwischen dem Erzbischof von Köln und seinen Schäfchen haben eine bis ins Frühmittelalter zurückreichende Tradition. So entzog sich Erzbischof Anno im Jahr 1074 durch eine Lücke in der Kölner Stadtmauer dem Zugriff des aufständischen Volkes. Noch heute kann man das angebliche „Anno-Loch“ in der Tiefgarage unter dem Dom bestaunen.

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Viele Gläubige fragen sich derzeit, ob bald vielleicht wieder ein Kardinal durchs sinnbildliche Loch muss.

„Noch nie solche Empörung erlebt“

„Die Nachrichten, die ich von Gemeinden und Verbänden aus Köln bekomme, zeichnen eine katastrophale Situation“, sagt der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, der Deutschen Presse-Agentur. „Eine solche Empörung wie dort habe ich persönlich noch niemals erlebt.“

Die Gemüter in Wallung brachte Kardinal Rainer Maria Woelki mit seiner Entscheidung, ein von ihm selbst in Auftrag gegebenes Gutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl unter Verschluss zu halten. In dem seit einem Jahr fertigen Gutachten wird untersucht, wie Bistumsverantwortliche in der Vergangenheit mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester umgegangen sind.

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Woelki hält das Gutachten für mängelbehaftet und „nicht rechtssicher“. Deshalb hat er bei dem Strafrechtler Björn Gercke eine neue Untersuchung in Auftrag gegeben - eben jene wird am Donnerstag vorgestellt.

Auch Hamburger Erzbischof im Fokus

Durchgesickert ist, dass das erste Gutachten unter anderem das Verhalten des früheren Kölner Personalchefs Stefan Heße - heute Erzbischof von Hamburg - kritisch beurteilt. Heße bestreitet die Vorwürfe.

Andere frühere Bistumsverantwortliche haben es bisher vorgezogen zu schweigen. Das verstärkt bei vielen den Eindruck, dass katholische Würdenträger nur dann etwas zugeben, wenn sie nicht mehr anders können.

Obwohl mittlerweile klar ist, dass seit dem Zweiten Weltkrieg Tausende von Jungen und Mädchen durch katholische Priester missbraucht worden sind, ist noch kein einziger deutscher Bischof deshalb zurückgetreten.

Jetzt könnte es allerdings ernst werden. Strafrechtler Gercke listet in seinem Gutachten mehr als 300 Opfer und über 200 Beschuldigte auf.

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Hat Woelki selbst vertuscht?

In einem Fall könnte auch Woelki selbst mit dem Vorwurf der Vertuschung konfrontiert werden. Er soll den mittlerweile gestorbenen Düsseldorfer Pfarrer Johannes O. gedeckt haben, dem der Missbrauch eines Kindergartenjungen Ende der 1970er Jahre zur Last gelegt wird.

Nachdem Woelki 2014 Erzbischof von Köln geworden war, hatte er sich entschieden, nichts gegen O. zu unternehmen. Die Begründung: O. sei aufgrund seiner Demenz nicht vernehmungsfähig. „Ich habe mein Gewissen geprüft, und ich bin persönlich der Überzeugung, dass ich mich korrekt verhalten habe“, sagte Woelki der „Kölnischen Rundschau“. „Aber auf meine Einschätzung kommt es nicht an.“ Gercke untersuche den Fall.

Falls es nach der Veröffentlichung des Gutachtens tatsächlich zum Rücktritt eines Bischofs kommen sollte, hält der oberste Katholik von Bonn, Stadtdechant Wolfgang Picken, einen „Erdrutsch“ an weiteren Rücktritten für möglich. Denn fest steht, dass Vertuschung praktisch überall vorkam.

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Weltweit das gleiche Missbrauchs-System

Untersuchungen in aller Welt, von den USA bis nach Irland, haben immer wieder das gleiche System ans Licht gebracht: Priester, die bereits Kinder missbraucht hatten, wurden einfach in andere Gemeinden versetzt - wo sie dann unter Umständen neue Verbrechen begingen.

Nicht der Opferschutz stand im Vordergrund, sondern der vermeintliche Schutz der Kirche und ihrer Priester, die nach katholischer Auffassung eine Art Mittler zwischen Gott und den Menschen sind.

Es ist darum auch sehr gut denkbar, dass gar kein deutscher Bischof zurücktreten wird. Schließlich ist es nicht das Kirchenvolk, vor dem sich die Exzellenzen und Eminenzen verantworten müssen. Die Kirche ist keine Demokratie.

Woelkis Vorgänger Joachim Meisner hat stets offensiv die Überzeugung vertreten, Gott selbst habe ihn auf den Bischofssitz gehievt. Meisner wird in dem zurückgehaltenen ersten Gutachten ebenfalls kritisch beurteilt.

Er kann dazu aber nicht mehr gehört werden: Seit 2017 ruht er in der erzbischöflichen Gruft in den Katakomben des Kölner Doms.

RND/cle/dpa

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