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  • Minderjährige Flüchtlinge in Moria: Über die mutmaßlichen Brandstifter und die Kinder und Jugendlichen aus den Migrantenlagern

Die gestrandeten Minderjährigen von Moria

  • Deutschland und Europa beratschlagen, wie Kindern und Jugendlichen aus den griechischen Migrantenlagern geholfen werden kann.
  • Die Debatte ist hochemotional – und nicht frei von Stereotypen.
  • Der Fall der beiden minderjährigen mutmaßlichen Brandstifter von Moria zeigt, wie kompliziert das Thema ist.
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Athen/Lesbos. Die beiden jungen Afghanen sollten in den nächsten Tagen von Griechenland in einen anderen EU-Staat ausgeflogen werden, im Rahmen eines Programms, das die Übersiedlung von rund 400 Minderjährigen aus dem zerstörten Migrantenlager Moria vorsieht. Auf Bitten des griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis hatten sich der französische Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel vergangene Woche zur Aufnahme der Kinder und Jugendlichen bereiterklärt.

Doch zumindest für die beiden 17 Jahre alten Jugendlichen aus Afghanistan wird es nicht dazu kommen. Sie sitzen seit Dienstag dieser Woche in Polizeigewahrsam – wegen des dringenden Verdachts, vergangene Woche Feuer im Lager Moria gelegt zu haben. Bei den Bränden verloren über 12.500 Bewohner von Moria ihr Obdach.

Ohne Eltern oder Verwandte gestrandet

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Etwa ein Drittel der Migranten von Moria ist jünger als 18 Jahre. Von ihnen wiederum sind rund 400 sogenannte unbegleitete Minderjährige. Ohne Eltern oder erwachsene Verwandte sind sie auf der Insel gestrandet. Vor allem ihr Schicksal beschäftigt jetzt Hilfsorganisationen, Medien und Politiker. Der Fall der beiden mutmaßlichen Brandstifter von Moria, die beinahe unerkannt in andere EU-Staaten weitergereist wären, zeigt aber, wie kompliziert das Thema ist.

Nach Angaben des Nationalen Zentrums für soziale Solidarität (Ekka), einer Behörde des griechischen Arbeits- und Sozialministeriums, lebten in Griechenland Ende August 4417 unbegleitete Minderjährige. 39 Prozent kamen aus Afghanistan, 23 Prozent aus Pakistan. Syrische Bürgerkriegsflüchtlinge stellen mit 11 Prozent nur eine kleine Gruppe. Manche verloren ihre Eltern und Geschwister auf der Flucht. Andere machten sich allein auf den Weg oder wurden von ihren Eltern auf die Reise nach Europa geschickt – “Familiennachzug” ist in den Herkunftsländern kein Fremdwort.

Realitätsfremde Stereotypen

Nur etwa die Hälfte der in Griechenland lebenden allein reisenden Minderjährigen ist in angemessenen Unterkünften untergebracht und wird dort betreut. Am schwierigsten ist die Lage jener 830 Kinder und Jugendlichen, die in den fünf Insellagern leben. Im März kündigte die EU-Kommission die Übernahme von 1600 unbegleiteten Minderjährigen durch andere EU-Staaten an. Wegen der Corona-Pandemie konnte das Programm aber nicht in vollem Umfang umgesetzt werden. Überdies haben sich bisher nur elf der 27 EU-Länder zur Übernahme unbegleiteter Kinder und Jugendlicher bereiterklärt.

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Die Umsetzung scheitert mitunter auch an realitätsfremden Stereotypen. So wollen manche Aufnahmeländer aus humanitären Überlegungen nur kleine Mädchen übernehmen. Wunsch und Wirklichkeit sind aber zweierlei. Bei den unbegleiteten Minderjährigen handelt es sich zu 93 Prozent um Jungen, nur sieben Prozent sind Mädchen. Kinder sind die wenigsten: Nur 8 Prozent sind jünger als 14 Jahre.

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Viele kommen ohne Papiere an

Dass die Umsiedlungen so lange dauern, hat auch mit objektiven Schwierigkeiten zu tun. Weil die meisten Minderjährigen ohne Papiere in Griechenland ankommen, ist die Feststellung ihrer Identität und ihres Alters schwierig. Vor allem viele junge Migranten aus Afghanistan, Pakistan, dem Nahen Osten und afrikanischen Ländern versuchen, die Asylbehörden davon zu überzeugen, dass sie jünger sind als 18 Jahre – um ihre Aussichten auf eine Weiterreise in andere europäische Länder zu verbessern.

Für die beiden mutmaßlichen Brandstifter hätte sich dieses Kalkül beinahe erfüllt. Ihre Asylanträge waren abgelehnt worden, ihnen drohte die Abschiebung. Die beiden gehörten zu einer Gruppe von etwa 400 unbegleiteten Minderjährigen, die in einem speziellen Trakt des Lagers Moria untergebracht waren. Nach dem Brand wurden diese Jugendlichen in Chartermaschinen nach Thessaloniki ausgeflogen, weil man sie auf Lesbos nicht mehr angemessen unterbringen konnte. Wenig später identifizierten die Ermittler die beiden 17-jährigen Afghanen als mutmaßliche Brandstifter. Sie sollen gemeinsam mit drei 19 bis 20 Jahre alten Landsleuten, die inzwischen auf Lesbos gefasst wurden, die Feuer gelegt haben.

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