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Militär-Bundesrabbiner: Manche Soldaten wollen sich in der Truppe nicht als Juden offenbaren

  • Wie christliche Glaubensgemeinschaften hat nun auch die jüdische Gemeinschaft in Deutschland Militärseelsorger.
  • Militär-Bundesrabbiner Szolt Balla wird am 21. Juni zeremoniell in sein Amt eingeführt.
  • Im Interview spricht der 42-Jährige über jüdische Soldaten, Antisemitismus in der Bundeswehr und seine Band The Holy Smokes.
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Berlin. Erstmals seit rund 100 Jahren wird es in Deutschland wieder jüdische Militärseelsorge geben. Der neue Militär-Bundesrabbiner Zsolt Balla wird am heutigen Montag in Leipzig in sein Amt eingeführt. Der 42-Jährige, studierter Ökonom, wurde in Budapest geboren, ist verheiratet und hat drei Kinder. Balla lebt seit 19 Jahren in Deutschland und ist seit 2019 Landesrabbiner in Sachsen.

Rabbiner Balla, Sie scheinen der Mann für die Premieren in der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands zu sein. 2009 wurden Sie als erster seit 1938 in Deutschland ausgebildeter orthodoxer Rabbiner ordiniert. Ab Ende Juni sind Sie erster Militär-Bundesrabbiner für die Bundeswehr. Was bedeutet Ihnen diese Ernennung?

Mit der Übernahme der Aufgabe als Militär-Bundesrabbiner fühle ich eine historische Verantwortung. Es ist nicht nur für die jüdische Gemeinschaft, sondern auch für die deutsche Gesellschaft insgesamt ein großer Schritt. Das verpflichtet mich, mein Bestes für die Bundeswehr zu leisten.

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Merkel: Null Toleranz bei Antisemitismus in Deutschland
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„Es gibt das Selbstverteidigungsrecht Israels, und dazu stehen wir“, sagte Kanzlerin Angela Merkel.  © Reuters

Warum ist die Wahl auf Sie gefallen?

Jede Religionsgemeinschaft ernennt ihre Seelsorger. Das ist bei den Juden nicht anders als etwa bei den christlichen Kirchen. Ich habe mich nicht um das Amt beworben, denke jedoch, dass mein Engagement für interreligiöse Arbeit in der Bundeswehr eine Rolle gespielt hat. Ich möchte immer ein Ansprechpartner sein für Menschen – egal, welcher Konfession sie angehören oder ob sie konfessionslos sind. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit, die die Streitkräfte für die Bundesrepublik leisten. Die Bedeutung, die sie für eine freie Gesellschaft in Deutschland und Europa haben, wird leider häufig unterschätzt.

Woher stammt diese Wertschätzung bei einem Geistlichen wie Ihnen?

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Ich bin gebürtiger Ungar und seit 19 Jahren in Deutschland eingebürgert. Mein Vater war Oberstleutnant der ungarischen Armee und kommandierte eine Basis nahe Budapest. So habe ich als Kind sehr viel Zeit in der Nähe von Soldaten verbracht.

Ansprechbar für alle Soldaten

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In der Bundeswehr gibt es rund 300 Soldaten jüdischen Glaubens. Sie sollen künftig von bis zu zehn Militärrabbinern unter Ihrer Leitung betreut werden. Was sind die Aufgaben?

Die genaue Zahl von Bundeswehrangehörigen jüdischen Glaubens ist unbekannt. Aber es gibt sie, und sie benötigen Seelsorge und Unterstützung in anderen Fragen. Dabei kann es zum Beispiel um koschere Verpflegung gehen, die Praxis religiöser Handlungen oder das Begehen jüdischer Fest- und Feiertage. Die Militärrabbiner sind jedoch ansprechbar für alle Soldaten und werden ein offenes Ohr für sie haben.

Werden andere Soldaten mehr über das Judentum erfahren?

Die zweite Aufgabe der Militärrabbiner umfasst Bildung und Erziehung. Sie wollen sich stark im lebenskundlichen Unterricht einbringen. Es geht um eine Bundeswehr, in der die demokratischen Werte gelebt werden. Die Nachfrage ist übrigens schon jetzt sehr hoch. Das macht mich sehr glücklich.

Zsolt Balla, Landesrabbiner in Sachsen, ist ab Ende Juni 2021 Militär-Bundesrabbiner. © Quelle: picture alliance/dpa

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Berichte über rechtsextremistische Vorfälle oder antisemitische Ansichten in Einheiten der Bundeswehr. Bereitet Ihnen das Sorgen?

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Natürlich sind Rechtsextremismus und Antisemitismus besorgniserregend – egal, wo sie auftauchen. Und sie gefährden nicht allein jüdische Deutsche, sondern Extremismus greift die Gesellschaft als Ganzes an. Dabei muss man nur an Halle denken, wo ein Rechtsextremist eine Synagoge angegriffen hat und nicht jüdische Bürger tötete. Dagegen sollte jeder aufstehen und sagen: „Für solche Einstellungen ist bei uns kein Platz.“

Manche jüdische Soldaten fühlen sich unwohl

Können sich Soldaten jüdischen Glaubens in der Truppe als Juden offenbaren oder gibt es Probleme?

Ich kenne beides. Es gibt Soldaten, die keine Probleme haben, ihren jüdischen Glauben zu äußern. Manche fühlen sich jedoch nicht wohl bei dem Gedanken, sich den anderen in der Truppe entsprechend mitzuteilen. Dies ist jedoch nicht allein in der Bundeswehr so. Ich kann diese Verhaltensweisen auch in der zivilen jüdischen Gemeinde beobachten. Wir möchten daher generell Juden ermutigen. Wenn wir unsere jüdische Identität offener zeigen können, ohne Benachteiligungen zu fürchten, werden wir die Gesellschaft ein Stück freier machen.

Muss sich die deutsche Politik hier deutlicher positionieren?

Die Bekenntnisse der demokratischen Parteien in Deutschland empfinde ich als deutlich genug. Hass jeglicher Art nicht salonfähig zu machen bleibt die Aufgabe jedes Einzelnen. Das geht nur, wenn alle im Gespräch bleiben und sich auch ausreden lassen. Einfach ist das nicht. Ich bin aber davon überzeugt, nur so werden Hass und jegliche Xenophobien irrelevant.

Bleiben Sie Landesrabbiner in Sachsen?

Ja. Ich werde zur Hälfte als Landesrabbiner und zur Hälfte als Militär-Bundesrabbiner arbeiten. Diese Tätigkeiten zu synchronisieren wird herausfordernd, aber sie haben auch viel gemeinsam.

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Vater unterstützte Rabbinat

Dabei wären Sie fast Christ geworden, habe ich gelesen. Stimmt das?

Mein familiärer Hintergrund ist völlig säkularisiert, obwohl meine Mutter Jüdin ist. Als ich neun Jahre alt war, las ich am liebsten in der Bibel. Gleichzeitig brach 1988 auch in Ungarn die Gesellschaft wie im Osten Deutschlands auf und die religiösen Gemeinschaften artikulierten sich wieder lauter. Ich sah, dass eine katholische Kirche Bibelunterricht anbot und fragte meine Mutter, ob ich daran teilnehmen dürfe. Da sagte meine Mutter: „Wir müssen reden.“ Dann ging ich in die Synagoge. Und mein inzwischen verstorbener Vater hat das am stärksten unterstützt.

Zsolt Balla, sächsischer Landesrabbiner, singt in Leipzig am Gedenkort der ehemaligen Großen Synagoge unter einem achtarmigen Chanukka-Leuchter. © Quelle: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Sie sind Bassist in einer Band namens The Holy Smokes. Welchen Song spielen Sie am liebsten?

Das klingt rockig, nicht? Wir sind drei Rabbiner und spielen seit 15 Jahren als enthusiastische Amateure vorzugsweise jüdische Musik auf Hochzeiten und anderen Festen. Kein Klezmer, schon modern mit zwei E-Gitarren, Schlagzeug und Gesang. Ich liebe Leonard Cohens „Hallelujah“.

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