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TV-Debatte der Vizekandidaten: Pence gibt den Trump im Schafspelz

  • Bei der Vizepräsidentendebatte mit Gegenkandidatin Kamala Harris hält sich Mike Pence wie sein Chef nicht an die Regeln.
  • Doch der 61-Jährige redet ruhig und zivilisiert.
  • Die Demokratin Harris geißelt vor allem das Versagen der Regierung in der Corona-Politik scharf.
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Eigentlich war der Themenblock schon abgeschlossen. Eine Viertelstunde hatten Vizepräsident Mike Pence und seine demokratische Gegenkandidatin Kamala Harris über die Neubesetzung des Supreme Courts diskutiert, und nun sollte es um Rassismus und Polizeigewalt gehen. Doch der Republikaner wollte unbedingt noch einen Satz loswerden: “Nur fürs Protokoll”, sagte er. “Sie hat die Frage nicht beantwortet.”

Damit hatte der 61-Jährige zwar recht. Sein Einwurf entbehrte gleichwohl nicht der unfreiwilligen Ironie. Von Anfang an nämlich hatte sich Pence bei dieser ersten und einzigen Präsidenten-Stellvertreter-Debatte keinerlei Mühe gegeben, auch nur ansatzweise auf die von der Moderatorin Susan Page ebenso klug formulierten wie hilflos gestellten Fragen einzugehen. Er redete, worüber er wollte und so lange er wollte, auch wenn Page ihm mehrfach signalisierte, dass seine Zeit abgelaufen sei.

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TV-Debatte: Harris wirft Trump-Regierung Versagen vor
2:44 min
In der einzigen TV-Debatte der Vize-Kandidaten vor der US-Präsidentenwahl war die Corona-Pandemie ein zentrales Thema.  © Reuters
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Darin ähnelte die mit Spannung erwartete Vizedebatte am amerikanischen Mittwochabend der Präsidentschaftsdebatte vor einer Woche: Wie damals Donald Trump, so scherte sich auch Pence herzlich wenig um die Spielregeln des Duells. Trotzdem hätte der Kontrast kaum größer sein können: Wo Trump brüllte und polterte, verpackte Pence seine Propaganda und Falschaussagen in ordentliche Sätze, die er mit ruhiger Stimme und auf zivilisierte Weise vortrug. Geradezu stoisch gab er den erfahrenen Staatsmann und ließ sich nicht einmal aus der Ruhe bringen, als eine Fliege auf seinem weißen Haar landete.

Harris: Größtes Versagen einer Regierung

“Es gibt nicht einen Tag, an dem ich nicht an die Menschen denke, die ihr Leben verloren haben”, versicherte der Vizepräsident beim Schlagabtausch zur Corona-Krise und demonstrierte damit jene Empathie, die seinem Chef fehlt. Kamala Harris versuchte durchaus, die Sonntagsrede aufzubrechen. Sie erinnerte daran, dass Trump schon Ende Januar von der Gefahr des Virus wusste und sie herunterspielte – und Pence als Chef der Corona-Taskforce keine konsequente Krisenpolitik durchsetzte. “Das amerikanische Volk ist Zeuge des größten Versagens einer Regierung in der Geschichte unseres Landes geworden.”

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Da hatte der Vizepräsident in der Sache wenig dagegenzusetzen, aber aus der Ruhe bringen ließ er sich nicht. Ganz im Gegenteil: Als Harris erklärte, sie traue einer von Trump kurz vor der Wahl präsentierten Impfung nicht, ermahnte sie ihr Kontrahent: “Hören Sie auf, politische Spiele mit dem Leben der Menschen zu spielen.”

Nach dem Willen der Demokraten soll die Präsidentschaftswahl am 3. November vor allem ein Referendum über Trumps Corona-Politik sein, die angesichts von 210.000 Toten in Amerika und der eigenen Erkrankung des Präsidenten höchst angreifbar ist. Zwei allerdings eher mickrige Plexiglas-Trennwände zwischen den Pulten der beiden Diskutanten erinnerten an die realen Gefahren der Pandemie selbst bei einer solchen Fernsehsendung.

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Harris zählte die Versäumnisse der Trump-Regierung auf, enthielt sich aber einer schärferen persönlichen Attacke auf die Verantwortungslosigkeit der Trump-Regierung, unter der das Weiße Haus zu einem regelrechten Hotspot der Infektion geworden ist.

Republikaner setzen ganz auf das Thema Wirtschaft

Ganz offensichtlich sollte die 55-Jährige vor allem den Vorsprung, den der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden in den Umfragen derzeit genießt, nicht gefährden. Das tat die ehemalige Staatsanwältin und heutige Senatorin routiniert und manchmal vielleicht etwas zu glatt. Doch einen eindrucksvollen Moment wie bei der parteiinternen Vorwahldebatte im Juni 2019, als sie ihren damaligen Mitbewerber Biden wegen dessen früherer Position zum gemeinsamen Schulunterricht von weißen und schwarzen Kindern fast vernichtete, erzeugte sie nicht.

Die Republikaner hingegen setzen ganz auf das Thema Wirtschaft. Pence malte in düstersten Farben die Wirkung einer angeblich drohenden massiven Steuererhöhung durch die Demokraten aus. Geschickt entzog er sich der Frage, ob er den Klimawandel für eine existenzielle Bedrohung hält, ebenso wie der nach der künftigen Absicherung von Vorerkrankungen in einer unter Trump weiter sabotierten Obamacare-Krankenversicherung.

In der Rolle des Biedermanns verteidigte er immer wieder Trumps Äußerungen und sein Handeln: Der Präsident sei ein Geschäftsmann und habe Tausende Arbeitsplätze geschaffen, redete er dessen fragwürdige Steuervermeidung klein. Die Berichte zu despektierlichen Auslassungen über gefallene Soldaten wischte er als “absurd” beiseite und leugnete rundweg Trumps kaum versteckte Sympathiebekundungen für weiße Rassisten und rechtsextreme Milizen: “Trump hat jüdische Enkelkinder.”

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Nur am Ende überzog Pence es ein bisschen mit der Schönfärberei. Da las Moderatorin Page den Kommentar einer jungen Zuschauerin vor, die sich über den dauernden Streit in der Politik beschwerte. “Wir können scharf diskutieren”, sagte da der Mann, dessen Chef täglich bei Twitter persönliche Beleidigungen und Diffamierungen abfeuert und die Polarisierung im Land anheizt, “aber wenn die Debatte vorbei ist, dann können wir zusammenkommen als Amerikaner”. Tatsächlich verzog Pence bei diesem Satz keine Miene.

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