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Gefangen zwischen den Fronten: Migranten in der Todesfalle zwischen Polen und Belarus

  • Hunderte Migrantinnen und Migranten versuchten am 8. November den Grenzzaun zwischen Belarus und Polen zu überwinden. Dutzenden ist es am 9. November offenbar gelungen.
  • Die polnische Armee mobilisiert. Eine unbekannte Anzahl an Geflüchteten versteckt sich bei Nachtfrost in den Wäldern.
  • Verbleiben sie zwischen den Fronten, haben sie keine Überlebenschance.
Cedric Rehman
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Curmi Abou kann nicht mehr gehen. Die alte Frau sitzt auf einer vom Regen durchweichten Plane im Wald unweit des Orts Narewka. Sie hat es herausgeschafft aus der von der polnischen Armee abgeriegelten Sperrzone im Grenzgebiet zu Belarus. Zwei ihrer sieben Enkelkinder schmiegen sich an die Großmutter. Körper an Körper suchen sie in ihren nassen Jacken die Wärme des anderen. Ihr Atem bildet Dampfwolken in der nassen Novemberkälte. Curmis vier Monate alte Enkelin sitzt neben der Großmutter auf dem Schoß der Mutter.

Die kleine Belivia schaut aus tiefen Augenhöhlen auf die absurde Szenerie um sie herum. Da ist die kurdische Familie aus dem nordirakischen Duhok, schmutzig und nass und frierend auf dem Boden des polnischen Waldes. Eine Traube von Kamerateams aus Japan, Nordamerika und europäischen Ländern richtet ihre blitzenden Apparate auf die zitternden Menschen auf dem Waldboden.

Kriegsähnliche Szenen

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Journalistinnen und Journalisten sind am 8. November eilig in die Region unweit der polnisch-belarussischen Grenze gereist, als sich am Montag am Grenzzaun kriegsähnliche Szenen abspielten. Da Polen der Presse den Zugang zu einer drei Kilometer tiefen Sperrzone verweigert, kommen die Informationen über die Vorgänge nur in Bruchstücken und gefiltert von polnischen oder belarussischen Behörden ans Tageslicht. Laut polnischem Grenzschutz haben sich 4000 Migrantinnen und Migranten auf der belarussischen Seite der Grenze versammelt.

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Sie versuchen seitdem, den Zaun mit Holzstämmen aufzubrechen oder sich mit Spaten einen Weg darunter hindurchzugraben, heißt es in Warschau. Polen zieht auf der anderen Seite Militär zusammen. Auf Videos in sozialen Medien sind Detonationen zu hören. Die Belarussen werfen den Polen den Einsatz von scharfer Munition vor. Warschau hat die Anschuldigungen bisher nicht kommentiert. Hinter den Geflüchteten hat die belarussische Armee einen Riegel gebildet. Zwei Armeen richten nun also ihre Waffen aufeinander, während Tausende in ihrer Mitte festsitzen.

Zwei Gruppen von Migrantinnen und Migranten soll es laut Angaben der polnischen Nachrichtenagentur PAP am Dienstagabend gelungen sein, die Grenzzäune nahe der Dörfer Krynki und Bialowieza einzureißen. Einigen Migranten sei es dabei gelungen, nach Polen vorzudringen, erklärt PAP. Die Polen sprechen davon, dass die Migranten mit Hilfe der belarussischen Soldaten Rammböcke aus Holzstämmen bauen würden. Sie erhielten wie Baubrigaden in der Sowjetzeit Spaten und Werkzeug in die Hände gedrückt, um den Grenzzaun zu zerlegen.

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Belarussen sollen Migranten an Grenze bringen

Beweise gibt es für die polnischen Behauptungen nicht, aber es gibt Erzählungen wie die von Curmi Abus Sohn Anwar.

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Tausende Migranten versuchen, über die Grenze von Polen zu gelangen. © Quelle: imago images/ITAR-TASS

Belarussen in Uniform und mit Waffen hätten seine Familie am 24. Oktober an die Grenze gebracht, erzählt der Vater des Babys Belivia. Er könne nicht sagen, ob es sich um Militär oder Grenzschützer gehandelt hat. Die Belarussen hätten die Familie danach mit Waffen im Anschlag Richtung polnische Grenze getrieben.

Mit seiner betagten Mutter seien sie dabei nicht sehr schnell vorangekommen. „Die Belarussen haben uns immer wieder geschlagen.“ Am Grenzzaun angekommen, hätten sich die Belarussen in Uniform dann plötzlich hilfsbereit gezeigt. „Sie haben den Draht für uns mit einer Schere aufgeschnitten“, sagt Abu. Bevor sie jedoch die neunköpfige Familie mit ihren sieben Kindern hindurchschlüpfen ließen, hätten sie den Irakern die Smartphones weggenommen. Jene lebenswichtigen Geräte im eiskalten Nirgendwo, mit denen sich ein Weg navigieren oder Hilfe holen lässt.

Orientierungslos verirrte sich die kurdische Familie auf der anderen Seite der Grenze immer tiefer im Wald. Sie trafen polnische Soldaten, die ihnen Suppe und Tee anboten. Sie seien freundlich gewesen, anders als die Belarussen, meint Abu. Sie setzten die Familie aber sogleich in einen Jeep und fuhren sie zurück an die Grenze. Dort sollten sie aussteigen und zurück nach Belarus gehen.

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Auf Asylfragen spezialisierte Juristen bezeichnen solche Rückführungen als Pushbacks. Sie sind sich einig, dass Pushbacks über die Grenze nach internationalem Recht sowie EU-Recht verboten sind. Staaten können entscheiden, Asylanträge anzunehmen oder abzulehnen. Aber sie seien verpflichtet, sie in einem ordentlichen Verfahren zu prüfen, erklären Geflüchtetenrechtler. Das polnische Parlament hat in diesem Jahr das unmittelbare Zurückführen über die illegal übertretene Grenze zu Belarus allerdings für rechtens erklärt. Seit dem Urteil des Verfassungsgerichts Anfang Oktober gilt EU-Recht in Polen ohnehin als in Teilen unvereinbar mit der polnischen Verfassung.

Nach Polen zurückgeprügelt

Neunmal sei es in den vergangenen zwei Wochen für seine Familie hin- und hergegangen zwischen polnischen und belarussischen Uniformierten auf beiden Seiten der Grenze, erzählt Anwar Abu. Die einen schickten sie nach einer Stärkung mit heißer Suppe und Tee zurück nach Belarus, die anderen hätten sie dann wieder zurückgeprügelt nach Polen. Die Familie fand Anfang November schließlich unbeobachtet aus der Sperrzone heraus und ließ sich in einer mit Laub bedeckten Mulde nieder. Hier fand bislang keine Patrouille die Iraker. Ohne Zelte und unter klammen Decken frieren sie nun unter freiem Himmel.

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Mehrere Migranten durchbrechen Grenze von Belarus nach Polen
1:01 min
Mehreren Dutzend Migrantinnen und Migranten ist es gelungen, die Grenze von Belarus nach Polen zu durchbrechen. Einige von ihnen seien nach Belarus zurückgebracht worden.  © dpa
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Der erste Frost bildete sich in den ersten Novembernächten in Ostpolen. Er überzog die Kampierenden am Morgen mit Raureif. „Wir konnten nicht einmal Feuer machen, um uns zu wärmen. Damit hätten wir ja uns verraten können“, erzählt Anwar Abu. Auch das Trinkwasser ging zu Neige. „Wir haben nur noch schmutziges Wasser getrunken.“

Wohin sie auch aufgebrochen wären aus ihrem nasskalten Refugium, überall hätten Grenzbeamte sie erwischen können. Ohne die Navigationshilfe eines Smartphones hätte jeder Schritt auch einer ins Verderben nach Belarus sein können. Ohne Geld und ohne Hoffnung blieb die Familie, wo sie gestrandet war und wo sie in wenigen Nächten ein Grab auf gefrorenem Laub gefunden hätte.

Ana Alboth vom polnischen Hilfsnetzwerk Grupa Granica muss an ihre eigenen beiden Kinder denken, als sie Anwar Abus Töchtern und Söhnen Mützen auf den Kopf setzt und sie dabei in die Wange knufft. Helfer in orangenen Westen verteilen Rote-Kreuz-Decken und Wärmefolie. Tüten mit Proteinriegeln, Nüssen und Trockenobst machen die Runde. Die Kinder greifen zu und die Süße zaubert ein Lächeln auf ihre Gesichter.

Viele fürchten, hinter dem Ganzen steckt mehr dahinter.

Mateusz Janicki, Grupo Granica

Alboth löffelte am Mittag des 9. November gerade mit einer Gruppe von Helfern aus Polen und Deutschland und Journalisten eine Pilzsuppe in einem Restaurant in der Stadt Michalowo, als ihr Smartphone bimmelte. Dreißig Kilometer südlich im Wald spitzte sich die Lage für Anwar Abus Familie nach der fünften Nacht in der Kälte zu. Großmutter Curmi konnte keinen Schritt mehr gehen. Die Kinder waren nach Tagen ohne Essen und kaum Wasser kaum mehr ansprechbar. Wie in einem Märchen tauchten zwei syrischen Frauen aus dem Wald auf. Die Retterinnen hatten die Nummer der polnischen Helfer von Grupa Granica über Mund-zu-Mund-Propaganda erfahren. Sie gaben Anwar Abu ihr Smartphone, damit er die Nummer anwählt. Eine Aktivistin von Grupo Granica rief dann bei Alboth an.

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Vor Grenze zu Belarus: Polizei stoppt Bus mit deutschen Helfern
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Die polnische Polizei hat einen Bus von deutschen Flüchtlingsaktivisten gestoppt, die auf dem Weg zur Grenze nach Belarus waren.  © dpa

Grupa Granica hatte in Michalowo gemeinsam mit dem deutschen Bündnis „Mauerfall jetzt“ am 9. November eine Pressekonferenz vor dem Rathaus der Kleinstadt abgehalten, bevor es zum Mittagessen in ein Lokal ging. Das zu diesem Anlass gegründete Bündnis aus deutschen Nichtregierungsorganisationen wie „Leave no one behind“ und Seebrücke Deutschland war am Vormittag mit dem Bus von Berlin ins polnische Grenzgebiet aufgebrochen. Die deutschen Helfer hatten für ihre Kolleginnen und Kollegen 14 Kisten mit Ausrüstung zur Lebensrettung mitgebracht. Außerdem wollten sie mit der Forderung an die Bundesregierung, am Tag des Falls der Berliner Mauer zwischen Polen und Belarus gestrandete Migrantinnen und Migranten aufzunehmen, ein Zeichen setzen.

Ana Alboth erkannte, welche Chance die Anwesenheit der internationalen Gäste für die Familie bedeutet. Sie bat die Journalistinnen und Journalisten, mit ihr zu den gestrandeten Irakern zu fahren. „Wenn so viele Medien mit dabei sind, steigt die Chance, dass sie auch in Polen Asyl beantragen können und nicht zurückgeschickt werden“, meinte die Helferin. Gleichzeitig informierte Grupa Granica den polnischen Grenzschutz über die Koordinaten der Familie.

Auf der Fahrt von Michalowo nach Narewka passieren die Autos der Helferinnen und Helfer Militärtransporter. Am Himmel rattern Armeehelikopter. Sirenen schrillen aus der Ferne. In den Hotels der Region sei kein Zimmer mehr frei, weil die Regierung in Warschau ihr Personal dort unterbringe, erzählen Helfer. Es wirkt, als würde Polen in den Krieg ziehen. Aber womöglich geht es Warschau nicht nur um die Migrantinnen und Migranten mit ihren Spaten und Holzstämmen. Mateusz Janicki von Grupa Granica erklärt sein eigenes mulmiges Gefühl angesichts des Truppenaufmarsches an der Grenze: „In Polen glaubt niemand, dass Putin und Lukaschenko sich nicht treffen und Russland jetzt nicht genau Bescheid weiß, was er plant. Viele fürchten, hinter dem Ganzen steckt mehr.“

Anfang November schalteten sich die beiden Machthaber auf einer Videokonferenz zusammen und verabredeten weitere Schritte zur Bildung einer Union zwischen Russland und Belarus. Putin schaltete sich von der Krim zu, die Lukaschenko bislang noch nicht als Teil Russlands anerkannt hat. Am Dienstag versicherte Putin am Telefon Lukaschenko seine Unterstützung im Migrantenstreit mit Polen. Er kritisierte Warschau für das „harte Vorgehen gegenüber friedlichen Menschen“ an der Grenze. Der russische Präsident verlor kein Wort darüber, dass Belarus seit Monaten freigiebig Visa in Ländern wie dem Irak verteilt und Migrantinnen und Migranten in Sonderflügen nach Minsk transportiert. Bei aller Kritik an der PiS-Regierung und ihren Pushbacks steht für Janicki fest, wer die hauptsächliche Verantwortung für das Elend an der Grenze trägt: Alexander Lukaschenko. „Ich weiß auch aus Gesprächen, wie es in den Herzen unserer Soldaten aussieht. Sie folgen ihren Befehlen, aber sie sind genauso fertig wie wir Helfer“, sagt Janicki.

Grenzbeamte wirken verärgert

Die Grenzbeamten wirken angesichts der versammelten Weltpresse eher verärgert, als sie an den von Grupa Granica übermittelten Koordinaten auftauchen. Einige verbergen ihre Gesichter hinter Sturmmasken. Die Gesichter der übrigen wirken wie versteinert. Sie treiben die Journalisten und Kameramänner zur Seite und lassen sich die aufgeweichten Pässe von Anwar Abu geben.

Einige Grenzbeamte versuchen, Curmi Abu aufzurichten. Die ältere Frau sackt immer wieder unter ihren Händen zusammen. Schließlich organisieren zwei der Grenzer eine Trageliege. Sie hieven die Frau darauf und schleppen sie und ihr Elend davon. Der Rest der Familie erhebt sich und klaubt Kleidung aus dem Laub auf. Dann setzen sie sich in Wärmedecken gehüllt hinter den Uniformierten in Bewegung. Die Helfer weichen nicht von ihrer Seite. Die Journalistinnen und Journalisten bilden das Ende der Kette aus dem Wald. Eine polnische Fernsehreporterin kann ihre Tränen nicht zurückhalten. Sie wird von einer Kollegin in den Arm genommen.

Wir bekommen aus der Sperrzone Anrufe von Migranten, die uns fragen, was sie mit den Toten machen sollen.

Ana Alboth

Ana Alboth ist sich nicht sicher, dass ihr Manöver erfolgreich sein wird. „Es kann auch sein, dass sie die ältere Frau ins Krankenhaus bringen und den Rest wieder zum Pushback in die Sperrzone schicken“, sagt sie. Es käme häufig vor, dass Familien getrennt würden, fügt sie hinzu.

Die Kälte kriecht mit der Nässe durch die Schichten der Kleidung. Die Socken in den Stiefeln werden nach nur wenigen Stunden im Wald klamm. Helfer und Journalisten sind froh, dass sie wieder in ihre Autos steigen können, nachdem der Krankenwagen und das Geländeauto des polnischen Grenzschutzes mit der irakischen Familie abgefahren sind.

Helfer bereiten sich auf lange Nacht vor

Die polnische Helferin bereitet sich auf eine weitere lange Nacht vor. Dann wird sie mit Infrarotlampen und einem Rucksack voller Wärmedecken und Thermoskannen voller heißem Tee und Suppe durch den Wald laufen. Sie habe dabei Menschen ohne Schuhe angetroffen. Und sie habe Angst, über Leichen zu stolpern. „Wir bekommen aus der Sperrzone Anrufe von Migranten, die uns fragen, was sie mit den Toten machen sollen, die sie finden“, sagt Alboth.

„Kinder sind aber auch schlimm. Wir würden sie am liebsten mitnehmen, irgendwohin, wo es warm ist, aber das dürfen wir nicht. Wir geben ihnen heiße Suppe und müssen uns dann umdrehen und weiterlaufen. Es gibt so einen himmelweiten Unterschied bei uns zwischen Moral und Recht“, sagt die 33-Jährige.

Der nächste Tag bricht klar an. Für die kommende Nacht bedeutet das wieder einen Sternenhimmel und Temperaturen unterhalb des Gefrierpunkts. Der Bus des Bündnisses „Mauerfall jetzt“ ist wieder zurück in Berlin. Er hatte keine Migranten an Bord.

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