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Das Ende des Kalten Kriegs war sein Lebenswerk

Reaktionen auf Gorbatschows Tod in Russland – letzte warme Worte nach einer unterkühlten Beziehung

Michail Gorbatschow, Friedensnobelpreisträger und ehemaliger sowjetischer Staatschef, ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in Moskau.

Michail Gorbatschow, Friedensnobelpreisträger und ehemaliger sowjetischer Staatschef, ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in Moskau.

Moskau. Die Pietät gebietet es, über einen Toten nicht schlecht zu reden. Das gilt auch in einem Land wie Russland, das einen Nachbarstaat in blutige Kampfhandlungen hineingezogen hat: „Michail Gorbatschow war ein Politiker und Staatsmann, der den Lauf der Weltgeschichte maßgeblich beeinflusst hat“, schrieb der derzeitige Feldherr Wladimir Putin in einem Beileidstelegramm an die Familie und Freunde Gorbatschows. In der Nacht auf den heutigen Mittwoch war bekannt geworden, dass der letzte Präsident der Sowjetunion im Zentralen Klinischen Krankenhaus in Moskau im Alter von 91 Jahren verstorben ist.

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„Er führte unser Land in einer Zeit komplexer, dramatischer Veränderungen, groß angelegter außenpolitischer, wirtschaftlicher und sozialer Herausforderungen“, schreibt Putin weiter in dem Telegramm, das auf der Webseite des Kremls veröffentlicht wurde. „Er hatte ein tiefes Verständnis für die Notwendigkeit von Reformen und war bestrebt, eigene Lösungen für dringende Probleme anzubieten.“

Zum endgültigen Abschluss ihrer jahrzehntelangen Bekanntschaft wählte Putin freundliche Worte für Gorbatschow, doch sein Interesse an dem Mann, dessen Politik zur Auflösung der Sowjetunion führte, war zuletzt gering. Wie der ungarische Fernsehproduzent János Zolcer der Schweizer Tageszeitung „Blick“ sagte, habe Gorbatschow in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, mit Putin zu telefonieren: „Doch dieser hat ihn nie zurückgerufen. Er hat nicht einmal das Telefon abgenommen. Einmal pro Jahr haben sie sich getroffen, sonst bestand kein Kontakt“, so Zolcer, ein guter Bekannter des früheren KPdSU-Generalsekretärs.

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„Mit den aktuellen Kämpfen wird das alles zerstört“

Das kühle Verhältnis lässt sich durch politische Meinungsunterschiede erklären: Putins vielzitierter Ausspruch aus dem Jahr 2005, der Zerfall der Sowjetunion sei „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ gewesen, hat mit der militärischen Eskalation in der Ukraine eine überaus bedrohliche Bedeutung angenommen, durch die Gorbatschow sein Lebenswerk bedroht sehen musste. Der Friedensnobelpreisträger sei traurig gewesen, dass sich Russland für die militärische Option entschieden habe, offenbart Zolcer: „Er selbst hat sieben Jahre lang daran gearbeitet, den Kalten Krieg zu beenden und ein gemeinsames Verhältnis aufzubauen. Doch mit den aktuellen Kämpfen wird das alles zerstört.“

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Viele ranghohe westliche Politiker sind ob des Konfliktes um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit Einreiseverboten belegt.

Divergierende Ansichten zwischen dem derzeitigen Präsidenten Russlands und Gorbatschow lassen sich auch aus Aussagen von Putins Pressesprecher Dmitrij Peskow herauslesen, der nicht davor zurückschreckte, den gerade eben erst Verstorbenen mit Worten zu würdigen, die ihn als naiven Idealisten erscheinen lassen: „Er wollte aufrichtig glauben, dass der Kalte Krieg enden und eine ewige Romanze zwischen der neuen Sowjetunion und der Welt und dem Westen, dem kollektiven Westen, wie wir es nennen, beginnen würde“, sagte Peskow nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti. „Eine solche Liaison hat sich nicht ergeben, es gab keine romantische Epoche und Flitterwochen haben sich nicht realisieren lassen. Die Blutrünstigkeit unserer Gegner hat sich gezeigt.“

Mit dieser Stellungnahme deutete Peskow an, welche Mehrheitsmeinung über Gorbatschow in Russland vorherrscht. Eine 2016 veröffentlichte Umfrage der staatlich finanzierten Stiftung für öffentliche Meinung ergab, dass nur 9 Prozent der Russinnen und Russen Gorbatschow gegenüber „gut“ eingestellt waren, während ihn 39 Prozent als „schlecht“ einstuften und sich 42 Prozent als ambivalent bezeichneten. In derselben Umfrage gaben 58 Prozent der Befragten an, er habe eine negative Rolle in der russischen Geschichte gespielt, während 15 Prozent seine historische Bedeutung als positiv beschrieben.

Letzte Ruhestätte auf dem Nowodewitschi-Friedhof

In einer weiteren Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstitutes Levada Center aus dem Jahr 2013 sah eine knappe Mehrheit der Interviewten Gorbatschow und seine Ära negativ, während sich eine große Minderheit diesbezüglich als ambivalent bezeichnete. Auf die Frage nach der von Gorbatschow eingeleiteten Perestroika gaben 66 Prozent an, dass sie diese Phase der sowjetischen Geschichte im Großen und Ganzen negativ einstufen.

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Die Umfrageergebnisse spiegeln einen Meinungswandel in der russischen Öffentlichkeit über Gorbatschow wider. Unmittelbar nach dem Ende der Sowjetunion begrüßten die Menschen mit überwältigender Mehrheit die Gelegenheit, die Geschichte für ein neues, unabhängiges Russland umzuschreiben, mittels der Freiheitsrechte, die Gorbatschow durchgesetzt hatte. In den letzten Jahren schloss sich aber eine Mehrheit der Russinnen und Russen der Meinung ihres derzeitigen Präsidenten an, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion hätte vermieden werden müssen. Dazwischen lagen allerdings die Neunzigerjahre, die von Armut, blutigen Bandenkriegen und einem Staatsbankrott geprägt waren. Dieses Chaos wird heute dem Reformkurs Gorbatschows angelastet, der als planlos eingeschätzt wird.

Im Westen wurde Gorbatschow bis zuletzt aber als Freiheitsheld gefeiert, der den Kalten Krieg beendete und den Deutschen die Einheit brachte. Internationale Spitzenpolitiker nehmen daher rege Anteil an seinem Tod. Doch können sie ihm auch die letzte Ehre bei seinem Begräbnis erweisen?

Schon lange vor seinem Tod hatte der Friedensnobelpreisträger veranlasst, dass er seine letzte Ruhestätte auf Moskaus berühmtem Prominentenfriedhof am Nowodewitschi-Kloster finden soll. Dort liegen nicht nur Boris Jelzin und der frühere sowjetische Staatsführer Nikita Chruschtschow, sondern auch Gorbatschows 1999 verstorbene Frau Raissa, neben der er sich ein Grab gesichert hatte.

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Westliche Botschaften planen Teilnahme an Trauerfeier

In normalen Zeiten liegt dieser Ort circa drei Flugstunden entfernt von Westeuropa. Doch der Luftraum in Russland ist wegen der Ukraine-Krise für westliche Fluggesellschaften gesperrt und viele ranghohe amerikanische und europäische Politiker sind als Reaktion auf die Sanktionen der EU und der USA mit Einreiseverboten belegt worden. Es erscheint daher unwahrscheinlich, dass westliche Trauergäste von außerhalb der Grenzen anreisen können.

Nach Angaben von Beobachtern planen zumindest die westlichen Auslandsvertretungen in Russland derzeit, ihre Repräsentanten an der Bestattungsfeier teilnehmen zu lassen. Doch noch wird sondiert, zu welchen Konditionen das stattfinden kann. Auch die Frage, ob Gorbatschow ein Staatsbegräbnis bekommt, ist noch nicht geklärt. Das werde im Laufe des Mittwochs entschieden, sagte Kremlsprecher Peskow: „Es ist noch früh am Tag, da müssen sie sich noch etwas gedulden“, antwortete er nach Angaben von Ria Nowosti auf entsprechende Fragen.

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