#MeToo? Da war doch mal was …

  • Gegen Regisseur Dieter Wedel wird nun doch Anklage wegen Vergewaltigung erhoben.
  • Im US-Bundesstaat New York erinnert der Skandal um Gouverneur Cuomo an die einstige Strahlkraft von #MeToo.
  • Grünen-Chefin Anna-Lena Baerbock macht im RND-Interview klar, wie sehr sie Gleichstellung lebt.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

drei Jahre lang schien es so, als würden die Ermittlungen im Sande verlaufen. Gestern dann gab die Staatsanwaltschaft München bekannt, dass sie nun doch Anklage gegen Regisseur Dieter Wedel wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung erheben wird.

Der Fall des heute 81-Jährigen hatte in Deutschland damals hohe Wellen geschlagen. Erinnerte die Schilderung der Klägerin doch sehr an das, was in den USA über den mächtigen Filmproduzenten Harvey Weinstein berichtet worden war und die weltweite #MeToo-Bewegung mit ausgelöst hatte, die aufgezeigten Abläufe ähnelten sich.

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Wie die „Zeit“ damals berichtete, soll Wedel eine Schauspielerin im Bademantel in seinem Hotelzimmer empfangen und sie dort sexuell missbraucht haben. Der Fall Wedel hatte auch deshalb Schlagzeilen gemacht, weil sich der Regisseur aufgrund der Bekanntmachung der Vorwürfe als Opfer einer Vorverurteilung gesehen hatte. Bis heute steht Aussage gegen Aussage, eine Schuld ist nicht bewiesen. Nun soll die 10. Strafkammer des Landgerichts München darüber befinden, ob sie die Anklage zulassen wird.

Regisseur Harvey Weinstein (Zweiter von links) muss aus diesen Gründen 23 Jahre in Haft, US-Präsident Donald Trump, Schauspieler Kevin Spacey und der deutsche Regisseur Dieter Wedel sind ebenfalls mit derartigen Vorwürfen konfrontiert. © Quelle: imago images/ZUMA Wire/Eibner/fStop Images/dpa/RND Montage Behrens

Die Nachricht aber ruft in Erinnerung, wie still es um die #MeToo-Bewegung geworden ist. In der Psychologie bezeichnet man einen solchen Vorgang als Habituierung, es handelt sich um eine Gewöhnung, die der Daueraufregung nach einer gewissen Zeit weicht.

Sexuelle Übergriffe und Missbrauchsfälle gab und gibt es selbstverständlich auch mit und nach #MeToo. Jeder einzelne Fall ist grausam und zu viel. Warum die #MeToo-Bewegung ihre Kraft verloren hat, berichtet RND-Autor Imre Grimm am Beispiel eines Falles aus dem US-Bundesstaat New York. Dort will der demokratische Gouverneur Andrew Cuomo trotz Vorwürfen der sexuellen Belästigung im Amt bleiben. Bisher halten viele Parteikollegen zu ihm – Probleme hingegen bekommen die Frauen, die sich offen über sein Verhalten geäußert hatten.

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Keine Diskriminierung unter Feministinnen

Dass das Thema #MeToo ausgerechnet an diesem Wochenende wieder aufflackert, ist ein Zufall. Es passt jedoch zur Debatte. Vor dem Weltfrauentag am Montag diskutiert Deutschland mal wieder termingerecht über Gleichstellung.

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Unsere Autorin Jutta Rinas erlebte bei ihren Recherchen zur Frauenbewegung zu ihrer eigenen Begeisterung Feministinnen, die einen ganz anderen Blick auf die Gesellschaft haben, als es Rinas aus ihrer eigenen Generation kennt. Es gebe viele weiße Frauen, deren Blick im Kampf um mehr Gleichberechtigung sich hauptsächlich auf Männer, insbesondere weiße Männer, richte, sagte ihr etwa die Autorin Alice Hasters. „Aber wenn diese weißen Frauen es neben Arbeit und Kindern nicht mehr schaffen, die Wohnung zu putzen, wen stellen sie dann ein? Migrantinnen, schwarze Frauen. Es wäre wichtig, wenn weiße Feministinnen das stärker bedenken.“

Wie das Thema Gleichstellung in Teilen der deutschen Politik bereits gelebt wird, ist in dem sehr lesenswerten Interview mit Grünen-Chefin Anna-Lena Baerbock zu entdecken, das RND-Chefreporterin Daniela Vates und Hauptstadt­korrespondent Markus Decker geführt haben. Baerbock berichtet darin unter anderem recht lässig, dass es für sie keine große Sache sei, große Politik und Familie zu vereinbaren – schließlich habe Barack Obama das auch geschafft.

Dennoch spricht sich Baerbock für eine Quote bei den Koalitions­verhandlungen aus: „Wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht gleichberechtigt beteiligt, repräsentiert und bezahlt wird, ist die Demokratie nicht vollkommen“, sagt sie. „Wir sollten bei einem Blick auf die Lage in der Welt nicht vergessen: Frauenrechte sind der Gradmesser für liberale Demokratien. Wir erleben weltweit, dass das Beschwören des starken Mannes mit dem Erstarken von autoritären Kräften und mit einem Abbau von demokratischen Rechten einhergeht.“

Am Ende des Gesprächs spricht die Politikerin vom „Kanzlerinnenamt“. Auch Bezeichnungen von Gebäuden mit bundespolitischer Bedeutung lassen sich gendern.

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Zitat des Tages

Im April wird mehr Impfstoff da sein, als in den Impfzentren verimpft werden kann.

Jens Spahn, Bundes­gesundheits­minister, am Freitag bei einer Pressekonferenz mit dem Robert-Koch-Institut in Berlin

Leseempfehlungen

Ein Jahr Verschwörungs­theorien: Die Corona-Krise mag Anlass für die krudesten Verschwörungs­erzählungen sein – und Figuren wie Attila Hildmann oder Vertreter der Querdenker-Bewegung genießen bei ihren Anhängern bis heute volles Vertrauen. RND-Autor Matthias Schwarzer stellt in seinem Rückblick fest: Die bekanntesten Corona-Mythen sind nie eingetreten.

Steinmeier und das Leid der Corona-Opfer: Auch die Trauer ist in Pandemie­zeiten erschwert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wirbt schon länger für eine zentrale Feierlichkeit zum Gedenken an die Corona-Toten am 18. April. Am Freitag erinnerte er an die mehr als 71.000 Menschen in Deutschland, die bislang an oder mit dem Coronavirus gestorben sind. Steinmeier sprach mit fünf Hinterbliebenen, zwei von ihnen waren ins Schloss Bellevue gekommen, drei zugeschaltet. Es waren Gespräche voller Bitterkeit, voller Vorwürfe, und dennoch taten sie allen Beteiligten gut, schreibt RND-Hauptstadt­korrespondent Jan Sternberg. Denn das Virus verändert nicht nur das Leben. Es verändert auch das Sterben und das, was danach kommt. Damit darf niemand alleingelassen werden.

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Italien verschärft die Maßnahmen: Da sind sie wieder, die roten Zonen. In Italien tritt das neue Corona-Dekret in Kraft. In den roten Zonen müssen die Schulen schließen. Inneritalienische Reisesperren gelten bis mindestens 27. März.

Kritiker protestieren: Gegner der Corona-Maßnahmen wollen aus mehreren Städten in Autokorsos nach Leipzig kommen. Ein Dutzend Protestaktionen sowie zahlreiche Gegen­veranstaltungen sind angekündigt. Auch in Österreich sind zahlreiche Versammlungen gegen die Corona-Maßnahmen angekündigt. Die Polizei in Wien hat zwölf von insgesamt 36 Kundgebungen verboten.

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