Merz-Talk bei Maybrit Illner: „Das ist ein Putsch“

  • Friedrich Merz hat mit seiner klaren Kritik an Kanzlerin Angela Merkel die sogenannte K-Frage in der Union neu entfacht.
  • Er selbst gilt nun als einer der Favoriten auf die Merkel-Nachfolge.
  • Bei „Maybrit Illner“ allerdings werden vor allem Vorwürfe gegen den Politiker, der selbst nicht zu Gast war, laut.
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Berlin. Erst das schlechte Wahlergebnis für die CDU in Thüringen, dann stellt der Chef der Jungen Union, Tilman Kuban, im Parteivorstand die Führungsfrage, und am Abend beschreibt Friedrich Merz in einem Interview die Arbeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel als „grottenschlecht“. Diese 24 Stunden haben gereicht, um die Frage der Kanzlerkandidatur in der Union neu zu entfachen. Im Mittelpunkt steht dabei Friedrich Merz. Hat er das Zeug zum Kanzler? Und wohin würde er die CDU thematisch führen? Und was ist eigentlich mit den anderen potenziellen Merkel-Nachfolgern in der Union? Dieser Frage ging am Donnerstagabend Maybrit Illner in ihrer Sendung nach.

Die Gäste

Carsten Linnemann, CDU-Fraktionsvize und Vorsitzender der Mittelstandsunion, ist bekennender Merz-Anhänger und vermisst ein klares Profil der Kanzlerin. „Merkel war zu lange unser einziges Argument“, sagt er.

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Bernhard Vogel, CDU-Urgestein und ehemaliger Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen, sieht im Erstarken der Ränder vor allem eine Ursache: die große Koalition.

Die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch hat mehr Anforderungen an einen Kanzlerkandidaten als ein aufsehenerregendes Interview zu geben. „Ein Kandidat braucht Mut. Bislang hören wir nur Meckern.“

Der zweite Politologe des Abends ist Talkshow-Dauergast Albrecht von Lucke. Für ihn ist klar: Merz plant nichts Geringeres als einen „Putsch“.

Zusammen mit von Lucke besetzt an diesem Abend die taz-Journalistin Anja Maier den linken Flügel in der Runde. Zwar hält auch sie die Bilanz der Groko für „nicht gut“. „Grottenschlecht“ sei hingegen das Merz-Interview gewesen.

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Zusätzliches Öl ins CDU-Feuer goss in dieser Woche auch das Magazin „Cicero“. Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch (CDU) verlangt darin, dass auch ein Kanzler oder eine Kanzlerin wieder eigene Ideen entwickelt, auch wenn sie mal unpopulär sind. Ist der berüchtigte Anden-Pakt der CDU wieder da? „Cicero“-Herausgeber Alexander Marguier stellt klar: Eine Absprache zwischen dem Magazin und dem Team um Merz und Koch habe es nicht gegeben.

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Merz attackiert Merkel – Seehofer mahnt zur „Disziplin“
0:51 min
Nach dem schlechten Abschneiden der CDU bei der Landtagswahl in Thüringen gehen Funktionäre der Partei auf Kanzlerin Merkel los, darunter auch Friedrich Merz.  © Marcel Sacha/AFP
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Linnemann mit Seitenhieb gegen Daniel Günther

Direkt zu Beginn der Debatte gibt Linnemann seinem Parteifreund Koch Rückendeckung. „Es bedarf an Führungsverantwortung“, sagt der 42-Jährige – und zwar sowohl in der Partei als auch im Kanzleramt. Was es in der Union nun brauche, sei eine „Aufbruchsstimmung“ und Politiker mit „Haltung“. Wie alt oder welches Geschlecht diese haben, sei völlig egal. Ein klarer Seitenhieb in Richtung Daniel Günther. Der CDU-Ministerpräsident in Schleswig-Holstein hatte gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) die Kritik von Merz zur persönlichen Rache „von älteren Männern“ erklärt, „die vielleicht nicht ihre Karriereziele in ihrem Leben erreicht haben".

Der zweite CDU-Mann in der Runde versucht sofort, die Luft aus dem Kessel zu nehmen. Es liege nun mal in der Natur großer Koalitionen, Kompromisse zu schließen, sagt Vogel. Gleichzeitig widerspricht er der Merz-These, die Regierungsbilanz sei „grottenschlecht“. Optimistisch stimmt ihn der Blick in die Zukunft: Nach der nächsten Wahl – Vogel spricht vom Jahr 2021 – werde es definitiv eine andere Koalition im Bund geben.

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Günther verteidigt Merkel gegen Kritik von „älteren Männern“
0:30 min
Friedrich Merz hatte Merkel scharf kritisiert und ein vorzeitiges Ende ihrer Kanzlerschaft gefordert.  © Marcel Sacha/AFP

Und was ist mit Söder, Laschet und Spahn?

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Aber wer soll denn nun Kanzlerkandidat der Union werden? Potenzielle Bewerber gibt es reichlich. „Cicero“-Herausgeber Marguier verwundert es, dass Merz so hohe Beliebtheitswerte in der Bevölkerung hat. Schließlich habe er in den vergangenen Jahren als Politiker auf dem Abstellgleis keine Projekte in Gang gebracht, geschweige denn umgesetzt. Da hätten die potenziellen Konkurrenten Armin Laschet, Markus Söder und Jens Spahn als Ministerpräsidenten oder Minister deutlich mehr vorzuweisen. „Dagegen verblasst Friedrich Merz“, sagt Marguier. Politologin Münch springt ihm bei. Merz sei eine „Projektionsfläche“ für alle unzufriedenen CDU-Wähler. Denn wer keine Verantwortung trägt, könne schließlich auch keine Fehler machen.

Die besten Pointen

Die K-Frage wollen die beiden CDU-Männer des Abends vermeiden. „Es gibt keinen Grund, derzeit über die Kanzlerfrage zu diskutieren“, sagt Vogel. Schließlich stehe die nächste Bundestagswahl erst in knapp zwei Jahren an. Ähnlich optimistisch ist auch Linnemann. Er formuliert seine Haltung zur Frage der Kanzlerkandidatur pointierter: „Der FC Bayern gibt doch auch heute noch nicht die Aufstellung für das Halbfinale in der Champions League bekannt.“

Auch in der Frage der Parteiführung gibt sich Linnemann als Mannschaftssportler. „Denken wir doch mal über ein Team nach“, sagt er. Wer darin seiner Meinung nach Platz finden soll? „Frische und mutige Köpfe.“ Nicht unwahrscheinlich, dass er auch sich damit meint.

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Richtig Fahrt nimmt die Debatte in der zweiten Hälfte der Sendung auf. Erst nach rund 30 Minuten kommt der Politikwissenschaftler von Lucke mit in die Runde – und ist wie üblich um scharfe Formulierungen nicht verlegen. Das Merz-Interview sei nichts Geringeres als ein „Putsch“ gegen Angela Merkel, sagt er.

Mehr noch: Merz habe dadurch sogar Schaden genommen. Denn durch seine Aussagen seien „die Reihen hinter der Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer so sehr geschlossen, wie es anders kaum möglich gewesen wäre“. Jetzt kriegt Merz die volle Breitseite ab. Gastgeberin Illner will von dem Politikwissenschaftler wissen, wohin dieser das Land führen wolle. Von Luckes Antwort: „In seine Regentschaft.“

Fazit

Mit der Auswahl der Gäste hat Maybrit Illner auf rhetorisches Feuerwerk gesetzt – und es auch bekommen. Gelitten hat dabei aber vor allem die Analyse der anderen CDU-Kandidaten für die Merkel-Nachfolge. Wer hat welche Stärken? Mit wem würden sich welche Machtkonstellationen am besten realisieren lassen? Darauf blieb die Runde Antworten schuldig.