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Merkel und das Präventionsparadox

Die Corona-Chroniken.

Hannover. Deutschland hat in Zeiten der Viruskrise schon mal viel ruhiger und harmonischer gewirkt. Inzwischen aber wird nach und nach alles wieder hochgefahren, auch die Kritik an “denen da oben”.

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Manche verunsichert das. Sie liebten das feierliche Versammeltsein hinter der Kanzlerin. Tatsächlich aber sehen wir jetzt die erfreuliche Wiederkehr des Normalen: Lebenszeichen einer Demokratie, die lange den Atem angehalten hat.

Es ist völlig in Ordnung, wenn jetzt Grünen-Chefin Annalena Baerbock dem NRW-Regierungschef Armin Laschet mal richtig eins reintunkt: Warum die langen Wochen des Lockdowns nicht genutzt wurden, um die Schulen auf den Neustart vorzubereiten, fragte sie in einer Talkshow. Volltreffer.

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Vereint beim Lockdown, zerstritten bei der Lockerung

Es ist auch das gute Recht unabhängiger Denker von Juli Zeh bis Wolfgang Schäuble, intellektuell Provozierendes vom Stapel zu lassen. Dass ein radikales Runterfahren der Gesellschaft mehr schaden kann als die früher lautlos in Kauf genommenen 25.000 Grippetoten, ist ein Gedanke, der jedenfalls diskutiert gehört.

Die Politik, das ist ja wahr, darf nicht von Virologen diktiert werden. Gewicht hat auch, was die Soziologen sagen, die Ökonomen, die Psychologen.

In der Debatte um die jetzt nötigen Abwägungen empfiehlt sich ein Verzicht auf schrille Töne. Nachdem die Deutschen in der Lockdown-Phase so wundersam vereint waren, wäre es gut, wenn sie nun in der Lockerungsphase nicht ins andere Extrem übergingen. Schon kehren einige Scharfmacher, rechten Routinen folgend, zur Merkel-muss-weg-Rhetorik zurück: Als “völlig übertrieben” habe sich doch inzwischen alles erwiesen, was die Kanzlerin den Deutschen zugemutet hatte.

Die Wahrheit ist: Deutschlands Lockdown, der eher zu spät als zu früh kam, war kein Meisterwerk, vor dem man sich bis in alle Ewigkeit verneigen muss. Doch die Maßnahme war immerhin geeignet, die Wucht einer exponentiell hochschießenden Viruswelle gerade noch rechtzeitig zu brechen, anders als in vielen anderen Staaten.

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Ärzte wissen es: Prävention führt nie zum Ruhm

Merkel hat geholfen, eine Katastrophe abzuwenden – und muss paradoxerweise gerade wegen deren Ausbleibens mit neuen Fragen und neuen Zweifeln leben: War das heftige Gegensteuern wirklich nötig?

Merkel ist nicht wehleidig, sie kennt das Präventionsparadox. Schon nach der Finanzkrise 2009 ging es heiter weiter – in einer Stimmung, wie sie wohl auch am Morgen des 15. April 1912 an Bord der “Titanic” geherrscht hätte, wenn es dem Kapitän gelungen wäre, dem Eisberg auszuweichen: Warum knirschte das Schiff denn so? Ist nicht eine so dramatische Kurvenfahrt völlig übertrieben?

Die Demokratie kehrt zurück zur Normalität. Und eine vor allem unter Ärzten bekannte alte Weisheit bestätigt sich neu: Prävention führt nie zum Ruhm.

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Doch eine Verengung der Debatte auf Beifall oder Buhrufe für diesen oder jenen Regierenden führt ohnehin nicht weiter. Deutschland insgesamt würde es am meisten helfen, wenn die neu gewonnene Orientierung aufs Tatsächliche, aufs Wissenschaftliche, beim weiteren Weg durch diese Krise erhalten bliebe. Das ist ein Thema für alle, nicht nur für die Politik. Denn jeder trägt, anders als bei vielen anderen Themen, rund um die Uhr eine Mitverantwortung.

Das populistische Gerede über “die da oben” könnte ohnehin bald auf ganz neue Art verstummen – wegen möglicherweise besonders guter oder besonders schlechter Entscheidungen von “denen da unten”: Im dezentralen Tanz mit dem Virus übernehmen jetzt die regionalen Gesundheitsbehörden die Regie.

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