Merkel muss Europa führen, es geht nicht anders

  • In Meseberg trifft heute ein geschwächter französischer Präsident auf eine neuerdings wieder stärkere deutsche Kanzlerin.
  • Ratspräsidentin Merkel plus Kommissionspräsidentin von der Leyen – Europa erscheint plötzlich so deutsch wie noch nie.
  • Aber nie tickte auch Deutschland so europäisch wie jetzt. Ein Kommentar von Matthias Koch.
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Hannover. Wer hat mehr Elan, Angela Merkel oder Emmanuel Macron? Bis vor Kurzem hätte alle Welt auf den Franzosen gedeutet.

Inzwischen aber haben sich die Dinge gedreht, in kurioser Weise. Die deutsche Kanzlerin entfaltet ausgerechnet zum Ende ihrer vierten Amtszeit einen Einfluss wie nie, im eigenen Land und quer durch Europa. Der französische Präsident dagegen lässt gerade deutlich nach, noch während seiner ersten Amtszeit. Am Sonntag liefen seiner Partei La Republique En Marche bei den Kommunalwahlen die Wähler weg. Schon zuvor war der Präsident in Popularitätsumfragen von seinem eigenen Premierminister überholt worden.

Die Meseberg-Methode erhöht die Akzeptanz

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Im Gästehaus der Bundesregierung in Meseberg trifft Macron heute auf eine Kanzlerin, die ihre Kraft aus einer gewissen Ruhe schöpft. Sie hatte es in ihrer Regierungszeit schon mit drei weiteren französischen Präsidenten zu tun: Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy, François Hollande. Merkels Selbstbewusstsein hat nicht gelitten in all den Jahren. Jüngst erlaubte sie sich, durch eine Absage an Donald Trump den G-7-Gipfel in den USA im Ergebnis abzublasen. Macron hatte sich zuvor noch hinhaltend geäußert. Wollte er sich wieder als Trump-Flüsterer versuchen?

Merkel zeigt einen zunehmenden Eigensinn. Sie will endlich europäische Schlüsse ziehen aus der Weltlage, vor allem aus dem wachsenden Einfluss Chinas rund um den Globus und dem gleichzeitig nachlassenden Interesse der USA an Europa.

Deutschland ist jetzt zur Führung verdammt, es geht nicht anders. Macron erscheint mehr denn je als ein allzu eifriger Reformer, dessen feierliches Pathos nicht mehr zu den Realitäten passt. Niemand in Europa allerdings wünscht sich nun blecherne Handlungsanweisungen aus Berlin. In Meseberg, an der Seite Macrons, kann Merkel vorführen, wie die jetzt notwendige, sehr anspruchsvolle Art von Führung aussieht. Es geht um intelligentes Führen durch Integration, durch Geben und Nehmen, um eine Führung, die auch den etwas Schwächeren gut aussehen lässt.

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Die Meseberg-Methode erhöht die Akzeptanz. Es ist, als klebe Berlin auf die Pläne für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft vorab das Konsenssiegel “Mercron”. Das wichtigste Beispiel ist der von Merkel und Macron gemeinsam erarbeitete Plan für ein anleihefinanziertes Milliardenpaket der EU zum Wiederaufbau. Ein so starkes Signal für Solidarität und europäische Selbstbehauptung gab es noch nie, in Rom und Madrid staunen viele über die neue Gelenkigkeit der Deutschen, in Berlin ziehen CDU/CSU, SPD und Grüne voll mit.

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Bundeskanzlerin Merkel: Solidarität in Europa wichtiger denn je
1:18 min
Die Bundeskanzlerin hat die Corona-Pandemie als größte Herausforderung in der Geschichte Europas gewertet.  © Reuters

Sprünge über den eigenen Schatten

Merkel mutet ihren Deutschen einiges zu; man kann nur hoffen, dass Land und Leute nicht noch die Nerven verlieren, wenn im Herbst die Arbeitslosenzahlen steigen. Macron wiederum muss damit leben, dass in den jetzt anstehenden Schicksalsmonaten für die EU wichtige Entscheidungen in Berlin fallen. Schon oft aber mussten große Europäer über ihren eigenen Schatten springen, wenn die Staatengemeinschaft als Ganzes voranschreiten sollte.

Vielen Europäern fällt jetzt auf, wie sehr die EU in deutsche Hände geraten ist. Erst wurde eine Deutsche, Ursula von der Leyen, Kommissionspräsidentin. Und nun führt auch noch Angela Merkel den Ratsvorsitz, wenn auch nur turnusgemäß und nur für ein halbes Jahr.

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Entscheidend bleibt, dass die Interessen zwischen europäischer und nationaler Ebene am Ende gut austariert sind. So ist es auch jetzt: Nie war die EU so deutsch, das ist wahr. Aber nie tickte auch Deutschland so europäisch wie jetzt.

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