Merkel besucht erstmals Auschwitz: Gedenk-Minute an Todesmauer

  • Erstmals besucht Angela Merkel das ehemalige deutsche Konzentrationslager in Auschwitz.
  • Vor ihr waren die Kanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl dort.
  • Für einen polnischen Überlebenden zählt schon die Symbolik des Besuchs der Kanzlerin.
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Oswiecim. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) besucht an diesem Freitag erstmals das ehemalige deutsche Konzentrationslager Auschwitz. Anlass ist das zehnjährige Bestehen der Stiftung Auschwitz-Birkenau, die sich für den Erhalt der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Lagers einsetzt. Angesichts der historischen deutschen Verantwortung stellen Bund und Länder für die Erhaltung der Gedenkstätte zusätzlich insgesamt 60 Millionen Euro zum Kapitalstock der Stiftung zur Verfügung.

Nach ihrer Ankunft hat Merkel der Opfer der Nazi-Gräuel gedacht. An der sogenannten Schwarzen Wand im Stammlager Auschwitz hielt sie für eine Gedenkminute inne und legte einen Kranz an der Todeswand nieder. Zuvor hatte die Kanzlerin eine Gaskammer und ein Krematorium besichtigt. Sie "empfinde tiefe Scham". Angesichts der Verbrechen, die die Grenzen alles Fassbaren überschritten, müsse man vor Entsetzen eigentlich verstummen, so Merkel.

Merkel: Dürfen unsere Schuld nicht vergessen

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Dennoch dürfe das Schweigen nicht die einzige Antwort sein. Deutschland sei verpflichtet, die Erinnerung an die damaligen Verbrechen wach zu halten. Die Kanzlerin betonte, es sei wichtig, deutlich zu benennen, dass damals Deutsche die Täter gewesen seien. Dies sei man auch den Opfern schuldig. Die Verantwortung für die damaligen Taten gehörten untrennbar zu Deutschland, sie seien fester Teil der nationalen Identität.

Merkel wurde vom polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki und dem Direktor der Gedenkstätte und Präsidenten der Stiftung Auschwitz-Birkenau, Piotr Cywinski, begleitet.

Zusammen gingen die Kanzlerin, Morawiecki und Cywinski auch zu dem berüchtigten Tor mit dem zynischen Schriftzug "Arbeit macht frei". Merkel besichtigte Häftlingsblocks, in denen Ausstellungsstücke wie leere Dosen des Giftes Zyklon B zu sehen sind, mit dem Menschen in Auschwitz vergast wurden.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verneigt sich nach einer Kranzniederlegung an der Todesmauer im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz.  @ Quelle: Robert Michael/dpa-Zentralbild/d
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Merkel wurde unter anderem vom Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, begleitet.

Das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im von Deutschland besetzten Polen gilt weltweit als Symbol für den Holocaust. Nach Schätzungen starben dort mehr als eine Million Menschen, zumeist Juden.

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Auschwitz-Überlebender erinnert an Brandt

Der polnische Auschwitz-Überlebende Marian Turski wertete den Besuch der Kanzlerin als wichtige Geste. Allein die Tatsache, dass Merkel dorthin fahre, habe für ihn Bedeutung, sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Warschau. "Manchmal reicht eine Geste. Wie bei Brandt, dessen Kniefall wichtiger ist als alle Reden." Auch Polens Oberrabiner Michael Schudrich sieht in dem Besuch ein wichtiges Zeichen.

Der 93-jährige Turski wurde 1944 nach Auschwitz deportiert. Der Journalist ist Mitbegründer des Museums der Geschichte der polnischen Juden in Warschau. "Angela Merkel hat sich schon oft mit großem Mut zur deutschen Vergangenheit geäußert", sagte Turski. Für ihn sei es daher weniger entscheidend, was die Kanzlerin in Auschwitz genau sagen werde. Allerdings könnten viele Polen Erwartungen an eine solche Rede haben.

Turski verwies auf die Reden, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Weltkriegsgedenkfeier am 1. September in Wielun und Warschau gehalten hatte. Steinmeier hatte Polen um Vergebung für die historische Schuld gebeten.

Oberrabbiner Schudrich sagte, er sei bewegt, dass Merkel nun nach Auschwitz komme. Merkel habe viel getan, um Antisemitismus und jede Form von Rassismus und Hass zu bekämpfen.

RND/dpa/cle