Menschlichkeit mit Joe und Jill

  • Nie hat ein Machtwechsel in Washington die Vereinigten Staaten so schnell und so grundlegend auf einen neuen politischen Kurs gebracht.
  • Ein noch tiefer greifender und wichtigerer Wandel aber liegt im Menschlichen.
  • Joe Biden und seine Frau Jill schaffen eine Atmosphäre, in der es plötzlich um Kultur geht, ums Zuhören, um Vielfalt – und um neue Hoffnung.
|
Anzeige
Anzeige

Liebe Leserinnen und Leser,

den Unterschied, den ein einziger Tag ausmachen kann, beschrieb niemand so anrührend wie die amerikanische Sängerin Dinah Washington in dem Lied: „What a Difference a Day Makes“. Im Jahr 1960 gab es dafür einen Grammy Award. Doch die Zeilen bleiben zeitlos schön: „Twenty-four little hours / brought the sun and the flowers / where there used to be rain“.

Willkommen zu einer Sonderausgabe unseres USA-Newsletters „What’s up, America?“ an diesem historischen 21. Januar 2021 – dem ersten kompletten Tag unter der Regie von Joe Biden und Kamala Harris.

Anzeige

Amerika wacht auf an diesem neuen Morgen, reibt sich die Augen und stellt fest: Vielleicht geht es tatsächlich anders, mit weniger Hass, mit neuem Verständnis füreinander. Hat der neue Präsident allein schon durch seinen Amtsantritt etwas verändert?

Zeitungen und Onlineportale listen Neuerungen auf, die jetzt vom Stapel laufen: Die USA kehren zurück zum Pariser Klimavertrag. Sie arbeiten wieder in der Weltgesundheitsorganisation mit. Sie stoppen Ölbohrungen in Alaska. Sie widerrufen Einreisebeschränkungen entlang religiöser Trennlinien. Und sie versprechen, „unsere Allianzen zu reparieren“, wie Joe Biden es in der aus europäischer Sicht wichtigsten Passage seiner Rede sagte. Eine Zusammenfassung finden sie hier.

Die für die Zukunft der USA wichtigste Veränderung aber liegt woanders: im Menschlichen.

Trumps Ungeist wird vertrieben

Anzeige

Trump hat vier Jahre lang Verbissenheit und Verkniffenheit verkörpert. Land und Leute erlebten einen Materialismus, dessen Düsternis am Ende nur noch schaudern ließ: Das Land wurde geführt von einem Milliardär, der schon als Baulöwe Steuern hinterzog und dem es auch nicht peinlich war, später Staatsgäste aus Profitinteresse in die eigenen Hotels zu lotsen.

„Ask not, what your country can do for you – ask what you can do for your country“: Das sagte John F. Kennedy in seiner unvergessenen Antrittsrede vom 20. Januar 1961. Trump indessen, der Egozentriker in Chief, dachte stets an sich und schadete dem Land, in präziser Umkehr dessen, was Kennedy von den Amerikanern forderte.

Anzeige

Biden und Harris vertreiben diesen Ungeist jetzt, auf angenehm unangestrengte Art. Sie schaffen eine Atmosphäre, in der plötzlich Kultur eine Rolle spielt. Sie lassen vergessen geglaubte Dinge neu erstrahlen, die unglaubliche Freundlichkeit des Landes etwa und seine unglaubliche Vielfalt. Genau hier liegt die wahre Stärke Amerikas.

Eine 22-jährige Poetin wird zum Star

Viele Amerikaner scheinen diese im Emotionalen siedelnde Botschaft bei der Amtseinführung erspürt zu haben. Anders ist nicht zu erklärten, dass inzwischen die 22-jährige Poetin Amanda Gorman zum eigentlichen Star der Veranstaltung ausgerufen wird.

Von Jill Biden wurde sie entdeckt, schon im Jahr 2017: Die Dichterin Amanda Gorman bei ihrem Auftritt im Rahmen der Inauguration. © Quelle: Getty Images

Gorman sprach von einer Nation, „die nicht kaputt ist, sondern einfach unvollendet“. Sie beschrieb eine neue Zeit, „in der ein dünnes, schwarzes Mädchen, das von Sklaven abstammt und von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen wurde, davon träumen kann, Präsidentin zu werden.“ Das komplette Gedicht, in der Übersetzung und im Original, finden sie hier. Eine von Gormans Zeilen lautet: „Even as we grieved, we grew“ – selbst als wir trauerten, wuchsen wir. Viele Zuhörer waren überwältigt von der Wucht der Wörter.

Es war Jill Biden, die promovierte Erziehungswissenschaftlerin, die das besondere Talent Amanda Gormans entdeckt hat. Das war im Jahr 2017, bei einem Dichterwettbewerb. Der neue Präsident kann froh sein über eine Ehefrau, die solche Sensibilität beweist. Und die neue First Lady kann froh sein über einen Ehemann, der zur Amtseinführung keinen Großschriftsteller bestellt, sondern eine junge Frau, die noch ganz am Anfang steht – und die übrigens auch mal gestottert hat als Kind, ebenso wie der gestern ins Amt eingeführte Präsident. Beim geistig-moralischen Wendemanöver, das Amerika gerade erlebt, arbeiten Joe und Jill zusammen.

Anzeige

Was sich über Nacht gebessert hat

Alles nur Schmus? Natürlich bleiben viele Probleme bestehen: Die Viruswelle läuft weiter, eine Pleitewelle könnte folgen, die Gefahr neuen Terrors im Inland und neuer Kriege im Ausland ist nicht gebannt. Und kein US-Präsident in der Geschichte hat, wie am heutigen Donnerstag gemeldet wird, jemals einen Arbeitsmarkt in einem so heillosen Zustand geerbt.

Drei Dinge aber haben sich über Nacht tatsächlich gebessert.

Erstens: Noch bis gestern Mittag war ein Mann US-Präsident, dem man zuletzt schon kein Twitter-Konto anvertrauen mochte – der aber immer noch das Kommando über die Nuklearstreitkräfte ausübte; dieser Albtraum ist nun endlich vorbei. Dies lässt nicht nur die USA aufatmen, sondern die ganze Welt. Es ist, wie jemand bei der Nato sagte, „wie eine Rückkehr zur Geltung der Grundrechenarten“.

Der angehende Außenminister: Antony Blinken vor der ersten Anhörung im Senat, der seine Nominierung noch bestätigen muss. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Zweitens: Es wird wieder regiert. Der künftige Außenminister Antony Blinken etwa, der einst in Paris gelebt hat, ist ein ausgewiesener Freund der EU. Janet Yellen, die das Finanzressort übernimmt, hat schon als Präsidentin der US-Notenbank Verlässlichkeit und Sachkunde bewiesen. Im Verteidigungsressort wird der erfahrene Vier-Sterne-General Lloyd Austin den von Trump zuletzt eingesetzten Christopher Miller ablösen, einen hoffnungslos überforderten Mann, der schon öffentlich davon sprach, er könne es „nicht erwarten, diesen Job zu verlassen“.

Anzeige

Drittens: Das Aufeinanderzugehen der verfeindeten Lager, Bidens zentrales Projekt, hat schon begonnen. Nach der Vereidigung sah man Republikaner und Demokraten erstmals wieder miteinander scherzen. Vielleicht haben die gemeinsamen Momente der Stille geholfen, beim Gebet etwa und beim Gedenken an die mehr als 400.000 Corona-Toten. Vielleicht half auch die Anwesenheit von George W. Bush. Am meisten aber hilft wohl das lebhafte Interesse vieler republikanischer Senatoren und Gouverneure am neuen 1,9-Billionen-Dollar-Hilfspaket, das Biden derzeit wegen der Corona-Krise plant. Auch im Senat dominieren jetzt die Demokraten. Und dass Geld nun mal der Nerv der Dinge ist, wusste man schon im alten Rom: pecunia nervus rerum.

Neuanfang mit dem alten weißen Mann

Amerikas Regierung wird jetzt geführt von einem Team, das weiblicher und diverser ist als je zuvor. Im Oval Office jedoch sitzt von heute an erneut ein alter weißer Mann. Mit 78 Jahren ist Biden dort sogar der älteste Neuling aller Zeiten.

Die ersten „Executive orders“ laufen vom Stapel: US-Präsident Joe Biden an seinem Schreibtisch im Weißen Haus. © Quelle: imago images/UPI Photo

Einige Nachteile liegen auf der Hand. Eine „lame duck“ ist Biden schon vom ersten Tag an. Denn beim Ausscheiden wird er 82 sein, und dass er noch eine weitere Amtszeit will, hat er nie gesagt. Spekulationen über die Nachfolge werden daher nicht lange auf sich warten lassen. Auch könnte jeder kleine Fehler, jeder Versprecher, jede körperliche Unzulänglichkeit zu einer Debatte um seine Amtsfähigkeit führen.

Hier kostenlos abonnieren Der wöchentliche USA-Newsletter liefert Hintergründe zu den Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur - immer dienstags.

Die Konstellation hat aber auch Vorteile. Biden ist einer, der nichts mehr werden will, sondern in den nächsten Jahren einfach nur seinem Land dienen will. Amerika, sagte er inzwischen mehrfach, solle den Rest der Welt nicht beeindrucken durch Beispiele für seine Macht, sondern durch die Macht seines Beispiels. Das ist ein wunderbarer Grundsatz, aber Biden wird ihn auch im Inland gelten lassen müssen, gegen sich selbst: Er beschreibt Fallhöhe und Chance zugleich.

Warum Biden seinen Leuten mit Rausschmiss droht

Eine moralisch begründete Führung jedenfalls setzt ein gutes eigenes Beispiel voraus. Vielleicht aber bekommt Biden genau das hin, nicht trotz, sondern gerade wegen seiner 78 Jahre: als alter weiser Mann.

Dem Senat gehört Biden seit den Siebzigerjahren an. Schon achtmal, man glaubt es kaum, hat er an einem 20. Januar die Amtseinführung eines neuen Präsidenten verfolgt: Jimmy Carter im Jahr 1977, Ronald Reagan 1981, George Bush senior 1989, Bill Clinton 1993, Georg W. Bush 2001, Barack Obama 2009, Donald Trump 2017.

Und was nun? Welche Schlussfolgerungen zieht er aus Jahrzehnten voller Erfahrungen, auch als Vize von Obama? Wo setzt einer die Schwerpunkte, der schon so viel gesehen und erlebt hat in den Korridoren der Macht?

Jen Psaki, Pressesprecherin des Weißen Hauses. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Im Menschlichen jedenfalls sieht Biden offenkundig kein Nebenthema. Bereits am ersten Tag im Amt soll er den Mitarbeitern des Weißen Hauses mit dem sofortigen Rausschmiss gedroht haben – für den Fall, dass einer von ihnen einen anderen respektlos behandelt.

Auch das gehört zur wunderbaren Poesie dieses Neuanfangs.

Der nächste Newsletter erscheint wie gewohnt am Dienstag. Bis dahin: Stay sharp!

Matthias Koch

PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.

Abonnieren Sie auch:

Die Pandemie und wir: Die wichtigsten Nachrichten der Woche, Erkenntnisse der Wissenschaft und Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Das Stream-Team: Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix und Co. – jeden Monat neu.

Der Tag: Wissen, was der Tag bringt: Erhalten Sie jeden Morgen um 7 Uhr das Nachrichten-Briefing vom RedaktionsNetzwerk Deutschland.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen