• Startseite
  • Politik
  • "Mehrmonatige Durststrecke": Corona trifft deutsche Wirtschaft hart

Arbeitgeberchef: “Wir müssen einige Monate Durststrecke durchstehen”

  • Kurzarbeit wird zum Massenphänomen, Selbstständige müssen pausieren, Konzerne fahren ihre Produktion herunter: Die Corona-Krise trifft die deutsche Wirtschaft hart.
  • Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer rechnet mit einer Durststrecke von einigen Monaten.
  • Deutschland sei aber ein starkes Land. Man könne die Situation gemeinsam bewältigen.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Herr Kramer, das Coranavirus legt fast alles lahm. Wie lange kann das Land diesen Zustand aushalten?

Deutschland ist ein starkes Land. Ich bin mir ganz sicher, dass wir das gemeinsam bewältigen werden. Wir müssen zielgerichtet unnötige Kontakte vermeiden. Zugleich müssen wir die volkswirtschaftliche Produktion von Lebensmitteln bis hin zur Energieversorgung, von Maschinenbau bis zum Handwerk aufrecht erhalten und mit Liquidität versorgen. So, wie es vorbereitet wird, werden wir eine Durststrecke von einigen Monaten als Volkswirtschaft durchstehen.

Mit Blick auf unsere Wirtschaft muss das Ziel sein, dass wir unsere Unternehmen, kleine wie große, weiter am Laufen halten. Alles runterfahren ist keine Option. Das merken wir schon an Dingen, wie Mundschutz, Versorgung oder technischen Dienstleistungen. Bei all dem muss der Gesundheitssektor in der Versorgung Priorität haben und ist auch auf freiwillige und ehrenamtliche Unterstützung angewiesen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige
Video
Coronavirus: Blick nach China macht Hoffnung
1:35 min
Nach Wochen der Isolation waren viele Einwohner Pekings am Samstag das erste Mal wieder vor der Haustür und genossen das schöne Frühlingswetter.  © Reuters

Gehen Sie davon aus, dass nach Ostern die Geschäfte wieder öffnen, die Industrie produzieren kann wie vor der Krise und die Homeoffice-Zeit vorüber ist?

Das müssen wir abwarten. Es hilft nicht, jetzt darüber zu spekulieren, wie lange sich das Virus hält. Industrie und Produktion müssen auch nach Ostern arbeiten. Wo immer möglich werden Aufgaben ins Homeoffice verlagert werden. Geselligkeit und Shopping werden aus Vorsichtsgründen vielleicht noch etwas länger warten müssen.

+++Immer aktuell: Hier geht’s zum Corona-Liveblog+++

Anzeige

Immer mehr Anfragen und Anträge auf Kurzarbeit - wie läuft das Krisenmanagement der Bundesagentur für Arbeit?

Die Bundesagentur für Arbeit ist gut aufgestellt. Sie hat ja eine Rücklage von zurzeit 26 Milliarden Euro. Niemand muss sich also sorgen, dass das Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld nicht mehr bezahlt werden kann. Und Herr Scheele und seine Mitarbeiter in der Bundesagentur für Arbeit machen in diesen Zeiten einen exzellenten Job. Das muss auch einmal gesagt werden!

Anzeige

Ist das umfassende, jetzt auf den Weg gebrachte Milliardenpaket mit seinen Rettungsschirmen und Hilfen die richtige Antwort?

Jetzt zählt vor allem eines: Die Unternehmen dabei zu unterstützen, liquide zu bleiben. Die Kurzarbeiterregelung hilft, die Mitarbeiter im Unternehmen zu halten und nicht zu entlassen. Die erleichterte Stundung von Sozialabgaben und Steuerzahlungen sind auch ein Beitrag dazu. Das Finanz-Hilfspaket für unsere Unternehmen ist eine wichtige Maßnahme, diese und ihre Mitarbeiter nicht im Regen stehen zu lassen.

Wie ernst ist die Lage?

In vielen Branchen zeigen die Folgen der Pandemie bereits jetzt verheerende Folgen, selbst viele gut aufgestellte Firmen können das ohne Unterstützung nicht lange durchhalten. Vor allem auch für Solo-Selbstständige sind Sofort-Hilfen wichtig, die jetzt kurzfristig wirken. Wir erwarten, dass zeitnah weitere Maßnahmen geprüft werden, zum Beispiel ein erweiterter Verlustrücktrag, der Liquiditätsgewinnung vorzieht. Viele Gesetze sind technisch noch nicht Pandemie-fest genug.

Wo muss denn noch nachgesteuert werden?

Anzeige

Zum Beispiel ist es notwendig, auch für Auszubildende Kurzarbeitergeld möglich zu machen, wenn die Ausbildung trotz aller Bemühungen während dieser für viele Betriebe außergewöhnlichen Notsituation nicht mehr möglich ist. Zudem steuert der Lebensmitteleinzelhandel auf einen großen Personalbedarf zu. Es ist zu begrüßen, das nicht jedes Zusatzeinkommen wie bisher auf das Kurzarbeitergeld angerechnet wird. In der Administrierung sollte aber darauf hingearbeitet werden, dass Einkommen aus Minijobs grundsätzlich nicht zu einer Kürzung des Kurzarbeitergeldes führen.

Zuletzt war eines der größten Probleme auf dem Arbeitsmarkt Fachkräftemangel. Droht jetzt wieder Massenarbeitslosigkeit?

Nein, wenn wir es richtig machen nicht! Also die Unternehmen flüssig halten, damit sie nach dieser Phase die Nachfrage auch bedienen können. Regierung, Parlament und Sozialpartner tun im Moment ihr Möglichstes, um alles zusammenzuhalten, damit wir viele Arbeitsplätze sichern. Bei Ausbruch der Virus-Epidemie waren wir in vielen Branchen in einer stabilen Konjunktur. Also war dort der Bedarf nach Waren und Dienstleitungen groß. Daran müssen wir sofort wieder anknüpfen können.

Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen

Was bedeuten die Corona-Auswirkungen für unseren Sozialstaat und seine Finanzierbarkeit?

Wenn es etwas Positives gibt, was diese Ausnahmesituation offen legt, dann ist es doch, dass wir in Deutschland einen Sozialstaat und ein Gesundheitssystem haben, das seinesgleichen sucht in Europa. Die Menschen können sich auch darauf verlassen, dass unser Sozialstaat in Ausnahmesituationen einen Schutzschirm für seine Bürger bereithält. Da hat unsere starke Konjunktur vorgesorgt.

Anzeige

Wahr ist aber auch: Die Politik ist den Herausforderungen durch den demografischen Wandel in den letzten zehn Jahren weitgehend ausgewichen. Jüngere Reformen orientierten sich - auch vor dem Hintergrund einer anhaltend guten Arbeitsmarktentwicklung - mehr an der aktuell guten Einnahmesituation als an den ungünstigen Zukunftsperspektiven. Deshalb werden wir über die Finanzierbarkeit des Sozialstaates bald eine ernsthafte Diskussion führen müssen. Hier hat sich doch der Satz bewahrheitet: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.

“Populisten und Lautsprecher haben ausgedient.”

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer

In zahlreichen Branchen sollte in diesem Jahr über höhere Löhne verhandelt werden. Auch eine Erhöhung des Mindestlohns war geplant. Muss das alles nun auf den Prüfstand?

Der jüngste Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie in Nordrhein-Westfalen hat doch deutlich gemacht, dass die Tarifpartner gerade in schwierigen Zeiten Lösungen finden können, insbesondere auch für Härtefälle. Nur im Miteinander wird es jetzt gelingen, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der gegenwärtigen Krise für die Betriebe und ihre Beschäftigten so weit wie möglich einzudämmen, damit Unternehmen und Arbeitsplätze danach noch existieren.

Was lässt sich schon jetzt aus der Corona-Krise lernen?

Dass es nur Miteinander geht! Und dass sich jetzt zeigt, wie wichtig es ist, im Dialog miteinander konsensfähige Lösungen zu finden. Entschiedenes, überlegtes und gemeinsames Handeln haben Konjunktur. Populisten und Lautsprecher haben ausgedient.

Video
Jens Spahn: Rettungsschirm für Krankenhäuser ist gespannt
1:55 min
Der Schutzschirm für Krankenhäuser und Praxen soll gespannt werden, da derzeit deutlich weniger andere Patienten behandelt und Operationen ausgeführt werden.  © Reuters



“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen