Mehr impfen, weniger Bürokratie wagen

  • Markus Söder schiebt im Interview mit dem RND eine überfällige Debatte zum Thema Astrazeneca an.
  • Warum lassen wir nicht die komplizierten Priorisierungen fallen und geben die Impfung beim Hausarzt jedem, der sie gern hätte?
  • Ideen wie diese könnten Land und Leuten helfen, aus ihrer unseligen Starre herauszufinden: Deutschland muss weniger Bürokratie wagen.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

heute um 10.15 Uhr tritt Jens Spahn in Berlin vor die Presse. Termin und Thema stehen seit Langem fest: die aktuelle Corona-Lage in Deutschland. Eine gute Nachricht immerhin kann Spahn nach den jüngsten EU-Verabredungen von gestern Abend mitbringen: Noch vor dem Sommer wird es ein digitales Impfpasssystem geben, das das Reisen in Europa wieder möglich macht.

Ansonsten aber wird es für Spahn ein schwieriger Auftritt. Denn schon wieder hat ihm jemand in einer wichtigen nationalen Debatte die Führung aus der Hand genommen. Zuletzt, als es ums Testen ging, war es die Kanzlerin. Diesmal geht es um den Umgang mit Impfstoffen, und jetzt ist es CSU-Chef Markus Söder, der ihm in die Parade fährt.

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In einem Gespräch mit Eva Quadbeck und Kristina Dunz vom RND, den Chefinnen unseres Berliner Büros, hat Söder es gewagt, in der deutschen Impfdebatte einfach mal eine ganz neue Seite aufzuschlagen – und die bisherige Priorisierung infrage zu stellen, jedenfalls bei Astrazeneca, dem Impfstoff, der nicht ganz so beliebt ist wie Biontech/Pfizer.

„Wir haben zwar mehr Impfstoff, können diesen aber nur schwer verimpfen, weil es bei Astrazeneca eine grundlegende Zurückhaltung gibt“, sagt Söder. „Wenn es so weitergeht, werden wir auf einem Berg von Astrazeneca-Impfdosen sitzen bleiben. Das kann niemand wollen bei einem Impfstoff, der gut schützt.“

Einer wird gewinnen: CDU-Chef Armin Laschet und CSU-Chef Markus Söder – hier bei einem gemeinsamen Termin im letzten Europawahlkampf – wollen sich in Kürze einigen, wer von beiden als Kanzlerkandidat antritt. Laut Laschet fällt die Entscheidung „zwischen Ostern und Pfingsten“. © Quelle: Guido Kirchner/dpa

Söder beschreibt nicht nur das Problem. Er nennt auch eine Lösung, das haben alle CSU-Chefs immer so gemacht, egal, ob die CDU mit den Augen rollt. „Sollte sich der Trend bei Astrazeneca fortsetzen, hat es keinen Sinn, dafür ständig neue Priorisierungen vorzunehmen“, sagt Söder. „Sinnvoll wäre es dann, Astrazeneca gleich über die Ärzteschaft zu verimpfen. Denn wir sollten so rasch wie möglich alles verimpfen, was geht.“

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Schneller Piks für den Pizzaboten

Now we are talking, würde der Amerikaner sagen. Anders ausgedrückt: Endlich sagt es mal einer. Dass Deutschland auf dem falschen Dampfer ist, konnte man schon Anfang des Jahres ahnen, als Israel auffallend hemdsärmelig loslegte.

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Staunend notierte im Januar ein in Israel lebender deutscher Korrespondent, wie übrig gebliebene Dosen am Ende des Tages verteilt wurden. Eine Krankenschwester trat auf die Straße und rief Passanten zu sich: „He, Pizzabote, komm rüber, willst du geimpft werden?“

Lange genug haben Deutsche bei Aufgaben aller Art erst mal nach dem legendären „Antrag auf Erteilung eines Antragformulars“ (Reinhard Mey) gefragt. Deutschland muss jetzt weniger Bürokratie wagen – und einfach möglichst viele Menschen möglichst schnell impfen, zum Beispiel auch nachts. Auch die Ethik gebietet Tempo: Wer geimpft ist, hilft auch anderen, weil er dann – da sind sich die Wissenschaftler von Tag zu Tag sicherer – die Viren auch nicht mehr weitergibt.

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Regungen und Bewegungen auf dem RND-Radar

Interessant wird es sein, wie Söders Vorstoß parteipolitisch und machtpolitisch nachschwingt. Jede Regung und Bewegung ist jetzt relevant für die Klärung der Kanzlerkandidatur in der Union.

Aus Sicht von Eva Quadbeck, die mit Kristina Dunz zu Söder nach München gereist ist und in der Münchner Staatskanzlei einen sehr aufgeräumten Ministerpräsidenten erlebt hat, liegt viel Spannung in der Luft: „Für Armin Laschet wird das jedenfalls kein Selbstläufer.“

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Zitat des Tages

Diese Variante haben wir hier selbst heranwachsen lassen, wahrscheinlich in New York.

Dr. David Ho, Virologe an der Columbia University, über das Virus B.1.526, das amerikanischen Forschern große Sorgen macht: Es kann besser als andere Coronaviren die Immunabwehr des Menschen überlisten und hält nach ersten Einschätzungen sogar einer Antikörperbehandlung stand.

Leseempfehlungen

Sind Likes das wahre Reiseziel? Ein Mann schaut sehnsüchtig in die Ferne, wo über einem glasklaren See schneebedeckte Gipfel in den Himmel ragen. Das Foto strahlt Ruhe aus, Abenteuerlust. Was nicht zu sehen ist: die Schlange von Dutzenden Menschen, die hinter dem Fotografen anstehen. Sie wollen auch alle ein Bild von sich und der fantastischen Aussicht vom Roys Peak in Neuseeland. Absurde Szenen wie diese gibt es häufiger denn je rund um die Welt, schreibt Reisereporter-Redaktionsleiterin Maike Geißler.

Jendrik Sigwart singt für Deutschland – aber siegt er auch? Matthias Schwarzer ist von dem Beitrag zum diesjährigen European Song Contest nicht sonderlich begeistert: Musikalisch biete der Song zu wenig Überraschungen, die Lyrics seien mit der Brechstange getextet worden. Und im Vergleich zum qualitativ hochwertigen Vorjahresbeitrag von Ben Dolic sei der diesjährige Trashhit fast schon ein Schlag ins Gesicht.

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Aus unserem Netzwerk: Run auf die Ostsee

Viele Deutsche träumen nach dem langen Lockdown von einem Urlaub am Meer. Obwohl es noch keinen konkreten Öffnungstermin gibt, häufen sich an der Ostsee bereits die Buchungen für den Sommer. „Wer auf direkten Meerblick besteht, muss sich sputen“, sagte Michael Steuer, Chef der Usedom Tourismus GmbH, der „Ostsee-Zeitung“.

Termine des Tages

Ab 9 Uhr berät der Bundestag über weitere Corona-Hilfspakete, die auch heute noch verabschiedet werden sollen. Es geht um Wirtschaftshilfen für Unternehmen, das „Sozialschutzpaket III“ und ein Corona-Steuerhilfegesetz.

Um 11 Uhr diskutiert Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier per Videoschalte mit Auszubildenden aus Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Sachsen über ihre Situation in der Corona-Pandemie.

Die Linkspartei beginnt heute ihren zweitägigen Online-Bundesparteitag. Für Samstag sind Vorstandswahlen geplant, erwartet wird eine Doppelspitze mit Susanne Hennig-Wellsow aus Thüringen und Janine Wissler aus Hessen.

Wer heute wichtig wird

Dieses Foto zeigt den derzeit bundesweit am meisten unterschätzten Politiker in Deutschland: Christian Baldauf (CDU) könnte bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am 14. März Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ablösen. Heute werden neue Umfragen erwartet, zuletzt lag die CDU vorn. Baldauf hat persönlich gar nichts gegen Dreyer, er schreibt ihr sogar nette Weihnachtskarten. Zugleich aber dirigiert er in Rheinland-Pfalz einen extrem aufs kommunale und regionale Geschehen ausgerichteten CDU-Wahlkampf – der im Rest der Republik kaum wahrgenommen wird. © Quelle: Uwe Anspach/dpa

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