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Megamachtkampf am Mittelmeer: Erst Syrien, jetzt Libyen

Istanbul: Wladimir Putin (l.), Präsident von Russland, und Recep Tayyip Erdogan (r.), Präsident der Türkei, sprechen bei der Einweihung der Erdgas-Pipeline Turkish Stream. Außerdem soll es bei dem bilateralen Treffen Gespräche geben zu den Konflikten in Syrien und Libyen.

Istanbul: Wladimir Putin (l.), Präsident von Russland, und Recep Tayyip Erdogan (r.), Präsident der Türkei, sprechen bei der Einweihung der Erdgas-Pipeline Turkish Stream. Außerdem soll es bei dem bilateralen Treffen Gespräche geben zu den Konflikten in Syrien und Libyen.

Hannover. Das Jahr 2020 beginnt mit so vielen Krisen, dass es schwerfällt, die Übersicht zu behalten. Tagelang blickten alle gebannt auf Donald Trump und den Iran. So haben die meisten Europäer glatt übersehen, dass zu Beginn dieser Woche am Mittelmeer eine beachtliche militärische Eroberung stattgefunden hat, eine, die vielleicht sogar eines Tages in den Geschichtsbüchern stehen wird. Sirte, eine traditionsreiche libysche Hafenstadt, nur eine Flugstunde vom EU-Staat Malta entfernt, wurde nach langen Kämpfen von Rebellen übernommen.

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In Libyen hat der Bürgerkrieg bereits Zehntausende das Leben gekostet, Hunderttausende wurden vertrieben. Müsste nicht sehr viel mehr getan werden, um hier endlich die Bremse zu ziehen? Hat Syrien uns nichts gelehrt? Über Jahre hinweg haben die Europäer versucht, das dortige Geschehen so gut es geht auszublenden – bis sie dann in der Flüchtlingskrise 2015 einen umso höheren Preis bezahlten.

Libyen: Ein Megamachtkampf mit vielen Ebenen

Es wird Zeit für einen neuen Blick aufs Mittelmeer. Lange genug haben die Europäer, Deutschlands Ballermann-Fraktion vorneweg, hier nur eine fröhliche Freizeitlandschaft vermutet. Inzwischen aber ist das Mittelmeer, vor allem im Südosten, Schauplatz eines Megamachtkampfs geworden, bei dem es um sehr viele Dinge gleichzeitig geht: militärische Vorherrschaft, Wirtschafts- und Rohstoffinteressen, soziokulturelle und religiöse Dominanz.

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ARCHIV - Tripolis: Ein bewaffneter Kämpfer der international anerkannten Regierung nimmt während der Zusammenstöße mit den Truppen der Libysch-Nationalen Armee (LNA) an der Frontlinie Stellung.

ARCHIV - Tripolis: Ein bewaffneter Kämpfer der international anerkannten Regierung nimmt während der Zusammenstöße mit den Truppen der Libysch-Nationalen Armee (LNA) an der Frontlinie Stellung.

Verblüffend schnell verschiebt sich in diesen Tagen eine vermeintlich seit Jahrzehnten festliegende Tektonik. Mehr denn je wendet sich etwa der türkische Präsident den Russen zu. Zuletzt kaufte er Wladimir Putin sogar ein hochmodernes Raketenabwehrsystem ab. Als die Amerikaner daraufhin Sanktionen androhten, konterte Recep Tayyip Erdogan, in diesem Fall werde er die US-Luftwaffe vom türkischen Stützpunkt Incirlik vertreiben – für Russland wäre dies, nach Moskaus Triumph in Syrien, ein weiterer historischer Geländegewinn.

Das US-Militär zeigt unterdessen in Griechenland eine Präsenz wie noch nie. Fernlenkkreuzer dümpeln vor den Küsten, strategische Bomber gehen in Stellung. Der konservative neue griechische Premier Kyriakos Mitsotakis warf sich am Dienstag bei einem Besuch im Weißen Haus mit vollem Schwung in die Arme von Trump: Hauptsache, die USA stehen den Griechen im heraufziehenden Großkonflikt mit der Türkei bei.

Alle Beteiligten markieren munter ihre Interessen. Die Türkei will eine Energiedrehscheibe werden, Griechenland aber auch. Und so ziehen die Regierungen Linien in die Zukunft, die einander eines Tages auf gefährliche Weise kreuzen können. Ein Beispiel: Zwischen Kreta und Libyen werden Billionen Kubikmeter Erdgas vermutet.

Erdogan erklärte das Seegebiet kurzerhand zu einem Teil des türkischen Festlandsockels und teilte es in einem Vertrag mit „Libyen“ auf, rechts unten unterschrieben von einer Regierung, die in Libyen außer der Hauptstadt Tripolis schon nichts mehr beherrscht. Dies wiederum erklärt die Eile, mit der jetzt türkische Truppen Tripolis zu Hilfe kommen. Hässlich, aber wahr: So stumpf geht derzeit Machtpolitik am Mittelmeer. Das 21. Jahrhundert hatte man sich anders vorgestellt.

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Erdogan sucht die militärische Machtprobe

Als die Türkei Panzer in den Irak rollen ließ und später auch nach Syrien, hatten viele noch ein gewisses Verständnis für Erdogan. Immerhin gibt es in beiden Fällen gemeinsame Landgrenzen. Von Tripolis nach Ankara aber sind es 1922 Kilometer Luftlinie, sogar München liegt näher an der libyschen Hauptstadt.

Warum schickt Erdogan sein Militär inzwischen in so weit entfernte Regionen? Die nicht nur für die EU, sondern auch für die USA bedrückende Antwort lautet: Weil er es kann. Dem Westen fehlt eine Strategie, und ihm fehlt Geschlossenheit. Damit begünstigt er jene, die einfach mal die militärische Machtprobe suchen. So war es schon in Syrien: Dass es für den Konflikt dort „niemals eine militärische Lösung“ geben könne, predigten westliche Diplomaten so lange, bis ihnen Russland und die Türkei das Gegenteil vor Augen führten.

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