Medien im Schützengraben

  • Die Ernennung von Annalena Baerbock zur ersten Kanzlerkandidatin der Grünen brachte nicht nur die Politik in Wallung.
  • Nein, in der Folge begann auch ein Hauen und Stechen unter Hauptstadtjournalisten.
  • Die Frage dabei: Wer geht am unkritischsten mit dem neuen Grünen-Star um?
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Liebe Leserin, lieber Leser,

wer in den sozialen Medien unterwegs ist, wurde in der vergangenen Woche Zeuge eines inzwischen eingeübten Rituals: Journalisten fallen übereinander her und attestieren sich gegenseitig Parteilichkeit.

Los ging der Ärger mit der Titelseite der Zeitschrift „Stern“ vom Donnerstag. Darauf zu sehen: Ein Foto der frisch gekürten grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und die Schlagzeile „Endlich anders – Annalena Baerbock will neue Spielregeln für die Politik. Wie weit wird sie kommen?“

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Das Cover führte zu einem Aufschrei, nicht nur unter konservativen Journalisten. „Tendenzjournalismus“ war noch einer der freundlicheren Vorwürfe.

Die Gemüter hatten sich gerade beruhigt, da legte „Der Spiegel“ nach. Auch das Nachrichtenmagazin aus Hamburg hob Grünen-Politikerin Baerbock auf den Titel, auch hier war die Schlagzeile eher wohlwollend als kritisch: „Die Frau für alle Fälle – Annalena Baerbock. Wer sie ist – und warum keiner mehr an ihr vorbeikommt.“

Und wieder begann die Debatte über die vermeintlich grünenfreundliche deutsche Presselandschaft von vorn.

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Entscheidung der Grünen gefallen: Annalena Baerbock wird Kanzlerkandidatin
2:18 min
Die Co-Vorsitzende der Grünen geht als Spitzenkandidatin in den Wahlkampf. Ihr Partner im Parteivorsitz, Robert Habeck, will ihr zur Seite stehen.  © Reuters

Vor allem aus dem Springerverlag wurde der Vorwurf mit Verve vorgetragen. „Journalismus 2021″ ätzte Ulf Poschardt, der Chefredakteur von Welt N24 via Twitter. „Die Frage ist nicht mehr, ob Teile der Medien Annalena Baerbock und die Grünen lieben, sondern wie sehr“, kommentierte „Welt“-Nachrichtenchef Thore Barfuss. Und Johannes Boie, Chefredakteur der Welt am Sonntag, widmete der Ausgewogenheit des deutschen Politikjournalismus sein Editorial, in dem er „Lobeshymnen“ und „Lobhudeleien“ auf Baerbock anprangerte.

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Auch „Bild“-Vize Paul Ronzheimer machte sich im RND-Podcast „Geyer und Niesmann“ diesen Vorwurf zu eigen (die ganze Folge zum Nachhören gibt es hier).

Sind die deutschen Medien in ihrer Mehrheit also grün? Ganz so einfach ist die Sache bei näherem Hinsehen nicht.

Ja, die Grünen haben zurzeit viel positive Presse. Dabei mögen auch politische Sympathien eine Rolle spielen. Gerade der Stern hatte erst vor einigen Monaten ein Heft in Kooperation mit den Klimaschützern von „Fridays for Future“ gemacht und sich offen dazu bekannt, in der Klimafrage nicht mehr neutral zu sein, sondern sich eindeutig positionieren zu wollen. Man kann das für einen Verstoß gegen eherne Grundsätze des Journalismus halten (so wie der Autor dieser Zeilen), man kann aber nicht behaupten, dass eine gewisse Bevorzugung der Grünen angesichts dieser Prioritätensetzung nicht sachgerecht wäre. So oder so ist der Stern ein Sonderfall.

Den meisten anderen Positivschlagzeilen liegen zwei vergleichsweise Simple Grundmechanismen des Mediengeschäftes zugrunde. Medien sehnen sich immer nach etwas Neuem, das liegt in ihrer und in der Natur des Menschen. Neuigkeiten sind Nachrichten, Bekanntes ist langweilig.

Eine 40-Jährige Frau, die sich um das wichtigste Amt Deutschland bewirbt und jüngsten Umfragen zufolge gute Chancen hat, es am Ende auch zu erobern, ist in der deutschen Geschichte vollkommen neu. Natürlich stürzen sich Journalisten darauf. Täten sie es nicht, hätten sie ihren Beruf verfehlt.

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Aktivistinnen zeigen bei einer Kunstaktion von Fridays for Future München auf dem Olympiaberg ihre Plakate mit den Aufschriften "Save the bees!" und "No Planet B". © Quelle: Tobias Hase/dpa

Und dann müssen selbst notorische Grünen-Fresser einräumen, dass die Ökopartei und ihre Spitzenvertreter in den zurückliegenden Monaten vieles richtig und wenig falsch gemacht haben. Im Gegensatz zur Konkurrenz von der Union hat der Wahlkampfauftakt der Grünen handwerklich überzeugt. Das anzuerkennen und positiv zu würdigen ist noch kein Beleg für eine allzu große Grünen-Nähe der Berichterstatter.

Der Wahlkampf ist noch lang, und für eine kritische Auseinandersetzung mit Annalena Baerbock ist noch jede Menge Zeit. Die Berichte werden kommen, das ist sicher. Eine Kanzlerkandidatur gilt nicht umsonst als Stahlbad der Politik.

„Wir müssen alle raus aus dem Schützengraben und aufeinander zugehen“, schrieb Welt-Chef Poschardt noch bei Twitter. Da hat er Recht.

Wahlkampfsprech - Deutsch: Was Politiker wirklich sagen

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Was CSU-Chef Markus Söder am Wochenende per Zeitungsinterview in Richtung des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet abgefeuert hat, ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit. „Laschet ist gestrig“, lautet Söders Botschaft, und zwar so sehr, dass er ihn nicht an Angela Merkel, sondern an Helmut Kohl erinnert. Der eroberte das Kanzleramt vor 38 Jahren.

Markus Söder (CSU, r), Ministerpräsident von Bayern und CSU-Vorsitzender, steht neben Armin Laschet, CDU-Bundesvorsitzender und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. © Quelle: Michael Kappeler/dpa

Sollte sich CDU-Chef Laschet der Illusion hingegeben haben, dass Söder sein Wort halten und die Entscheidung über die Kanzlerkandidatur „ohne Groll“ akzeptieren würde, sieht er sich nun eines Besseren belehrt. Der Gernekanzler der CSU hat mit der Sache noch lange nicht abgeschlossen, Laschet wird sich auf weitere Querschüsse aus München einstellen müssen.

Wie das Ausland auf die Wahl schaut

Zu den Chancen der Grünen bei der Bundestagswahl schreibt die liberale lettische Zeitung „Diena“: „Die Grünen sind voll in das politische Umfeld Deutschlands integriert und können, wie sich in den Bundesländern zeigt, sowohl mit den Konservativen als auch mit den linksgerichteten Parteien zusammenarbeiten. Das Wahlprogramm enthält jedoch einige Vorbehalte, die für potenzielle Partner inakzeptabel sein könnten: Widerstand gegen die Gaspipeline Nord Stream 2, die Verpflichtung zum Kohleausstieg vor 2038 und die Forderung, die Geschwindigkeit auf deutschen Autobahnen auf 130 Stundenkilometer zu begrenzen.“

Zur Kanzlerkandidatur von Armin Laschet schreibt die belgische Zeitung „De Standaard“: Bei den anderen Parteien reiben sich die Kandidaten die Hände. Vor allem Annalena Baerbock, die Spitzenkandidatin der Grünen, kann zufrieden sein. Eine neue Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung, ein mit der CDU verbundener Thinktank, hat festgestellt, dass viele CDU-Wähler für die Grünen stimmen könnten. (...) Der Abstand zwischen Laschet und Baerbock ist groß und die Antwort auf die Frage, ob nach den Wahlen eine schwarz-grüne Koalition gebildet werden kann, ist angesichts der Entscheidung für Laschet als Spitzenkandidat der Union besonders unsicher geworden.“

Die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ aus Mailand meint zum gleichen Thema: „Es ist ein klares Ergebnis, das jedoch alle Zweifel und Ungewissheit in der Partei über die Stärke einer Kandidatur preisgibt, das niemanden überzeugt hat und das vor allem keine Gunst im Volk genießt. Schlimmer noch geht mit der Wahl eine Woche unerbittlichen Kampfes zwischen den beiden Kontrahenten zu Ende, die eine geteilte, unsichere und mit der realistischen Aussicht, nach 16 Jahren Kanzlerin Merkel die Führung in Deutschland zu verlieren, fast in Panik gefangene konservative Front enthüllt hat. (...)

Mehr noch muss die Union mit den Grünen rechnen, die mit Annalena Baerbock die jüngste Kandidatin für die Kanzlerschaft nominiert haben und eine glaubhafte und ehrgeizige Herausforderung für die Leitung des Landes gestartet haben. (...) Laschet hat ein Problem. Seine Umfragen sind nicht gut und die Parteibasis befürchtet, dass die Union mit ihm auf eine sichere Niederlage zusteuert. Seine Popularität litt sowohl unter einem absoluten Mangel an Charisma als auch unter einem erratischen und fehlerbehafteten Management der Pandemie in seinem Bundesland.“

Die niederländischen Zeitung „de Volkskrant“ hingegen sieht Parallelen zum amerikanischen Präsidenten. „In gewisser Weise ist Armin Laschet, der Mann, der nach einem turbulenten Kampf Spitzenkandidat der CDU wurde, ein deutscher Joe Biden“, schreibt das Blatt. „Eine auffällige Ähnlichkeit zwischen dem amerikanischen Präsidenten und dem Mann, der als Bundeskanzler Angela Merkel ablösen will, ist, dass beide in ihrem politischen Leben für einen Platz in der zweiten Reihe prädestiniert schienen. Der Ort für harte Arbeiter, denen einfach der Glanz der Gewinner fehlt. Joe Biden hat im November das Gegenteil bewiesen, und Armin Laschet ist entschlossen, das Gleiche bei der Bundestagswahl am 26. September zu tun. (...)

Nun blickt das Land auf den Mann aus Aachen, geringschätzig, zweifelnd: Kann er das schaffen? Das wird Laschet nicht überraschen, er ist es gewohnt, bei anderen Zweifel an seinen eigenen Fähigkeiten zu sehen. Gewohnt, immer unterschätzt zu werden. In seinem langen politischen Leben lernte Laschet zuerst zu verlieren, bevor er zu gewinnen lernte.“

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Das „Hauptstadt-Radar“ zum Hören

Das Autorenteam des „Hauptstadt-Radars“ meldet sich am Donnerstag wieder. Dann informiert Sie meine Kollegin Eva Quadbeck über Neuigkeiten aus Wahlkampf und Politikbetrieb.

Bis dahin alles Gute, bleiben Sie gesund.

Ihr Andreas Niesmann

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