Der lange Schatten der Treuhand

  • Im Osten wird wieder Wahlkampf mit der Treuhandanstalt gemacht – für Linke und AfD gilt sie als Wurzel allen Übels.
  • Der frühere Treuhand-Direktor Ken-Peter Paulin hält dagegen: „Wir waren von Anfang an in der Rolle des Sündenbocks.“
  • Schuld seien die Politiker in der DDR und der Nachwendezeit gewesen.
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Der Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch fordert Einsicht in die Akten zur Treuhandanstalt, die noch in den Bundesministerien zugänglich sind. Seine Partei will die Rolle der Treuhand beim Umgang mit der Ex-DDR-Industrie noch einmal genau überprüfen. 30 Jahre nach dem Mauerfall und 25 Jahre nachdem die Anstalt an der Berliner Wilhelmstraße offiziell ihre Aufgabe beendete, wird die Rolle der Treuhand in der Nachwendezeit kontroverser denn je diskutiert.

Natürlich ist das Folge der Wahlkämpfe in Sachsen, Brandenburg und Thüringen, wo Linke und AfD darum streiten, wer die Seele der Ostdeutschen am besten versteht. Die beiden Fraktionen sind auch bisher die Einzigen, die einem Untersuchungsausschuss zustimmen würden.

Treuhand war der Sündenbock

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Für Ken-Peter Paulin hingegen steht das Urteil über die Treuhand fest: „Wir waren von Anfang an in der Rolle des Sündenbocks“, sagt der agile 77-Jährige. Paulin gehört zu den wenigen hochrangigen Treuhand-Managern, die heute offen über ihre Tätigkeit reden. Und sie verteidigen. „Schuld war die Treuhandanstalt, sagen heute noch viele Menschen. Das ist aber falsch. Die Treuhand hat Fehler gemacht, aber die meisten Fehler sind in der Industriepolitik der DDR passiert.“

An einem Fließband im VEB Sachsenring Automobilwerk Zwickau werden Zweitakt-Pkw vom Typ Trabant montiert. © Quelle: OZBILD

Das Label des Sündenbocks sei für Politiker wie Betriebsleiter gleichermaßen bequem gewesen. Die Treuhand, dieses kurzlebige, hybride Zwischenwesen, in dem ostdeutsche Ökonomen und angeworbene Manager aus dem Westen zusammenarbeiteten, war als Schuldiger nahezu perfekt. Eine gesichtslose, niemandem verantwortliche Einheit. „So viel Marketing und Werbeveranstaltungen hätten wir gar nicht machen können, um das Image wieder loszuwerden.“

Der Manager Paulin wurde im Oktober 1990, direkt nach der Wiedervereinigung, von einem Headhunter angesprochen. Sofort war er bereit, zur Treuhand zu wechseln. „Die deutsche Wiedervereinigung war für mich das Thema des Jahrhunderts“, sagt er. Und ein Thema seiner Familiengeschichte. Paulin stammt aus Thüringen, hat es in der frühen DDR noch zum Jungpionier gebracht. Dann ging die Familie in den Westen. Später, als Treuhand-Manager, hat ihm keiner seiner Gesprächspartner geglaubt, als er sich als Ossi outete.

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In Berlin kam der erfahrene Manager in ein Chaos aus unklaren Zuständigkeiten und Unterbesetzung. Paulin leitete das Direktorat Sanierung – zuständig für die Sanierung der gesamten DDR-Industrie. Mit fünf Mitarbeitern – später hatte er 120 – versuchte Paulin zunächst, sich einen Überblick zu verschaffen: „Wie viele Firmen haben wir, wie viele Mitarbeiter, wie viel Umsatz. Diese Zahlen gab es nicht.“ Sie legten Excel-Tabellen an – und erschraken. „Die Katastrophe war abzusehen“, erinnert sich Paulin. „Ich habe meinem Vorstand berichtet: Die Treuhandanstalt wird mindestens zwei Millionen Arbeitslose generieren, sonst gehen noch mehr Unternehmen in die Abwicklung. Anders formuliert: Weniger als die Hälfte der Beschäftigten konnte an Bord bleiben.“

Zahl der Arbeitslosen schnellte in die Höhe

Doch der Vorstand um den (1991 erschossenen) Treuhand-Chef Detlev Rohwedder stellte sich taub. „Das wollte keiner hören. Dafür wollte keiner die Verantwortung übernehmen. Doch eigentlich war es noch dramatischer. Unsere Kalkulation, dass 35 bis 45 Prozent der Beschäftigten bleiben konnten, basierte auf gleichbleibendem Absatz, was niemals zu erwarten war.“

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In diesem Jahr jähren sich die friedliche Revolution in der DDR und der Mauerfall zum 30. Mal. Am 9. November 1989 wurde Berlin wieder eins.  © RND

In den folgenden Jahren zeigte sich: Paulins dramatische Kalkulationen aus dem Herbst 1990 waren noch weit untertrieben. Die Zahl der Arbeitslosen schnellte auf dem Gebiet der Ex-DDR in unvorstellbare Höhen.

Der Historiker Marcus Böick erklärt das bis heute wirkende Treuhand-Trauma im Osten so: „Die Treuhand ist der zentrale Baustein einer schockartigen Nachwendeerfahrung. Man hat das Wirken der Treuhand überwiegend als Herabsetzung empfunden. Es kamen Menschen aus Westdeutschland und nahmen im Osten das Heft in die Hand. Da reiste plötzlich einer aus Düsseldorf an und sagte: ,Euer Betrieb ist nichts mehr wert.’ Dafür ist die Treuhand ein ganz starkes Symbol.“

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Spricht über die Vergangenheit: Der frühere Treuhand-Direktor Ken-Peter Paulin.

Paulin reiste aus Berlin an, immer mit Vollgas durch den wilden Osten. Die Polizei stoppe Treuhand-Dienstwagen nie, hatte man ihm gesagt. So war es auch. „Du kommst irgendwo hin, bist ein neuer Boss, bist ein großer Boss – natürlich gab es da Schwierigkeiten“, erinnert er sich. „Aber ich habe immer versucht, das Miteinander so einfach wie möglich zu machen.“

Wenn man Paulin zuhört, wirkt die Treuhand weniger als die Naturgewalt, die den Osten plattmacht – sondern eher als ein Partner, der den Weg aus der Katastrophe weisen will. 1991 war Paulin nach dem Umbau der Treuhand-Zentrale für die Autobranche zuständig. Das Aus für Wartburg und Trabant war unausweichlich – jeder noch produzierte Wagen sorgte für einen Verlust von 7000 D-Mark (3580 Euro). Die Werke machten Anfang 1990 dicht – und die Zulieferer standen ebenfalls vor dem Aus.

Paulin und seine Kollegen luden sämtliche Wartburg-Zulieferer zu einem Treffen nach Berlin ein, alle Aufsichtsräte, Vorstände, Geschäftsführer und Betriebsräte. Sie eröffneten ihnen: Euer Kunde bricht weg. Und sie fragten: „Was wollt ihr stattdessen machen, worin seid ihr gut? Ihr müsst was Neues machen.“ Bitter seien diese Treffen gewesen, aber am Ende standen erste Lösungsansätze.

Ex-Treuhand-Manager will nichts schönreden

So sehr der Ex-Treuhand-Manager Paulin seine Tätigkeit verteidigt – schönreden will er die Treuhand nicht. „Sicher, es gab etliche Fehler bei uns“, räumt er ein, „darunter einige ganz schön happige Skandale. Das waren aber nicht mehr als einige wenige Prozent aller Transaktionen.“

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Skandalös waren auch die Versuche westlicher Großunternehmen, die unerfahrenen Ostmanager über den Tisch zu ziehen. Paulin nennt es „Gaunereien“. Einige konnte er verhindern – wie den Skandal um die gemeinsamen Vertriebsgesellschaften. Er hatte den in Marketing und Vertrieb unerfahrenen Ex-DDR-Firmen selbst empfohlen, sich mit einem westdeutschen Partner zusammenzutun, um die größten Schwächen auszugleichen. Was er übersehen hatte: Einige Westkonzerne gründeten Firmen, an denen sie selbst 51 Prozent und die jeweilige Ostfirma nur 49 Prozent der Anteile hielt. „So hatte er die Ostfirma im Griff und lernte ihre Stärken und Schwächen billig kennen.“

Bei einem Privatisierungsmeeting mit dem betreffenden großen Westkonzern platzte Paulin dann der Kragen: „Diese Vertriebsgesellschaft ist der größte Betrug aller Zeiten“, schäumte er, „sie muss aufgelöst werden.“ Das geschah dann auch. Alles blieb hinter den Kulissen. Dem Image der Treuhandanstalt hat es nicht geholfen.

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Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Das Jahr 1989 gehört zu den bewegendsten in der deutschen Geschichte. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat mit Zeitzeugen gesprochen, prominenten und nicht prominenten. Was sie zu erzählen haben, lesen Sie in der Serie „Mein Traum von Deutschland“. Jeden Tag erscheint eine neue Geschichte. Die Serie läuft bis zum Tag des Mauerfalls am 9. November.