“Höchste Zeit” – Pressestimmen zur Maskenpflicht

  • Deutschland wird zum Maskenpflicht-Flickenteppich.
  • Mehrere Bundesländer haben ihre Bürger bereits zum Mundschutztragen in ÖPNV und Supermärkten verpflichtet, andere lehnen das ab.
  • Die Kommentatoren deutscher Zeitungen sprechen sich vielfach für eine Maskenpflicht aus.
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Berlin. Mehrere Bundesländer haben bereits eine Maskenpflicht in öffentlichen Nahverkehrsmitteln und teilweise auch in Geschäften eingeführt oder angekündigt. Das Echo deutscher Zeitungskommentatoren auf solche Maßnahmen ist in weiten Teilen positiv.

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“Höchste Zeit für eine Maskenpflicht"

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Die “Allgemeine Zeitung” aus Mainz hält bloße Empfehlungen zum Maskentragen nicht für ausreichend: “Die Straßen und Städte füllen sich – und es wird höchste Zeit für eine Maskenpflicht. Warum? Weil die Menschen den „dringenden Empfehlungen“, eine Maske im Bus und beim Einkaufen zu tragen, zum großen Teil nicht folgen. Weil der Unterschied zwischen medizinischen Masken und Alltagsmasken weithin verstanden wird – und diese Stoffmasken dank vieler Initiativen, Webshops und Firmen, die ihre Produktion umgestellt haben, auch lieferbar sind. Und nicht zuletzt: weil mit der Öffnung der Geschäfte und den Nachrichten von der positiven Entwicklung der Infektionszahlen für viele Menschen die Corona-Krise seit dem Wochenende schon abgehakt scheint.”

Die “Pforzheimer Zeitung” begrüßt die Einführung einer Maskenpflicht in Baden-Württemberg: “Wer einkaufen geht oder mit Bus und Bahn fährt, muss von Montag an nun auch im Südwesten einen Mundschutz tragen. Endlich, kann man da nur sagen. Denn Masken tragen dazu bei, die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Da sind sich alle Fachleute einig. Dass Kanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten vor einer Woche nur eine „dringende Empfehlung“ statt einer bundesweiten Pflicht zum Tragen von Masken verkündete, ist vor diesem Hintergrund nicht nur unverständlich, sondern ärmlich obendrein. Dass nach der Verkündung vor einer Woche nun fast täglich ein anderes Bundesland – mittlerweile sind es zehn von insgesamt 16 – eine Maskenpflicht für sich einführt und unterschiedlich ausgestaltet, ist ein politisches Trauerspiel. Föderalismus hin oder her. Wenn schon nicht bei den Ladenöffnungen, dann hätten wenigstens in dieser zentralen Frage alle an einem Strang ziehen müssen, statt das eigene Süppchen zu kochen. Politische Entschlossenheit und Einigkeit wären in diesen Zeiten ein so wichtiges Signal für die Bürger. Diese gemeinsame Chance wurde – wieder mal – vertan.”

“Die Wissenschaft ist einen Schritt weiter”

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Der “Weser-Kurier” verweist auf den Sinneswandel des Robert-Koch-Instituts in der Mundschutzfrage und stellt den Wert aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse heraus: “Was ist richtig, was falsch? Seit dem Ausbruch der Pandemie geht es darum, darauf Antworten zu finden. Die Virologen liefern mit ihren Forschungen zwar den unerlässlichen wissenschaftlichen Unterbau, die Entscheidungen daraus aber muss die Politik ableiten. Und sie muss dies nicht nur schnell tun, sondern sich daran messen lassen. Die Zahl der Neuinfektionen und Corona-Toten ist ein unwiderlegbarer Faktor für richtiges oder falsches Handeln. Politik wird quasi messbar, dabei ist doch gerade in Zeiten von Corona nichts so trügerisch wie die Wahrheit von gestern. Das zeigt sich auch am Beispiel der Masken. Noch Ende März hielt das Robert-Koch-Institut das „vorsorgliche Tragen“ in der Öffentlichkeit für nicht empfehlenswert. Inzwischen verweisen die dortigen Experten auf neue Studien, die nun doch einen positiven Effekt darin sehen. Also Kommando zurück, die Wissenschaft ist einen Schritt weiter.”

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Mit Abstand zum Schulabschluss
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Eine Realschule in Bonn trifft Vorbereitungen für die Wiedereröffnung der Schule.  © Reuters
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Maskenpflicht ist “ein kleines Übel”

Für den “Reutlinger General-Anzeiger” ist eine Maskenpflicht ein “kleines Übel”, das niemandem schadet: “Die Argumentation, warum wo welche Regeln gelten, ist dürftig. Immerhin: Die Maske schützt andere und sie schadet niemandem. Wenn diese Maßnahme dabei hilft, dass wir alle schneller wieder in Restaurants oder zu öffentlichen Veranstaltungen gehen können, ist die Maskenpflicht ein kleines Übel. Jedoch muss die Politik sorgfältig mit dem Vertrauen der Bürger umgehen. Mit dem Maßnahmen-Flickenteppich tut sie das nicht.”

Die “Stuttgarter Zeitung” sorgt sich um die Individualität im Maskenmeer: “Die Maske bekleidet unser Gesicht und entkleidet uns zugleich ein wenig unserer Individualität. Diese wird auch mit gewagten Farbmustern oder originellen Aufdrucken schwerlich zurückzugewinnen sein. Gut daran ist, dass die Pflicht nur fürs Einkaufen gilt und für den öffentlichen Personenverkehr. Es handelt sich erst einmal um im Tagesablauf überschaubare Zeitspannen. Schlecht mutet an, dass kein Ende der Maskenpflicht in Sicht ist.”

“Maskentragen ist Rücksichtnahme”

Die “Frankfurter Rundschau” stellt fest, dass das Prinzip der Freiwilligkeit bei den Corona-Schutzmaßnahmen leider nicht funktioniere: “Es gibt ein schöneres Gefühl, als mit einem Stofflappen über Mund und Nase in der Bahn zu sitzen oder shoppen zu gehen. Doch darum geht es nicht. Nehmen wir an, die Experten haben recht. Dann kann eine Maske oder ein Tuch vor dem Mund die Mitmenschen vor einer möglichen Ansteckung mit Sars-CoV-2 schützen. Ein wenig nur. Weitaus wirksamer und deshalb dringend aufrechtzuerhalten sind die Abstandsregeln und leider auch die Kontaktverbote. Maskentragen ist Rücksichtnahme. Gegenüber der Verkäuferin, dem Friseur, dem Fahrkartenkontrolleur, dem Sitznachbarn. Leider funktioniert das Prinzip der Freiwilligkeit nicht, wie ein Blick in die Fußgängerzonen zeigt. Maskentragen erinnert uns permanent daran, dass wir uns weiter in einem Ausnahmezustand befinden. Das ist wichtig. Auch für die jungen Menschen, die am Montag wieder in die Schulen gehen. Nichts ist normal. Das Virus hat uns, vermutlich noch lange, im Griff. Und es ist alles andere als harmlos.”

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Anleitung: Mund-Nasen-Bedeckung zum Selbernähen
1:34 min
Mundschutz ist vielerorts knapp, also nähen manche Menschen selbst. Hier eine Anleitung.  © RND/Mario Sadlau
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Die “Hessische Niedersächische Allgemeine” aus Kassel sieht in der Maskenpflicht eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Bekämpfung der Corona-Pandemie: “Jetzt, bei den ersten vorsichtigen Schritten zurück in einen einigermaßen funktionierenden Alltag in Schulen, Betrieben und in der Öffentlichkeit, hängt die Seuchenbekämpfung entscheidend davon ab, wie konsequent die Bevölkerung sich nicht nur selbst schützt, sondern auch gegenseitig. Natürlich ist das Tragen solcher Masken im öffentlichen Raum nur eine Hygienemaßnahme neben anderen, etwa dem Abstandhalten oder dem sorgfältigen Händewaschen. Die Maske garantiert keinen Virenschutz. Doch nun, in dieser Phase, ist eine Maskenpflicht in geschlossenen Räumen wie in Schulen, Geschäften, Bussen und Bahnen mehr als nur sinnvoll. Sie ist eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Kampf gegen die Seuche.”

RND/dpa/feh

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