Maske auf, aber ganz entspannt

  • Chinas oberster Virenbekämpfer George Gao wundert sich: Warum tragen Europäer und Amerikaner keine Masken?
  • Deutsche Politiker haben derzeit Angst vor Buhrufen: Weil sie mangels Masse noch keine Masken austeilen können, wollen sie sie auch ungern vorschreiben.
  • Doch dieses taktische Denken in den Kategorien innenpolitischer Vor- und Nachteile ist in der Corona-Krise fehl am Platz.
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Der Immunologe George Gao (58) ist Chinas oberster Virenbekämpfer. Ende 2019 gehörte er zu den ersten Wissenschaftlern, die das neue Coronavirus isoliert analysiert haben. Anfang 2020 lenkte er dann Chinas massive Gegenmaßnahmen. Interviewanfragen westlicher Medien wimmelte Gao bislang immer ab: keine Zeit.

Umso mehr verdient Beachtung, was Gao jetzt dem amerikanischen Wissenschaftsmagazin “Science” sagte: “Der große Fehler in den USA und in Europa liegt meiner Meinung nach darin, dass die Leute keine Masken tragen.”

Brauchen wir in Deutschland noch einen weiteren Gong aus dem Ausland? Oder wollen wir lieber noch eine nationale Nabelschau mit Anne Will?

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Wie lange überlebt das Coronavirus auf Oberflächen?
0:52 min
Das neuartige Coronavirus hält sich auf unterschiedlichen Oberflächen unterschiedlich lange. Eine wirkliche Gefahr einer Übertragung besteht allerdings nicht.  © RND

Bislang war ein Mund- und Nasenschutz ein Signum der Schwäche

In die Abwehr der globalen Gefahr müssen jetzt endlich mehr globale Erfahrungen einfließen. Wer die abgeflachten Kurven sucht, von denen dauernd in den Talkshows die Rede ist, wird sie in Asien finden.

In China waren diktatorische Maßnahmen im Spiel, in Südkorea und Japan gab es demokratische Varianten – in allen asiatischen Staaten aber, in denen die Virusabwehr am Ende Erfolg hatte, trugen Menschen Masken.

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Es wird Zeit, dass auch die Deutschen nachrüsten: Maske auf, aber ganz entspannt.

Ideal wäre eine kluge, kollektive Umsteuerung, mit möglichst viel Selbstverantwortung und möglichst wenig Strafandrohung. Gefragt sind Maß und Augenmaß: Beim Waldspaziergang brauchen wir die Maske nicht, im Supermarkt und im Bus aber schon.

Ein Umdenken steht an. Bislang war ein Mund- und Nasenschutz ein Signum der Schwäche. Schwerkranke und frisch Operierte liefen so herum. Jetzt aber, in der Corona-Krise, muss jeder bitte mal eine völlig neue Version von Sinn und Zweck der Maske abspeichern: Sie soll und sie kann nicht den Träger schützen. Es geht nur darum, beim Sprechen keine Tröpfchen mehr in Richtung anderer Leute zu blasen.

Schon damit aber, argumentiert der Chinese George Gao, kann eine Unterbrechung der Infektionsketten bewirkt werden: Mancher, der im Bus Platz nimmt, trägt das Virus längst in sich, hat aber keinerlei Beschwerden. Wenn er sich vorsichtshalber eine Maske umbindet, stoppt er, ohne es zu wissen, die Ausbreitung.

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Mediziner sprechen von präsymptomatischen Phasen: Der bereits Angesteckte geht noch einkaufen, weil er die Erkrankung gerade noch nicht spürt. Wenn er in diesem Zeitraum andere Menschen nur durch Masken anspricht, reduziert er deren Risiko, vom ihm infiziert zu werden.

Wird die Maske am Ende noch zum Symbol der Starken?

Hinzu kommen die Fälle eines komplett asymptomatischen Verlaufs: Manche Menschen werden infiziert, spüren aber weder am Beginn noch am Ende der Infektion irgendetwas, weil ihr Immunsystem das Virus komplett abwehrt. Wenn diese Glücklichen eine Maske tragen, können sie in der Phase ihres Infiziertseins die Weitergabe des Virus an Schwächere bremsen.

Wird die Maske am Ende noch zum Symbol der Starken und der Helden? Die Wirtschaft jedenfalls wird schon bald passende Angebote auf den Markt werfen, und niemand darf sich wundern, wenn die unfreiwillige Frühjahrsmode 2020 überraschend farbenfroh ausfällt. Hier geht es, anders als bei Klinikausrüstungen, nicht um Fragen von Leben und Tod. Die Maske ist nur eine von vielen Vorsichtsmaßnahmen. Sie zeigt, wie das Niesen in den Ellenbogen, dass wir Rücksicht nehmen auf andere.

Politiker zögern, den Griff zur Maske anzustoßen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn etwa sieht “in der jetzigen Lage keine Notwendigkeit zu einer Verpflichtung”. Das ist kein klares Ja und kein klares Nein. Auch die Ministerpräsidenten von SPD-Ländern gehen bislang in Deckung. Dahinter steckt Angst vor Buhrufen: Weil die Obrigkeit jetzt mangels Masse keine Masken austeilen kann, will sie sie auch ungern vorschreiben. Doch dieses taktische, letztlich eitle Denken in den Kategorien innenpolitischer Vor- und Nachteile ist jetzt fehl am Platz. Niemand fordert ja auch einen Nanny-Staat, der uns im nächsten Winter ein Mützchen aufsetzt und deshalb schon mal 80 Millionen Stück einlagert.

Wir, Regierte und Regierende, sind alle erwachsen. Wir können Übergangslösungen finden. Hören wir auf, mit dem Finger aufeinander zu zeigen. Machen wir einander nichts vor. Tasten wir uns jetzt gemeinsam durch diese Krise. Und setzen wir, wo es eng wird, ruhig eine Maske auf. Notfalls eine selbst genähte.

RND

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