• Startseite
  • Politik
  • Marburger-Bund-Chefin im Interview zu Corona: Stresstest für Kliniken

Klinikärztechefin: “Dieser Zustand lässt sich nicht auf Dauer durchhalten”

  • Sie vertritt die Mediziner, auf die es jetzt ankommt: die Ärztinnen und Ärzte an Deutschlands Krankenhäusern.
  • Susanne Johna, Chefin des Marburger Bundes, bleibt optimistisch.
  • Sie ist der Meinung, dass das Gesundheitssystem diese extreme Herausforderung bewältigen kann – unter bestimmten Bedingungen jedenfalls.
|
Anzeige
Anzeige

Frau Johna, viele Menschen in Deutschland machen sich Sorgen, dass unser Gesundheitssystem angesichts von bald womöglich mehreren Millionen Infizierten vor dem Kollaps steht. Was entgegnen Sie?

Ich sage dann: Wir haben 2017/2018 die größte Grippewelle in Deutschland erfolgreich gemanagt. Und zwar so, dass ein großer Teil der Bevölkerung nichts davon mitbekommen hat, obwohl wir 60.000 zusätzliche Krankenhauspatienten hatten. Ich glaube, dass wir es schaffen und die jetzige Situation meistern können. In der Politik ist erkannt, dass wir maximale Unterstützung benötigen. Wir haben in Deutschland das Gesundheitssystem mit den meisten Ressourcen in dem Bereich, auf den es nun ankommt. Ich sehe die Lage unverändert optimistisch.

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen glaubt, die Epidemie und ihre Folgen seien unterschätzt worden. Sehen Sie das auch so?

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Nein. Im Großen und Ganzen ist rechtzeitig reagiert worden.

Die meisten Krankenhäuser sind gut vorbereitet.

Susanne Johna, Chefin der Ärztegewerkschaft Marburger Bund

Das alles wird ein Stresstest für Deutschlands Kliniken. Wie gut sind sie gerüstet?

Die meisten Krankenhäuser sind gut vorbereitet. Leider gibt es immer noch einige Häuser, die weiterhin planbare Eingriffe und Behandlungen anbieten. Das widerspricht den sinnvollen offiziellen Empfehlungen.

Anzeige

Welche Folgen hat das?

Es behindert auch die Vorbereitung für den Fall, an dem die Krankenhäuser unter Volllast Covid-19-Patienten behandeln müssen. Dazu wären jetzt Schulungen notwendig. Die Politik sollte noch einmal sehr deutlich darauf hinweisen, dass sich die Krankenhäuser nun vorbereiten müssen.

Anzeige

Zumal es ja weiterhin dringende Behandlungen geben wird, die nichts mit Corona zu tun haben.

Das stimmt. Bei aller Konzentration auf Covid-19 dürfen wir auch die übrigen Patienten nicht vergessen. Wir müssen sicherstellen, dass alle anderen Bereiche weiter funktionieren. Auch bei Herzinfarkt, Schlaganfall oder schweren Unfallverletzungen muss es weiter eine Versorgung auf hohem Niveau geben. Das ist eine große Herausforderung.

Wie viel Zeit bleibt noch, bis es wirklich ernst wird in den Krankenhäusern?

Genau wissen wir das erst in etwa zehn Tagen, wenn sich zeigt, ob die eingeleiteten Maßnahmen wirken und die Kurve flacher wird. Zwar haben wir jeden Tag deutlich mehr Fälle, auch mehr schwere Fälle. Die nächsten zehn Tage werden wohl noch nicht die richtig heiße Phase werden. Danach wird es aber enger. Wir müssen deshalb die Zeit nutzen, die wir haben, um die Krankenhäuser optimal vorzubereiten.

Geschlossene Schulen und Kitas, geschlossene Geschäfte, Ämter, Schwimmbäder, Fabriken, die nicht mehr produzieren – wie lange wird es bei den Schutzmaßnahmen, die wir jetzt haben, bleiben müssen?

Wir erleben gerade eine Vollbremsung der gesamten Volkswirtschaft. Dieser Zustand lässt sich auf Dauer nicht durchhalten.

Anzeige

Aus ökonomischer Sicht ist das verständlich. Aber warum sieht die Medizinerin das so?

Ziel muss eine Immunisierung der Bevölkerung sein. Das geht nur, wenn die Menschen in Kontakt mit dem Virus kommen. Wichtig ist, dass wir die besonders gefährdeten Gruppen schützen. Vorrangiges Ziel ist nun ein Abflachen der Kurve bei den Neuinfektionen. Ein Abflachen der Kurve wird allerdings dazu führen, dass die Welle länger läuft. Deswegen hilft es nicht weiter, zu strikte Maßnahmen zu ergreifen oder, wie manche Länder in Europa, Ausgangssperren zu verhängen. Allerdings muss die Bevölkerung weiter aufgeklärt werden, was in dieser Situation geht und was nicht geht.

Was geht denn nicht?

Ich nehme mit Erstaunen und Entsetzen wahr, dass manche den Ernst der Lage noch nicht erkannt haben. Der Abstand zum anderen ist das alles Entscheidende. Und zwar ein Abstand von zwei Metern. Das lässt sich auch einhalten, wenn man draußen spazieren geht. Es hilft niemandem, wenn Menschen bald in Depressionen verfallen, weil sie nicht mehr an die frische Luft kommen.

Laut Robert-Koch-Institut haben inzwischen selbst gut ausgestattete Kliniken Schwierigkeiten mit den ansteigenden Zahlen bei schweren Fällen. Wie zeigt sich das konkret?

Die Ausstattung der Kliniken mit Beatmungsgeräten ist derzeit noch kein Problem. Es wird allerdings zunehmend schwierig, für die Mitarbeiter genügend Schutzausrüstung vorzuhalten. Mundschutz, Kittel, Schutzbrillen – das ist im Moment die knappste Ressource. Wo möglich, wird versucht, Material einzusparen. Hier brauchen wir schnell Hilfe. Das zentral bestellte Material ist derzeit noch nicht vor Ort.

Anzeige

Wie schnell lassen sich zusätzliche Intensivkapazitäten aufbauen?

Beatmungsgeräte sind von der Bundesregierung bestellt worden. Wir wissen noch nicht, nach welchem Schlüssel sie verteilt werden sollen. Das sollte rasch transparent gemacht werden. Hilfreich wäre eine nationale Plattform, auf die von den Kliniken zugegriffen werden kann: Dort könnte darüber informiert werden, wo es noch verfügbare Beatmungsgeräte, Intensivbetten und Schutzkleidung gibt. Solche Angebote gibt es nicht in allen Bundesländern.

Zusätzliche Kapazitäten für minderschwere Fälle sollen außerhalb der Kliniken aufgebaut werden – etwa in Hotels und Messehallen. Wie realistisch ist das?

Meine erste Frage dazu wäre, ob dies wirklich notwendig und hilfreich ist. Wir sollten zunächst alles versuchen, um die vorhandenen Krankenhäuser besser auszustatten und die Kapazitäten dort zu erweitern. Dazu gehören auch die Reaktivierung stillgelegter Krankenhausstandorte und die Nutzung von Räumlichkeiten in psychosomatischen Kliniken. Dagegen ist die Versorgung von Patienten in Messehallen oder Hotels problematisch, weil dort die notwendigen technischen Einrichtungen fehlen.

Reicht das Personal?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir müssen den Fokus darauf setzen, sogenanntes ruhendes Personal zu aktivieren. Zum Beispiel Pflegerinnen und Pfleger sowie Ärzte dazu zu bewegen, ihre Arbeitszeit aufzustocken – von Teilzeit auf Vollzeit. Wir spüren schließlich, wie stark sich Schul- und Kita-Schließungen auswirken.

Wie groß ist das Problem?

Wir haben dadurch, dass Schulen und Kindertagesstätten geschlossen worden sind, erheblich an Personal verloren in den Krankenhäusern. Dadurch fehlen viele Pflegerinnen und Pfleger, teilweise auch Ärzte und Ärztinnen. Die Notbetreuung greift ja in den meisten Bundesländern nur bei Alleinerziehenden oder wenn beide Elternteile in einem Beruf der Daseinsvorsorge arbeiten.

Wer direkten Kontakt mit Infizierten gehabt hat, muss 14 Tage in Quarantäne. Das gilt auch für Pflegepersonal. Lässt sich das so noch durchhalten?

Die Richtlinien des Robert-Koch-Instituts dazu werden im Augenblick noch umgesetzt. Ob sich das auf Dauer so durchhalten lässt – ich weiß es nicht. Eine Möglichkeit wäre, das Pflegepersonal dauerhaft mit Mundschutz arbeiten zu lassen, solange es getestet und komplett symptomfrei ist.


“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen