Manfred Stolpe – Landesvater und pommerscher Sturkopf

  • Er war der erste Ministerpräsident des Bundeslandes Brandenburg und einige Jahre Bundesminister: Manfred Stolpe.
  • Der SPD-Politiker war ein Mann, der nie aufgab und nie klagte – aber auch ein pommerscher Sturkopf.
  • Ein Nachruf.
Igor Göldner
Volkmar Krause
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Potsdam. Auf „sein“ Brandenburg ließ Manfred Stolpe nie etwas kommen. Auch wenn er schon seit vielen Jahren politisch nicht mehr in der ersten Reihe stand, mischte er sich ein, wurde um Rat gefragt – als Brandenburg-Versteher im besten Sinne, als Zeitzeuge und Mahner.

Manchmal meldete er sich auch zu Wort, um seiner Partei, der SPD, auf seine Weise eine Ansage zu machen. Wie zuletzt im Landtagswahlkampf 2019, als der SPD das Wasser bis zum Hals stand. Da konnte Stolpe zwar schon nicht mehr öffentlich auftreten, aber dennoch wandte er sich gemeinsam mit Matthias Platzeck in einem Brief an die Brandenburger: „Es kommt darauf an, sich jetzt nicht gegeneinander ausspielen zu lassen, sondern zusammenzustehen.“ Gern schrieb der erste Ministerpräsident des damals neu gegründeten Bundeslandes auch seinen Genossen einen Fontane-Satz ins Stammbuch: „Vergesst nicht, am Mute hängt der Erfolg.“

An diesen Satz und an Stolpe erinnerte Matthias Platzeck zuletzt auf einem Parteitag, als die SPD ihren am Ende sehr glücklichen Wahlerfolg feierte. „Irgendwie stehen wir alle auf seinen Schultern“, sagte Platzeck, der Stolpe 2002 als Regierungschef in Brandenburg beerbt hatte, und richtete Grüße von Manfred Stolpe aus, den er kurz zuvor noch besucht hatte. „Manfred geht es wahrlich nicht gut, aber ihr kennt ihn alle: Er ist tapfer wie immer, hat sich über den Wahlerfolg gefreut und war über alles bestens informiert.“

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Manfred Stolpe – einer, der nie aufgab und der nie klagte

Da war Stolpe, der mit seiner Erkrankung stets offen umging, schon schwer gezeichnet. Bereits 2004 war Darmkrebs festgestellt worden, später war auch die Leber befallen. Er war einer, der nie aufgab und der nie klagte. Seit Längerem schon fiel Stolpe das Sprechen schwer. Irgendwann versagte seine warme, sonore Stimme, die so unverwechselbar war und mit der er auf seine besondere Art bei vielen Menschen Vertrauen wecken konnte. Man kann nur ahnen, wie schwer es ihm gefallen sein muss, auf ein Sprachgerät angewiesen zu sein, um sich überhaupt mit anderen verständigen zu können.

In der Nacht zu Sonntag ist Manfred Stolpe im Alter von 83 Jahren in Potsdam verstorben.

Zuletzt lebte er gemeinsam mit seiner zwei Jahre jüngeren Ehefrau Ingrid, die früher Ärztin war, in einer Wohnung in der Seniorenresidenz im Johanniter-Quartier in Potsdam. Dorthin waren beide schon 2012 aus dem Haus in Potsdam umgezogen.

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Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte Manfred Stolpe 2002 ins Bundeskabinett geholt - als Verkehrsminister. Damit wurde der SPD-Politiker auch bundesweit bekannt. Doch die Rolle seines Lebens war eine andere.  @ Quelle: imago images/Koall

Stolpe, der einstige Kirchenfunktionär in der DDR und erste Ministerpräsident in Brandenburg, lebte zwei sehr unterschiedliche Leben in zwei verschiedenen Systemen. Ein strenger Pflichtmensch war Stolpe immer, egal, wo er gerade tätig war. Er sah sich selbst in der Traditionslinie der preußischen Toleranz. Später mündete das, nach der friedlichen Revolution und den Wende-Wirren 1989/90 im „Brandenburger Weg“ des neuen Potsdamer Landtags – alle mitnehmen, niemanden ausgrenzen, das war zeitlebens Stolpes Credo.

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Bundesverkehrsminister unter Gerhard Schröder

In die Pflicht nehmen ließ sich Stolpe oft und sogar, als niemand mehr damit rechnete. Er war als Ministerpräsident im Juni 2002 zurückgetreten, damals war er 66 Jahre. Im Herbst des Jahres gewann Gerhard Schröder zum zweiten Mal die Bundestagswahl, setzte Rot-Grün fort. Bei der Kabinettsbildung wurde Schröder von Vertretern der Ost-SPD gedrängt, das Bundesverkehrsministerium, das auch für den „Aufbau Ost“ zuständig war, endlich mit einem Ostdeutschen zu besetzen.

Im letzten Moment aber sagte der Sachse Wolfgang Tiefensee überraschend ab. Matthias Platzeck kam auch nicht infrage, er war gerade in Brandenburg neuer Regierungschef geworden. Da schaute alles auf Stolpe. Der war damals in der kleinen, entscheidenden Runde mit Schröder mit dabei. Der Potsdamer ließ sich nicht lange bitten, erwartet hatten das die Wenigsten.

„Unverbesserlich“, sagte Ingrid Stolpe später, als sich ihr Mann in ein zweites politisches Abenteuer stürzte: die Bundespolitik. Für das setzte er sogar seine Gesundheit aufs Spiel. Eine nötige Operation verschob er, er wollte unbedingt die auf der Kippe stehende Lkw-Maut retten, für die er zuständig war. Prägend waren die zwölf Jahre davor als Ministerpräsident. Es waren die Jahre des Umbruchs, des wirtschaftlichen Niedergangs, der Massenarbeitslosigkeit, aber auch die Jahre der Hoffnung. Stolpe erlebte alle Facetten dieser Zeit – die großen Erfolge, aber auch die bitteren Momente und Niederlagen.

Geboren im pommerschen Stettin

Dass der 1936 im pommerschen Stettin geborene Stolpe einmal Brandenburg regieren würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Der Sohn eines Gastwirts, der eigentlich Förster werden wollte, suchte schon frühzeitig zielstrebig nach seinem Platz im Leben. Die Familie war zum Kriegsende vor der heranrückenden Roten Armee nach Greifswald geflohen. Da er nicht den gewünschten Germanistik-Studienplatz bekam, entschied sich Stolpe für ein Jurastudium.

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Wie vielen seiner Generation bot die junge DDR auch Stolpe zunächst erstaunliche Freiräume. Er war bei den Jungen Pionieren, in der FDJ und gleichzeitig Mitglied der Jungen Gemeinde. Aber nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands am 17. Juni 1953 verstärkte die SED-Führung ihren Druck vor allem auf die Christen. Nachdem sowjetische Panzer den Ungarn-Aufstand 1956 niedergewalzt hatten – Stolpe war zu dieser Zeit Student in Jena – standen vor allem jene unter Beobachtung, die sich wie er weigerten, in die SED einzutreten. Die Unileitung attestierte dem frisch gebackenen Juristen auf dem Abschlusszeugnis „bürgerliches Denken“. Für eine Karriere im SED-Staat war das keine Eintrittskarte.

Stolpes Mutter setzte sich in der Greifswalder Kirche für ihren Sohn ein. Und so kam er als Jurist in der Verwaltung der Evangelischen Kirche in Berlin unter. Noch vor dem Mauerbau hatte sich Stolpe, dem der Zuzug nach Berlin verwehrt worden war, in Potsdam niedergelassen und seine Frau Ingrid – die Jugendliebe aus Studententagen – geheiratet.

1962 wurde der 26-Jährige Leiter der Geschäftsstelle der Evangelischen Kirchen in der DDR. Schnell wuchsen sein Ansehen und Einfluss, vor allem auch bei schwierigen Verhandlungen mit Bezirksfürsten und der SED-Führung. Für Stolpe ging es weiter bergauf: Er wurde Leiter des Sekretariats und Vizechef des Kirchenbundes und war lange Jahre Konsistorialpräsident. 1978 war Stolpe maßgeblich am sogenannten „Staat-Kirche-Gespräch“ beteiligt. Sein Gegenüber am Verhandlungstisch: SED-Chef Erich Honecker.

Stolpe prozessierte jahrelang gegen den Vorwurf der Stasi-Spitzelei

Manfred Stolpe war die graue Eminenz der DDR-Kirche. Er war dort der „Problemlöser“, der sich, wie er später resümierte, „bereitwillig zu den teilweise unangenehmen Verhandlungen mit dem Staat schicken ließ“. Diese liefen oft diskret ab, und Stolpe hatte seine Art, sich für Menschen in der DDR einzusetzen, die durch das SED-System in Not oder Bedrängnis geraten waren. Starrköpfige Funktionäre zum Einlenken bewegen oder im bisweilen konspirativen Kontakt mit der allmächtigen Staatssicherheit Erleichterungen für Bedrängte erreichen – in dieser Rolle war Stolpe unverzichtbar für die Kirchenleitung, auch wenn mancher davor lieber Augen und Ohren verschloss.

Stolpe räumte später ein, gelegentlich mit der Selbstüberschätzung des vermeintlichen Alleskönners vorgegangen zu sein. Er hat aber nie die Seiten gewechselt, hat immer der Sache der Kirche gedient. Die Stasi hatte Stolpe – ohne sein Wissen – als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) geführt und alle Akten unter dem Decknamen „Sekretär“ geführt. Ein Großteil der Papiere wurde nach der Wende vernichtet.

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Stolpes Kontakte zum DDR-Staat waren von 1992 bis 1994 Gegenstand eines bundesweit beachteten Untersuchungsausschusses im Brandenburger Landtag. Die Vorwürfe einiger Bürgerrechtler trafen Stolpe hart, er ließ sich aber nichts anmerken und zeigte Nervenstärke. Ungeachtet von Rücktrittsforderungen blieb er im Amt und trotzte der Kritik.

Der Ausschuss stellte zwei Jahre später „keine schuldhafte Verstrickung“ fest. Stolpe prozessierte aber noch jahrelang vor Gerichten gegen den Vorwurf der Stasi-Spitzelei. Erst sehr viel später sprach er von einer „Hetzjagd“ gegen ihn. Ihn habe vor allem erschüttert, dass Leute, die in einem anderen System groß geworden seien, bis heute nicht begreifen könnten, was man tun müsse, „um Freiräume zu haben, atmen zu können oder Leuten helfen zu können, bevor sie Selbstmord begehen“.

Akteure vom Bündnis 90 sahen Stolpes Rolle kritisch

Er habe die DDR nicht gehasst, erklärte Stolpe, dieses Land sei einen anderen Weg gegangen. „Es gab nicht nur Täter und Opfer. Es gab in der überwältigenden Mehrheit vielfache Versuche, im falschen System ein anständiges Leben zu führen“, sagte Stolpe einmal.

Akteure vom Bündnis 90, die mit Stolpe in einer Regierung saßen, sahen Stolpes Rolle dennoch kritisch und bezichtigten ihn, den Untersuchungsausschuss in der Frage belogen zu haben, von wem er eine DDR-Verdienstmedaille erhalten hatte. Im Frühjahr 1994 war an diesem Vorwurf die Ampelkoalition zerbrochen – ein halbes Jahr vor der Landtagswahl.

Aber wie wurde Stolpe eigentlich SPD-Spitzenkandidat 1990 in Brandenburg? Mithilfe der mächtigen NRW-SPD waren in Brandenburg im Sommer 1990 die Weichen für die im Osten schwächelnden Sozialdemokraten gestellt worden. Stolpe selbst hielt sich mit politischen Ambitionen bis dahin weitgehend zurück. Auch die Ost-CDU war an dem DDR-Kirchenmann interessiert, der keiner Blockpartei angehört hatte.

Johannes Rau, damals SPD-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, zog Stolpe schließlich auf die SPD-Seite. Beide hatten sich schon vor der Wende auf Stolpes Reisen in den Westen getroffen und schätzten sich. Aus Düsseldorf rückten anschließend Heerscharen sogenannter Aufbauhelfer an der Havel an. Manfred Stolpe führte seinen im Kirchenamt geübten Stil der stillen Diplomatie und des Moderierens in Konfliktsituationen auch als Potsdamer Regierungschef weiter.

„Ihm wäre nie in den Sinn gekommen, in ein Ressort hineinzureden.“

Hinrich Enderlein, FDP-Politiker

Hinrich Enderlein, für die FDP Kulturminister in der Brandenburger Ampelregierung, zeigte sich noch Jahre später beeindruckt davon: „Ihm wäre nie in den Sinn gekommen, in ein Ressort hineinzureden. Da saßen die Fachleute, und die hat er machen lassen. Das kannte ich aus dem Westen nicht.“ Mitarbeiter erinnern sich noch heute an Stolpes kleine Zettel. Die hat er ihnen bei Problemen zugesteckt, mit der Aufforderung, sich doch mal zu kümmern. Da konnte es um den Erhalt eines Betriebes, die Gründung einer Hochschule oder die prekäre Lage in einem Altenheim gehen. Stolpes Zettel ignorierte man besser nicht.

Als Regierungschef musste Stolpe aber auch mit Niederlagen leben. So konnte er die meisten der etwa 50 „industriellen Kerne“ nicht retten. Unter anderem musste das traditionsreiche Nähmaschinenwerk in Wittenberge (Prignitz) dichtmachen. Auch der Kampf um die Chipfabrik in Frankfurt (Oder) war letztlich vergebens. Zurück blieben abgehängte Regionen und ein Potsdamer Regierungschef, der einmal enttäuscht sagte: „Die Konkurrenz aus dem Westen war zu stark. Und manchmal war ich wohl auch zu gutgläubig bei Versprechen windiger Investoren.“ Nur einmal verweigerten die Brandenburger ihrem Landesvater die Gefolgschaft. Sie stimmten im Mai 1996 gegen die von ihm angeschobene Länderfusion mit Berlin. Stolpe hatte unterschätzt, wie tief die Hauptstadt-Ablehnung aus DDR-Zeit noch nachwirkte.

Ein schwieriges Abwägen musste er 1999 vornehmen. Die SPD hatte die fünf Jahre zuvor errungene absolute Mehrheit verloren und brauchte einen Koalitionspartner. Stolpe entschied sich für die CDU mit Jörg Schönbohm. In Kauf nehmen musste Stolpe, dass er damit auch seine enge Weggefährtin, die populäre Sozialministerin Regine Hildebrandt, verlieren würde, die mit der CDU nicht regieren wollte, sondern mit den Linken. Es war ein Bruch, den Stolpe belastete. Vor Hildebrandts frühem Krebstod 2001 versöhnte er sich mit ihr.

Amtsgeschäfte an Matthias Platzeck abgegeben

Mitten in der Wahlperiode gab Stolpe dann die Amtsgeschäfte an Matthias Platzeck ab, den Stolpe stets gefördert hatte. Es war eine Geheimoperation im engen Kreis. In dem Fall habe er wirklich einmal auf seine Frau gehört, so Stolpe. Sie habe ihm deutlich gemacht: „Du gehst jetzt auf die Siebzig zu. Willst du, dass alle hinter deinem Rücken Faxen machen, ehe du irgendwann rausgetragen wirst?“

Als seine Frau 2008 an Brustkrebs erkrankte, wurde es ein öffentlicher Kampf. Die Stolpes schrieben ein Buch über ihr Leben mit der Krankheit. „Krebs muss kein Todesurteil mehr sein. Wir wollten Betroffenen Mut machen“, sagte Stolpe damals. Mut machen, den Blick für den anderen nicht verlieren – die Lebensmaximen, die Stolpe seinen Ämtern stets vorangestellt hatte. Mit seinem Golf fuhr er noch viele Hundert Kilometer durchs Land, engagierte sich gegen den Rechtsextremismus, warb im Deutsch-Russischen Forum um mehr Verständnis für Russland.

Es war eine bewusste Entscheidung, in die Seniorenresidenz 2012 zu wechseln. Haus und Garten waren nicht mehr zu bewältigen, wie Stolpe damals erzählte. Die kleinen Freuden des Alltags waren ihm seither immer wichtiger geworden: der Blick vom Balkon über die Havel, das Gespräch mit den Nachbarn, das morgendliche Schwimmen im hauseigenen Bad, der Spaß mit den beiden Enkelsöhnen.

Es wird sehr viele Menschen geben, die Manfred Stolpe vermissen.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
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