• Startseite
  • Politik
  • Mamming, Bayern: Nach Corona-Ausbruch fürchtet sich Söder vor "Mini-Ischgls"

Corona-Ausbruch in Bayern: Söder fürchtet sich vor “Mini-Ischgls”

  • Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder wurde in der Corona-Krise beliebter denn je.
  • Das lag auch an seiner vorsichtigen Lockerungsstrategie - auf das Infektionsgeschehen in anderen Bundesländern blickte er kritisch.
  • Nun hat es Bayern mit dem Corona-Ausbruch auf einem Hof in Mamming selbst getroffen.
Anzeige
Anzeige

München/Mamming. Als Markus Söder am Montagmorgen im Prinz-Carl-Palais in München steht und über den neuen Corona-Hotspot in Mamming spricht, ist es auf den Tag genau ein halbes Jahr her, dass der erste Mensch in Deutschland positiv auf das neuartige Virus getestet wurde. Ausgerechnet in Bayern war das damals.

Als die Welle richtig losbrach, hat der Ministerpräsident und CSU-Chef das Leben im Freistaat weitgehend herunterfahren lassen – und erst spät und langsam gelockert. Später und langsamer als manch anderes Bundesland.

Arbeiter pflückten auf Gurkenfliegern

Seit dem Wochenende nun kennt jeder, der die Corona-Berichterstattung verfolgt, die niederbayerische Gemeinde Mamming mit rund 3340 Einwohnern und über 1000-jähriger Geschichte. Idyllisch gelegen an den Isar-Auen. Mehr als 170 Erntehelfer auf einem Gemüsehof haben sich nachweislich mit dem Coronavirus infiziert – auch weil der Betreiber sich nicht an sein eigenes Schutzkonzept gehalten haben soll.

Video
Söder will mehr Corona-Tests
2:07 min
Ziel sei es, die Testkapazitäten in Bayern bis Ende August auf weit über 200.000 Tests pro Tag zu erweitern, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.  © Reuters

Auf sogenannten Gurkenfliegern sollten die Arbeiter liegen und pflücken. Immer dieselben Leute, immer in derselben Reihenfolge. Doch wer sich abends mit wem trifft, sei für die Behörden nur schwer zu kontrollieren, sagt Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU).

Anzeige

Am Montag riegeln Absperrgitter das Gelände ab. Vereinzelt gehen Menschen in kleinen Gruppen über das Gelände. Unaufgeregt. Am Wochenende war hier noch mehr los. In der Nähe wird eine Teststation aufgebaut. Auch Mamminger Bürger sollen sich testen lassen können.

Video
Corona-Masseninfektion in Mamming
2:10 min
Nach dem Corona-Ausbruch in einem Hof im bayerischen Mamming verschärft Bayerns Landesregierung nach eigenen Angaben die Kontrollen.  © Reuters
Anzeige

Angst vor “Mini-Ischgls”

Mit deutlichen Worten mahnt Söder nochmal: “Corona verzeiht keinen Leichtsinn”, sagt er. Und: “Corona kommt schleichend zurück, leider aber mit aller Macht.” Jeder müsse auf die Hygieneregeln – Abstand und Mund-Nasen-Schutz – achten. Höhere Bußgelder sollen Druck auf die Betriebe vergrößern, Schutzkonzepte einzuhalten.

Video
Chronologie des Coronavirus
2:48 min
Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Insbesondere mit Blick auf die in Bayern gerade begonnenen Sommerferien und Erinnerungen an die Faschingsurlauber, die aus dem österreichischen Skiort Ischgl das Virus haufenweise nach Bayern einschleppten, sorgt sich der CSU-Chef vor vielen "Mini-Ischgls". Orten, in denen niemand das Infektionsgeschehen so richtig unter Kontrolle hat. Und er stellt die Frage: Warum muss man Urlaub in einem Risikogebiet machen?

Söder bekräftigt seine Forderung nach einer Pflicht für Corona-Tests an Flughäfen für Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten. Appelle und Forderungen – viel mehr bleibt ihm nicht übrig. Denn hier ist der Bund am Zug. Ob so eine Pflicht überhaupt möglich ist, muss erstmal rechtlich geprüft werden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat eine solche Prüfung am Wochenende bereits angekündigt, denn: “Das ist ja ein Eingriff in die Freiheit, jemanden zum Test zu verpflichten.”

Beliebtheitswerte schnellten nach oben

Anzeige

Ohnehin sind die ausgewiesenen Risikogebiete nur ein Teil des Problems. Urlaubsorte wie St. Wolfgang in Oberösterreich, wo sich Dutzende Mitarbeiter von Tourismusbetrieben mit dem Coronavirus infiziert haben, zählen nicht dazu – fast die gesamte EU gilt nicht als Corona-Risikogebiet. Und: Viele Urlauber sind in den europäischen Ferienregionen sowieso mit dem Auto oder mit der Bahn unterwegs.

Video
Bayern baut Teststationen an Grenzen und Bahnhöfen auf
2:36 min
Laut Ministerpräsident Söder können die Teststationen auch von allen nicht-Bayern genutzt werden.  © Reuters

In Bayern soll es nun auch an den Hauptbahnhöfen München und Nürnberg sowie an Straßen nahe der Grenze – freiwillige – Testangebote für Autoreisende geben. Nicht nur für solche aus Bayern, wie Söder betont. Das sei “Amtshilfe” für andere Länder.

Der Corona-Ausbruch in Mamming rückt die zurückhaltende, vorsichtige Strategie der bayerischen Staatsregierung im Kampf gegen die Pandemie in ein neues Licht. Bislang hatte Söder viel Lob für seinen Kurs bekommen. In Umfragen schossen die Beliebtheitswerte nach oben, inzwischen wird er sogar als Kanzlerkandidat gehandelt, weil er Krisen meistern könne.

Sind Mamming und Tönnies vergleichbar?

Auch mit Blick auf den Corona-Ausbruch beim Schlachtbetrieb Tönnies in Nordrhein-Westfalen, wo Regierungschef Armin Laschet (CDU) einen lockereren Kurs fährt, hatte Söder vor zu schnellen Lockerungen gewarnt. Der Fall diente Söder als Referenz, dass das Infektionsrisiko nach wie vor hoch sei. Die Reaktion: Als eines der ersten Bundesländer verhängte Bayern Urlaubsverbote für Menschen aus Risikogebieten.

Anzeige

Nun hat es mit Mamming den Freistaat selbst getroffen. Gefragt nach Parallelen und Kritik an der Lockerungspolitik weicht Söder am Montag aus: Man könne die Fälle nie vergleichen. Es gehe aber immer darum, schnell zu reagieren, nach ersten Fällen rasch zügig weiträumig zu testen. "Die Zeitachse", sagt Söder über Mamming, war "sehr in Ordnung".

“Nur eine Frage der Zeit”

Für die Opposition ist das ein gefundenes Fressen: Grüne, SPD und FDP in Bayern werfen der Landesregierung unter anderem mangelhafte Kontrolle der Unterkünfte auf dem Gemüsehof vor und geben Söder deswegen eine Mitverantwortung. "Beim arroganten Umgang der bayerischen Staatsregierung mit dem Gesundheitsschutz von Erntehelfern war es nur eine Frage der Zeit, wann es wieder Corona-Herde in Bayern geben würde", sagt die FDP-Landtagsabgeordnete Julika Sandt.

RND/dpa

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen