Nachruf

Vom Flüchtlingsmädchen zur US-Außenministerin: Das Jahrhundertleben von Madeleine Albright

Madeleine Albright ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

Madeleine Albright ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

Sie ist oft zurückgewiesen worden. Bis keiner es mehr gewagt hat, sie zurückzuweisen. Weil sie nicht mehr zu übersehen war. Weil sie nicht mehr zu überhören war. Weil sie klug war, zugewandt und entschlossen. Und weil sie immer einen eigenen Kompass hatte. Madeleine Albrights Kompass war das Wissen um ihr Leben – als Europäerin und als Amerikanerin.

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Ein Jahrhundertleben, wie es oft geschrieben wurde, weil es eben wie nur wenige andere ein Spiegel des 20. Jahrhunderts war: als Mädchen, das zweimal aus seiner tschechischen Heimat vor Unterdrückung fliehen musste, erst 1941 vor den Nationalsozialisten nach England, dann vor der kommunistischen Gewaltherrschaft 1948 in die USA; als junge Frau und alleinerziehende Mutter dreier Töchter, der Männer mit Einfluss nichts zutrauten; als Immigrantin, die sich allen Bremsern zum Trotz akademisch und politisch durchgesetzt hat, bis in eines der höchsten Staatsämter der Vereinigten Staaten von Amerika, das der Außenministerin.

Albright: Erste US-Außenministerin der Geschichte

Als erste Frau der Geschichte in diesem Amt. Es gibt ein Bild, das diesen Kompass vielleicht besser dokumentiert als alle anderen. Als Madeleine Albright es fast geschafft hat, hält sie bei ihrer Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuss des US-Senats am 8. Januar 1997 ein Dokument in die Höhe: die Charta der Vereinten Nationen.

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Es ist der Gründungsvertrag einer neuen Weltgemeinschaft, unterschrieben am 26. Juni 1945, der Gegenentwurf zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Es geht darin um eine internationale Friedensarchitektur, um die universellen Menschenrechte, um humanitäre Hilfe. Was die Demokratin, nominiert vom damaligen Präsidenten Bill Clinton, dazu sagt, hallt in diesen Tagen der russischen Invasion in der Ukraine doppelt laut nach.

Wenn wir zu denen in aller Welt stehen, die unsere Werte teilen, dienen wir unseren eigenen Interessen.

Madeleine Albright am 8. Januar 1997

Sie dringt in ihre Landsleute, „der Versuchung der Isolation nicht zu erliegen“, denn: „Wenn wir zu denen in aller Welt stehen, die unsere Werte teilen, dienen wir unseren eigenen Interessen.“ Nein, sie lehnt militärische Gewalt bei der Verteidigung dieser Interessen nicht grundsätzlich ab, aber „Gewalt allein kann ein stumpfes Instrument sein. Deshalb brauchen wir erstklassige Diplomatie.“

Sie sagt auch: „Es ist eine zentrale Lektion dieses Jahrhunderts, dass Amerika eine europäische Macht bleiben muss.“ Das „Flüchtlingskind“ wird vom Senat einstimmig bestätigt. Wenig hat Madeleine Albright in all den Jahren danach eigenem Bekunden nach so irritiert wie der völlige Verlust von Diplomatie unter dem unberechenbaren Präsidenten Donald Trump und dessen Abkehr von den europäischen Verbündeten.

Die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright begrüßt die versammelte Menge während ihrer öffentlichen Ansprache. (Archiv: 29.07.1999).

Die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright begrüßt die versammelte Menge während ihrer öffentlichen Ansprache. (Archiv: 29.07.1999).

„Was in Amerika passiert, ist die Hölle“, sagt sie im September 2020 in einem Gespräch mit dem RND. Und: „Es gibt ein wachsendes Bedürfnis bei einigen, die Gräben zwischen den Menschen zu vertiefen. Das macht mir Angst.“ Keine zwei Jahre später, in den USA regiert nun ihr Parteifreund Joe Biden, ist es vor allem der russische Präsident Wladimir Putin, der ihr Angst macht.

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Erinnerungen an Wladimir Putin im Jahr 2000

In ihrem letzten großen Meinungsbeitrag in der „New York Times“ schreibt Madeleine Albright am 23. Februar dieses Jahres, also einen Tag vor der russischen Invasion in der Ukraine: „Wir können erwarten, dass er hartnäckig nach einer Chance suchen wird, seinen Einfluss zu vergrößern und zuzuschlagen. Es liegt an den USA und ihren Freunden, ihm die Möglichkeit dazu zu verweigern – durch starke diplomatische Zurückweisung sowie verstärkte wirtschaftliche und militärische Unterstützung für die Ukraine.“

Sie hat für diesen Kommentar, wie sie schreibt, ihre handschriftlichen Notizen von ihrem ersten Besuch beim frischgewählten Präsidenten Putin im Frühjahr 2000 noch einmal nachgelesen und zitiert daraus: „Er ist kalt, fast reptilienartig.“ Sie notiert auch, dass der einstige KGB-Agent den Zusammenbruch der Sowjetunion nicht erwartet habe: „Es ist ihm peinlich, was mit seinem Land passiert ist und er ist entschlossen, dessen Größe wiederherzustellen.“

Professorin und Beraterin: Die Ämter der Madeleine Albright

Madeleine Albright, inzwischen 64 Jahre alt, geht ein Jahr später in den politischen Ruhestand. Sie blickt auf eine Karriere als Professorin für Außenpolitik an der Georgetown Universität in Washington zurück, als Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats der USA (1971 bis 1981), als Politikberaterin demokratischer Präsidentschaftskandidaten (1984 und 1988), als UN-Botschafterin (1983 bis 1997) und eben US-Außenministerin (1997 bis 2001). Als aber ihr Freund Vaclav Havel ihr vorschlägt, seine Nachfolgerin und tschechische Staatspräsidentin zu werden, lehnt sie ab.

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Zu sehr ist sie inzwischen, wie sie sagt, „dankbare Amerikanerin“ geworden. Und als solche, findet sie, hat sie nichts zu suchen in einem Land, das gerade noch dabei ist, seinen Weg in eine demokratische Gesellschaft nach eigenen Vorstellungen zu gehen. Doch Madeleine Albright, geboren 1937 in Prag als Diplomatenkind Marie Jana Körbelová, bleibt aktiv, arbeitet als Politik- und Strategieberaterin weiter. Sie schreibt Bücher, die regelmäßig auf Bestsellerlisten landen (unter anderem „Faschismus“, eine fulminante Analyse und Warnung vor dem Wiederaufleben einer zerstörerischen Ideologie), und sie bleibt mit ihrer eigenen Stiftung ihrer vor Jahrzehnten selbstgestellten Aufgabe treu, Frauen aller Welt in öffentlichen Rollen zu stärken und zu fördern.

Es gibt eine spezielle Ecke in der Hölle für Frauen, die anderen Frauen nicht helfen.

Madeleine Albright

2020 im RND-Interview

Denn, so sagt sie es im Gespräch über ihr letztes, 2020 erschienenes Buch „Die Hölle und andere Reiseziele“: „Es gibt eine spezielle Ecke in der Hölle für Frauen, die anderen Frauen nicht helfen.“ Ist sie, die sich stets als Streiterin für Demokratie und Humanität, begriff, politischen Fehleinschätzungen aufgesessen? Gewiss. Am häufigsten vorgeworfen wird ihr eine Bemerkung von 1996; da wurde die UN-Botschafterin in einem Interview gefragt, ob die amerikanischen Sanktionen gegen den Irak Saddam Husseins, die 500.000 irakische Kinder das Leben gekostet haben sollen, diesen Preis wert gewesen sei. Sie antwortet: „Es ist diesen Preis wert.“ Viel später bewertet sie in ihrer Autobiografie diese Antwort als „politischen Fehler“.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller SPD begrüßt Madeleine Albright ehm. US-Außenministerin im Roten Rathaus,in Berlin anlässlich des 6. Berliner Transatalantic Forums. (Archiv 2019)

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller SPD begrüßt Madeleine Albright ehm. US-Außenministerin im Roten Rathaus,in Berlin anlässlich des 6. Berliner Transatalantic Forums. (Archiv 2019)

Ausdrücklich bedauern tut sie sie nicht. Bis an ihr Lebensende aber hat sie immer wieder tiefsitzendes Entsetzen geäußert über eine andere Entscheidung – durch das von ihr betriebene Veto im Weltsicherheitsrat 1994, einen internationalen Einsatz während des Völkermord in Ruanda zu verhindern: „Mein tiefstes Bedauern aus all meinen Jahren im öffentlichen Dienst ist das Versagen der Vereinigten Staaten und der internationalen Gemeinschaft, früher zu handeln um diese Verbrechen zu stoppen.“

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Dieses Versagen hat später wie nichts anderes zu der Entscheidung für eine Intervention angesichts der „ethnischen Säuberungen“ auf dem Balkan geführt. Eine ganz persönliche Erfahrung indes hat ihrem eigenen Bekunden nach nie Einfluss auf ihre Politik gehabt. Madeleine Albright wurde von ihren Eltern als Katholikin erzogen. „Erst im Alter von 59, wenige Tage vor meiner Vereidigung als US-Außenministerin, erfuhr ich durch Recherchen von Journalisten, dass ich Jüdin bin und ein Teil meiner Familie, auch drei Großeltern, von den Nazis ermordet wurden.“

Die Eltern waren 1941 unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Besatzung zum Katholizismus konvertiert. „Ich weiß nicht, warum meine Eltern mir das verschwiegen haben“, sagte sie 2020 im Gespräch. „Ich hinterfrage ihre Entscheidung nicht.“ Auch das ist ein Teil dieses Lebens, wie es das 20. Jahrhundert geschrieben hat. An diesem Mittwoch ist Madeleine Albright im Alter von 84 Jahren an Krebs verstorben.

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