Magdeburgs Bürgermeister: „Das Hochwasser kann jederzeit wieder­kommen“

  • Magdeburgs Ober­bürger­meister Lutz Trümper hat schon zwei Hochwasser erlebt.
  • Er glaubt nicht, dass die Menschen in den Hochwasser­gebieten nicht genug gewarnt worden seien.
  • Menschen nähmen solche Warnungen nicht ernst, wenn ihnen noch nie Vergleichbares passiert sei.
Lena Köpsell
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Magdeburg. Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) ist 1955 in Oschersleben in Sachsen-Anhalt geboren. Der promovierte Natur­wissenschaftler zog 1977 nach Magdeburg und arbeitete dort später als Dezernent für Zentrale Klinikums­entwicklng an der Medizinischen Fakultät. 2000 wurde er zum Staatssekretär im Ministerium für Raum­ordnung, Land­wirtschaft und Umwelt berufen und 2001 zum Ober­bürger­meister der Stadt Magdeburg gewählt.

Herr Trümper, Sie haben in Ihrer Amtszeit als Ober­bürger­meister in Magdeburg zwei Hoch­wasser miterlebt. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie die Bilder aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gesehen haben?

Mein erster Gedanke war: Das ist uns zum Glück erspart geblieben. Wir haben eine andere geografische Ausgangssituation und können uns hier mit Deichen schützen. Die Situation in den Gebieten, die jetzt betroffen sind, ist viel komplizierter.

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Was war hier anders als bei den Hochwassern, die Sie selbst miterlebt haben?

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Wenn Wassermassen aus den Bergen heranrollen und in wenigen Minuten ganze Häuser überfluten, hat man kaum eine Chance. Das ist nicht vergleichbar mit den Hochwassern, die ich in Magdeburg erlebt habe. Wir hatten immer genug Vorlaufzeit, bis das Wasser bei uns ankam. Außerdem stieg der Pegel nur langsam. Die Menschen hatten noch genug Zeit, ihre Sachen zu packen. Natürlich war es für die Magde­burgerinnen und Magdeburger schwierig, als damals ganze Ein­familien­häuser unter Wasser standen. Aber es bestand zu keinem Zeit­punkt Lebens­gefahr.

Wann wussten Sie 2013, dass das Hoch­wasser auch Magde­burg erreichen wird?

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Drei Tage vorher. Sobald wir von den ersten Prognosen hörten, haben wir einen Krisenstab einberufen, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen und Schutz­maß­nahmen auf den Weg zu bringen.

Hochwasser 2002: Ein Mann rettet in der sächsischen Kreisstadt Grimma einen von den Fluten mitgerissenen Bewohner. © Quelle: dpa

Und Sie hatten genug Zeit, die Menschen zu warnen.

Ja, das war natürlich Gold wert. Die Warnungen liefen damals auf allen Kanälen. Spätestens als wir angefangen haben, in der Stadt Sandsäcke aufzuschichten, wussten alle Bescheid. Das hat wirklich jeder mitgekriegt. Das ist völlig unvergleichbar mit der Situation jetzt im Westen des Landes. Da wurden Menschen teilweise im Schlaf überrascht.

Viele sind der Meinung, dass die Menschen in den betroffenen Gebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen vorher nicht eindringlich genug gewarnt worden sind. Wie sehen Sie das?

Ich finde schon, dass vorher genug gewarnt wurde. Die Menschen haben gewusst, wie viele Liter Wasser auf sie zukommen. Das lief doch Tage vorher schon im Radio hoch und runter. Ich glaube nicht, dass die Leute freiwillig ihre Häuser verlassen hätten, wenn noch mehr gewarnt worden wäre. Menschen nehmen solche Warnungen nicht ernst, wenn ihnen noch nie Vergleichbares passiert ist. Wir dachten damals beim Hochwasser 2002 auch: Das wird schon nicht so schlimm werden.

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Da waren Sie erst ein Jahr im Amt. Wie haben Sie das Hoch­wasser damals erlebt?

Wir hatten eine panische Angst, weil wir überhaupt keine Erfahrungen hatten. Seit 1941 gab es davor kein Hochwasser mehr in Magdeburg. Niemand hat damit gerechnet, dass hier so etwas passieren könnte. Damals haben wir uns, aus Mangel an Erfahrungen, versucht, mit völlig unsinnigen Maßnahmen zu schützen. Wir haben zum Beispiel versucht, eine Mauer aus Paletten auf den Deichen zu bauen. Unser Glück war, dass es damals nicht so schlimm wurde wie angekündigt.

Elf Jahre später kam das Hochwasser zum zweiten Mal nach Magdeburg. Wie hoch war der Schaden damals?

Der Sachschaden belief sich auf weit über 300 Millionen Euro. Die Soforthilfen kamen schnell an, das lief ganz unbürokratisch. Und die Beträge waren auch völlig ausreichend. Bei den langfristigen Förder­maß­nahmen sah es anders aus. Das dauert. Wir sind auch immer noch dabei, Fördermaß­nahmen aus dem Hilfspaket zu realisieren. Der Neubau der Elbbrücke ist immer noch nicht abgeschlossen. Die alte Brücke wurde damals beim Hochwasser beschädigt. Das ist jetzt acht Jahre her.

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Was ist jetzt, aus Ihrer Erfahrung, das Wichtigste beim Wieder­aufbau in den betroffenen Gebieten?

Ich kann diese Rufe nach einem schnellen Wiederaufbau nicht verstehen. Man sollte sich eher fragen, ob es wirklich Sinn macht, die zerstörten Häuser an derselben Stelle wieder aufzubauen. Ich könnte in einem Haus, das fast weggeschwemmt wurde oder in dem vielleicht jemand zu Tode gekommen ist, nicht mehr ruhig schlafen. Das Hochwasser kann jederzeit wieder­kommen, und nachhaltige Schutz­maß­nahmen sind in diesen Gebieten nicht möglich. Da kann man nicht einfach Deiche bauen.

Was muss in Deutschland jetzt getan werden, um sich künftig für solche Katastrophen zu wappnen?

Wir müssen solche Gebiete, die jetzt komplett überflutet worden sind, völlig neu bewerten. Früher hat man sich darüber keine Gedanken gemacht und möglichst nah am Wasser gebaut. Das ist jetzt eine völlig andere Welt, auf die wir uns erst einmal einstellen müssen. Und in den Gebieten, in denen es möglich ist, sollte man Schutz­maß­nahmen bauen. Wir haben in Magdeburg nach 2013 extrem viel im Hoch­wasser­schutz getan. Wir haben Deiche saniert und an mehreren Stellen Schutz­mauern gebaut.

Glauben Sie, dass die Erlebnisse der letzten Woche zu einem Umdenken in ganz Deutschland führen werden?

Ja, da bin ich mir ganz sicher. Diese Bilder von den weg­schwimmenden Häusern und die Zahl der 170 Toten werden die Menschen nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Das ist ein ein­schnei­dendes Ereignis, das es vorher noch nicht gab.

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