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Fridays for Future im Interview

Luisa Neubauer: „Scholz wird der Verantwortung einfach nicht gerecht“

Luisa Neubauer

Klimaaktivistin Luisa Neubauer: „Scholz wird seiner Verantwortung einfach nicht gerecht."

Bereits zum elften Mal ruft die Klimabewegung Fridays for Future zum globalen Klimastreik auf. Allein in Deutschland sind mehr als 250 Aktionen angemeldet. Sie stehen unter dem Motto „People not profit“ (Menschen statt Profit) – die Klimabewegung sucht verstärkt auch den Schulterschluss zu sozialen Bewegungen. Fridays for Future fordert unter anderem eine Übergewinnsteuer und die Fortsetzung des 9-Euro-Tickets – als Teil eines 100-Milliarden-Sondervermögens für Klima und Sicherheit. Mit den Klimaaktivistinnen Luisa Neubauer und Annika Rittmann sprachen die RND-Reporter Maximilian Arnhold und Jan Sternberg.

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Im vergangenen Sommer gab es von Dürre bis Überflutungen ausreichend Beispiele für die Dringlichkeit der Klimakrise. Doch vor dem Hintergrund des Kriegs und der Energiekrise scheint das Klima erneut zu einem abstrakten Problem zu werden. Nun ruft Fridays for Future wieder zum Klimastreik auf. Wen interessiert das noch?

Luisa Neubauer: Die Klimakrise eskaliert wie nie, das hat dieser Sommer gezeigt. Wir haben die Bilder vom Niedrigwasser am Rhein im Kopf und die Waldbrände überall. Wer diesen Sommer in Europa Urlaub machen wollte, kam von einer Klimakatastrophe in die nächste. Viele konnten sich schon keinen Urlaub mehr leisten, weil die Energiepreise explodieren. Die Ohnmacht, die so viele verspüren, auch in der Klimabewegung, kommt weniger von den Krisen selbst, sondern weil jede angemessene politische Antwort auf diese sich überschlagenden Krisen komplett fehlt. Diejenigen, die die Macht haben, übernehmen die Verantwortung nicht. Unsere Politiker probieren sich selbst und uns allen einzureden, dass manche Krisen, wie die Klimakrise, auf uns warten würden.

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Im Vergleich zur konkreten Sorge, wie ich meine Wohnung warm bekomme und meine Rechnungen bezahle, bleibt die Klimakrise für viele dennoch abstrakt. Wie groß kann der Streik am Freitag jetzt vielleicht auch vor diesem Hintergrund werden?

Rittmann: Die Sorgen werden von der Politik gegeneinander ausgespielt. Der Streik soll zeigen, dass das nicht passieren darf. Die Bundesregierung muss jetzt Sicherheit schaffen, sonst stehen die Menschen im kommenden Winter wieder vor der Sorge, wie sie ihre Energierechnung bezahlen können, und müssen sich Jahr für Jahr fragen, welche Naturkatastrophen und Krisen noch auf sie zukommen werden. Die Belastungen treffen alle. Umso wichtiger ist es, auf die Straße zu gehen, und umso wirkmächtiger ist jede Person auf der Demo.

Frau Neubauer, Sie haben kürzlich gesagt: „Die Angst vor den Nebenkostenabrechnungen ist eine direkte Konsequenz einer Politik, die sich zu lange geweigert hat, eine echte Energieunabhängigkeit auf Basis erneuerbarer Energien einzuleiten.“ Was hilft diese Analyse den Menschen, die sich Gas und Strom nicht mehr leisten können?

Neubauer: Die Menschen verdienen eine Politik, die jetzt entlastet, und zwar ausreichend. Aber eben auch eine Politik, die vorausschaut. Die Regierung tut gerade so, als ob die Bürgerinnen und Bürger genau eine legitime Sorge hätten, ihre Nebenkostenabrechnung. Wenn sie zudem noch Angst vor der Klimakatastrophe haben oder miterleben mussten, wie ihre Verwandten in Brandenburg vor dem Waldbrand evakuiert werden mussten, oder ihr Betrieb unter kollabierenden Lieferketten leidet, dann wäre das zu viel verlangt. Das darf doch nicht sein. Wir sprechen uns für eine richtige Entlastung aus, daher fordern wir ein 100-Milliarden-Sondervermögen für Klima und Sicherheit. Denn Politik muss mehr tun, als kurzfristig zu handeln.

Im Leben von Maike Grunst gibt es momentan nichts, das ihr so viel Entschiedenheit abnötigt wie das Engagement, auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Mit ihrer körperlichen Unversehrtheit zu kämpfen, ist für sie der letzte Ausweg.

Warum sich Klimaaktivisten an die „Sixtinische Madonna“ klebten

Im August klebten sich Klimaaktivisten in der Dresdner Gemäldegalerie an den Rahmen von Raffaels „Sixtinischer Madonna“. Dies sorgte deutschlandweit für Aufsehen in den Medien. Was treibt Menschen zu radikalen Aktionen wie dieser?

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Forderung nach vorausschauender Politik

Ist kurzfristiges Gegensteuern nicht der Kern politischen Handelns in akuten Krisen?

Rittmann: Ich halte das für ein völlig verqueres Verständnis der Aufgabe von Politik, nur die akuten, kurzfristigen Sorgen angehen zu wollen. Verantwortung für ein Land zu übernehmen muss doch bedeuten, frühzeitig auch Probleme anzugehen, die in der Zukunft auf Menschen zukommen, unabhängig davon, ob in einem oder in zehn Jahren. Die Sorgen und Krisen, die Menschen gerade erleben, sind die Konsequenz der reaktiven Politik der letzten Jahre. Noch nie war so offensichtlich, dass diese Politik nicht aufgeht.

Neubauer: Von jedem Neuntklässler erwartet man, dass sie sich in der Schule auf drei Hauptfächer und fünf Nebenfächer konzentrieren können. Aber von einer Regierung können wir anscheinend nicht erwarten, sich um mehrere Krisen gleichzeitig zu kümmern. Und das, obwohl sie offensichtlich die gleiche Wurzel haben, nämlich die fossilen Energien und die eklatanten Ungleichheiten. Unser Vorschlag eines Sondervermögens soll den Ausbruch aus diesen Krisenspiralen ermöglichen.

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Kann und soll es diesen Herbst einen Schulterschluss geben zwischen Klimastreiks und Sozialprotesten?

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Neubauer: Einer der größten Erfolge derjenigen, die weder ein Interesse an Klimaschutz noch an sozialer Gerechtigkeit haben, war, diese beiden Ziele gegeneinander auszuspielen. Als sei Klimaschutz per se unsozial, günstige Energie fossil und soziale Sicherheit irgendwie etwas, was man sich erst auch einmal leisten können muss. Absehbar werden die Katastrophen, die ohnehin kommen, so teuer werden, dass dann das Geld fehlt, um soziale Entlastung zu organisieren. Also ist jetzt noch die Zeit, richtig reinzugehen in Klimaschutz, Klimaanpassung, Katastrophenschutz und damit überhaupt noch die Möglichkeit zu haben, langfristig für soziale Gerechtigkeit zu sorgen.

Kritik an Scholz

Welcher Politiker der Ampelregierung enttäuscht Sie am meisten?

Neubauer: Es geht nicht um Enttäuschung, es geht um Verantwortung. Diese Koalition war von Anfang an ein heikles Projekt. Die drei Parteien haben sich auf eine Arbeitsteilung geeinigt, die spätestens mit der Invasion Russlands in die Ukraine überholt war. Unsere Energiepolitik ist unsere Außenpolitik geworden und unsere Verteidigungspolitik ist unsere Energiepolitik. Die Regierung wird den Herausforderungen insgesamt nicht gerecht. Wir sind vor allem schockiert, dass das Koalitionsklima immer wichtiger ist als das Weltklima. Dass man immer meint, Kompromisse machen zu können mit der Physik und mit der Wirklichkeit. Wahnsinnig große Sorgen bereitet uns der fossile Kanzler Olaf Scholz, der anscheinend kein Interesse daran hat, uns substanziell aus der Klimakrise rauszuholen. Er wird der Verantwortung, die er jetzt hat, national und international einfach nicht gerecht.

Ist es in diesen Tagen einfacher oder schwieriger, junge Menschen wieder auf die Straße zu bringen?

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Neubauer: Die Belastung dieser Zeit, die Krisen, die Sorgen, legen sich auch auf die junge Generation. Die Kraft, die es braucht, um sich auf die Straße zu stellen, ist viel größer als noch vor zwei Jahren. Wir sind extrem beeindruckt, dass wir mehr als 250 angemeldete Klimastreiks am Freitag haben. Die nächsten großen Demonstrationen sind schon für Oktober geplant und auch da werden wir die Fragen von sozialer Sicherheit und Klimaschutz zusammenführen.

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Frau Rittmann, Sie sind Fußballerin und Schiedsrichterin. Freuen Sie sich auf die Vorstellung, im Advent auf dem Weihnachtsmarkt unter dem Heizpilz eine WM anzuschauen, die in klimatisierten Stadien in Katar ausgetragen wird?

Rittmann: Das Versagen der Institution Fifa und die Vergabe der WM an eine menschenrechtsfeindliche fossile Autokratie hat dazu geführt, dass sich Fußballfans diese Frage stellen lassen müssen. Das Versagen der Bundesregierung, zum Beispiel ein Tempolimit zum Sparen von Sprit und Energie einzuführen, hat dazu geführt, dass wir über Weihnachtsbeleuchtung und Weihnachtsmärkte diskutieren werden. Eine Regierung, die sich nicht traut, ihre eigenen Konflikte auszutragen, verschiebt jeden Konflikt in den persönlichen Raum und vergiftet damit persönliche Beziehungen. Denn dann sagen die Leute irgendwann: Bitte nicht mehr über Politik reden, bitte nicht mehr übers Klima reden. Die politischen Räume werden mit dieser organisierten Verantwortungslosigkeit dichtgemacht. Dieses institutionelle Versagen, Krisen, ob bei der Fifa oder noch katastrophaler der Bundesregierung, können wir nicht mehr hinnehmen. Es ist einer der Gründe, die uns auf die Straße treiben.

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