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  • Lockerungen in Frankreich: Kein Chaos am ersten Tag, Misstrauen gegenüber der Regierung bleibt

Frankreichs Trippelschritte zurück in die Normalität

  • Ganz langsam öffnet sich Frankreich in der Corona-Krise wieder.
  • Am ersten Tag der Lockerungen der strikten Ausgangsbeschränkungen blieb Chaos aus.
  • Weiterhin herrscht großes Misstrauen gegenüber der Regierung.
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Paris. Arbeitet Zeus, der Wettergott, für die französische Regierung? Mathieu vermutet es: Während der zwei Monate andauernden Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus in Frankreich herrschte schönstes Frühlingswetter – am ersten Tag der Lockerung hingegen regnete und stürmte es in weiten Teilen des Landes. “Klimatisch ist es unmöglich, sich länger als eine Stunde und mehr als einen Kilometer von zu Hause zu entfernen”, bedauerte Mathieu.

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Dabei ist genau das seit gestern in Frankreich wieder erlaubt und beim Verlassen des Hauses kein Passierschein mehr nötig. Lediglich Reisen über eine Strecke von mehr als 100 Kilometer müssen gut begründet werden. Treffen unter Freunden und Familienmitgliedern sind mit bis zu zehn Personen wieder möglich. Geschäfte, Friseursalons, Märkte, kleinere Museen und Bücherläden dürfen öffnen, müssen aber für die Markierung von Sicherheitsabstand sowie den Schutz der Mitarbeiter durch Masken und Trennwände an den Kassen sorgen. In der Hauptstadtregion bleiben Einkaufszentren mit einer Fläche von mehr als 40.000 Quadratmetern geschlossen.

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Die deutsch-französische Grenze ist wieder geöffnet
1:15 min
Kontrolliert wurde zwar noch am Montag am Grenzübergang Wintersdorf, allerdings nur noch stichprobenartig.  © Birgit Holzer/Reuters

Schrittweise Öffnung

Um im weitläufigen Netz der Pariser Metro, die in Normalzeiten täglich fünf Millionen Menschen transportiert, Andrang zu vermeiden, brauchen alle Passagiere, die diese morgens und abends zur Rushhour nutzen, eine schriftliche Begründung. Tatsächlich blieben Gedrängel in den öffentlichen Transportmitteln und Staus auf den Straßen gestern weitgehend aus. Arbeitnehmer arbeiten, wenn irgendwie möglich, weiterhin von zu Hause aus. In Metros, Bussen und Bahnen gilt landesweit eine Maskenpflicht.

Die Schulen, Kindergärten und Krippen öffnen erst nach und nach, für kleine Gruppen und aufgeteilt nach Altersklassen und Departements, die die Regierung je nach Verbreitung und Aktivität des Virus in grüne und rote Zonen eingeteilt hat. Cafés, Restaurants und Kinos im grünen Bereich dürfen voraussichtlich am 2. Juni wieder öffnen, in roten Gegenden bleiben sie wohl noch länger geschlossen. Als rot gekennzeichnet sind die Hauptstadtregion und das westlich davon gelegene Departement Hauts-de-Seine, der Osten Frankreichs mit den Regionen Grand-Est und Burgund-Franche-Comté sowie die Insel Mayotte im Indischen Ozean. Überall dort bleiben auch die Parks geschlossen. Bei der Lockerung lässt die französische Regierung große Vorsicht walten. Premierminister Édouard Philippe sprach von einem “sehr progressiven Prozess über mehrere Wochen” und behielt es sich vor, Lockerungen zurückzunehmen, sobald die Infektionsrate steigt.

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Die Franzosen vertrauen ihrer Regierung nicht

Mehr als 26.000 Menschen sind in Frankreich an den Folgen einer Infizierung mit Covid-19 gestorben, über 22.000 werden weiterhin in Krankenhäusern behandelt. Obwohl die Regierung relativ rasch strikte Maßnahmen beschloss, ein vergleichsweise großzügiges Kurzarbeitergeld für mehr als elf Millionen Arbeitnehmer einführte und die Wirtschaft massiv unterstützte, befindet nur jeder dritte Franzose, sie habe angemessen reagiert. Einer neuen Studie zufolge ist das Vertrauen in die nationale Politik in Frankreich deutlich geringer als in anderen europäischen Ländern. Drei Viertel der Menschen glauben, die Regierung habe sie belogen, etwa indem sie lange vom Tragen von Schutzmasken abriet, an denen es in Wahrheit mangelte.

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Präsident Emmanuel Macron sagte zwar am Wochenende, er sei zuversichtlich, denn “die Solidarität, die uns miteinander verbindet, ist stärker als alles”. Doch sein Optimismus passt nicht zur Stimmung im Land: Sie ähnelte am ersten Tag der Lockerungen dem miesen Wetter in Paris.

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