Lockern oder Lockdown? Der Mittwoch rückt näher

  • Es ist schon wieder so weit: Am Mittwoch tagen Bund und Länder über die Corona-Maßnahmen, und die Debatte ist bereits in vollem Gang. Lockern oder Lockdown?
  • Politik und Wirtschaft scheinen uneins zu sein.
  • Und auch die Stimmung in Deutschland ist gespalten, was die Beratungen nicht leichter machen dürfte.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

haben Sie auch gerade so ein mulmiges Gefühl? So, als hätten die Monate des Lockdowns nicht nur unser Sozialleben, sondern auch diesen kleinen Bereich hinter unseren Schläfenlappen beeinträchtigt, wo das Angstzentrum sitzt? Dabei ist Angst nicht immer nur schlecht, sondern Selbstschutz und Überlebenstraining, wenn es darum geht, bedrohliche Situationen zu erkennen und dementsprechend zu handeln. Doch die Moral im Corona-Lockdown sinkt.

Für viele scheint Corona mittlerweile weit weg, Infektionskurven theoretische Statistiken zu sein. Das Problem: Je abstrakter eine Bedrohung ist, desto geringer fällt der lebenserhaltende Fluchtgedanke aus. Das lässt sich nicht nur in der Pandemie beobachten, sondern auch die Klimakrise ist dafür beispielhaft. Wer sich in vermeintlicher Sicherheit wiegt, verpasst den Moment, die wachsende Bedrohung der steigenden Meeresspiegel rechtzeitig abzuwenden.

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Was die Pandemie betrifft, so befindet sich Deutschland gerade an einem gefährlichen Scheideweg. Während die Infektionszahlen steigen, zehrt der Lockdown von Tag zu Tag mehr an den Nerven. Dabei wäre genau jetzt Vorsicht angebracht.

Denn auf der einen Seite warnt die Wissenschaft einmütig vor steigenden Infektionszahlen, in vielen Regionen Deutschlands scheint die Mutation kaum mehr zu bremsen zu sein, während auf der anderen Seite die Rufe nach Öffnungen und einem Ende des Lockdowns lauter werden. Der morgige Mittwoch, so prognostiziert meine Kollegin und stellvertretende Hauptstadtbüroleiterin Kristina Dunz, wird deshalb ein harter Tag. Denn im Vorfeld der anstehenden Bund-Länder-Beratungen erhöhten bereits Wirtschaftsverbände den Druck auf das Treffen, Grenzwerte für Neuinfektionen aufzuweichen und Gastronomie und Einzelhandel bereits im März wieder zu öffnen, wie aus einem Papier hervorgeht, das dem RND exklusiv vorliegt. Wie der aktuelle Stand vor der Ministerpräsidentenkonferenz rund um Schnelltests, Schulen und Impfungen ist, haben Kristina Dunz, Eva Quadbeck, Tobias Peter, Tim Szent-Ivanyi und Frank-Thomas Wenzel zusammengefasst.

Die Angst von Gastronomen und Einzelhandel, den Lockdown möglicherweise nicht oder nur schwer angeschlagen zu überleben, ist berechtigt. Doch darf die Politik dieser Sorge angesichts des dünnen Eises, auf dem wir uns in diesem Moment bewegen, einfach so nachgeben? Das Problem, so beschreibt es Kristina Dunz, ist, dass die 16 Länder­regierungschefs und die Kanzlerin wissen: „Die Menschen haben die Nase ziemlich voll von Homeoffice, Kontakt­beschränkungen und Vereinsamung.“ Doch was ist die Alternative? Astrazeneca und Gurgeltests für alle? Die Frist bis zur Zweitimpfung mit den immer noch knappen mRNA-Impfstoffen maximal dehnen, wie es SPD-Gesundheits­experte Karl Lauterbach vorschlägt?

Bei der Vielzahl an Vorschlägen und Forderungen ist es kein Wunder, dass die Bevölkerung zunehmend verunsichert ist. Das Angstzentrum springt an. Denn während die einen nicht mehr wissen, wie sie sich angesichts verknappter Impfdosen und Impftermine überhaupt noch schützen sollen, wollen die anderen raus aus der Lockdownfalle. Deutschland ist sich uneinig. Das zeigt auch eine Umfrage des Forsa-Instituts, die dem RND vorliegt. Demnach schwankt die Zufriedenheit mit der Bekämpfung der Corona-Krise stark zwischen den Bundesländern – was es für die morgen tagende Runde im Kanzleramt nicht wirklich leichter macht.

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Auf dem Sprung ins Superwahljahr

Die Sozialdemokraten dagegen haben bereits zum Sprung ins Superwahljahr angesetzt. Der Kanzlerkandidat ist bekanntlich bereits gefunden, jetzt steht auch das Wahlprogramm. Fünf Kapitel, 48 Seiten, 1877 Zeilen. Mein Kollege Andreas Niesmann aus unserem Hauptstadtbüro hat nachgezählt und ausgewertet. Die Schwerpunkte, die die SPD setzt, erinnern dabei an die gute alte Zeit vor der Pandemie: mehr Sozialstaat, mehr Steuern für Reiche, mehr Klimaschutz. „Es ist der Versuch der SPD, noch einmal mit dem klassischen Ansatz einer Volkspartei um Wähler zu werben“, kommentiert Tobias Peter.

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Zitat des Tages

Meine größte Sorge war, dass sich die Geschichte wiederholen könnte.

Prinz Harry im Interview mit US-Moderatorin Oprah Winfrey über seine Sorgen um seine Ehefrau Meghan. Das Interview wird in der Nacht zum 8. März im US-Fernsehen ausgestrahlt.

Leseempfehlungen

Merz’ nächster Wettkampf: Nach seinem Scheitern im Rennen um den CDU-Vorsitz hat Friedrich Merz nun sein Interesse an einer Bundestagskandidatur im Sauerland bekundet. Aber der derzeitige Wahlkreisabgeordnete will weitermachen, wissen meine Kollegen Daniela Vates und Markus Decker. Und es gibt noch einen dritten Kandidaten, der zum Lager Armin Laschets gehört – ausgerechnet.

Was P.1 so gefährlich machen könnte: Eine Studie zeigt, wie die brasilianische Virusvariante P.1 seit Anfang November in der Amazonasstadt Manaus um sich greift. Die Mutante sei wahrscheinlich übertragbarer und könne den Immunschutz Corona-Genesener aussetzen. Brasilien versucht mit harten Corona-Maßnahmen, noch mehr Todesfälle zu vermeiden – und auch in Großbritannien gibt es neue Fälle.

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Aus unserem Netzwerk

Ein anderes Leben: „Behörden bestätigen ersten Coronavirus-Fall in Lübeck“ – mit dieser Meldung vom 29. Februar 2020 war die Pandemie auch im Norden angekommen. Seitdem hat das Virus unseren Alltag bestimmt – und verändert. Lernen Sie im Storytelling der Kollegen der „Lübecker Nachrichten“ Menschen kennen, die uns davon erzählt haben.

Termine des Tages

Kiloweise Sprengstoff, fast zwei Dutzend Rohrbomben und eine Pistole: Hätte der mutmaßliche Attentäter von Waldkraiburg all das zum Einsatz gebracht, wären womöglich viele Menschen gestorben. Der Mann, der sich selbst als Anhänger der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) bezeichnete, plante Ermittlern zufolge unter anderem Anschläge auf türkische Einrichtungen und Moscheen – und wollte Imame erschießen. Heute beginnt ab 9.15 Uhr vor dem Oberlandesgericht München der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter.

Die Linkspartei gegen den Bundestag: Das Bundes­verfassungs­gericht urteilt heute über eine Klage der Linksfraktion gegen den Bundestag wegen Ceta: Es geht um eine auf Antrag von CDU/CSU und SPD beschlossene Stellungnahme zu dem Handelsabkommen zwischen der EU und Kanada. Die Linken hätten ein Gesetz für nötig gehalten und sehen Mitwirkungspflichten verletzt.

Wenn die Geschichte die Gegenwart einholt: Im britischen Bristol beginnt die Anhörung im Fall von vier Demonstranten, die wegen Denkmalsturzes angeklagt sind. In Bristol hatten am 7. Juni 2020 mehrere Menschen die Statue eines Sklavenhändlers umgestürzt und ins nahegelegene Hafenbecken geworfen. Ihnen wird Sachbeschädigung vorgeworfen. Dahinter steckt eine Auseinandersetzung um die umstrittene Kolonialgeschichte Großbritanniens und die Frage, wie man damit umzugehen hat.

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Wer heute wichtig wird

Happy Birthday, Gorbi! Der ehemalige Kremlchef Michail Gorbatschow feiert heute seinen 90. Geburtstag. © Quelle: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Der gesundheitlich angeschlagene frühere Kremlchef verbringt den Tag allerdings weitgehend in Isolation wegen der Corona-Pandemie, wie er unlängst mitteilte. Als einer der Väter der deutschen Einheit sicherte sich „Gorbi“, wie ihn die Deutschen achtungsvoll nennen, seinen Platz in der Geschichte schon vor rund 30 Jahren. Der frühere Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion gilt als einer der größten Reformer des 20. Jahrhunderts.

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Ihre Nora Lysk

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