Locke down ab 1. März

  • Viruswelle und Kältewelle addieren sich zu einem doppelten Drama in Deutschland: Erstmals fällt die Schule gleich aus zwei Gründen aus.
  • Die Regierenden aber bieten jetzt immerhin den pandemiemüden Regierten etwas Trost und geben ihnen die ersten händeringend erbetenen Fahrpläne in die Hand.
  • Ein banales Ereignis wird damit zur schimmernden Vision in dunkler Zeit: der nächste Friseurbesuch.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

ein Friseurbesuch ist in Wirklichkeit immer ein bisschen mehr als nur ein Friseurbesuch. So jedenfalls sieht es Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. „Das hat auch mit Würde zu tun“, sagte der CSU-Vorsitzende gestern Abend nach dem Bund-Länder-Gipfel.

Neben ihm saßen, leise erstaunt über so große Worte, Kanzlerin Angela Merkel und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD).

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Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wollte Söder vom schicken Schnitt rund um den Schädel einen Bogen ziehen zu Artikel 1 des Grundgesetzes? Sozialdemokrat Müller gab dezent zu Protokoll, es habe ihn bei den zurückliegenden Beratungen „erstaunt, welche große Rolle die Friseure spielten“.

Locke down zum 1. März – das jedenfalls ist das klarste und einheitlichste Signal dieser Runde. Viele andere Beschlüsse zerfallen in regionale Wenn-dann-Konstruktionen, einen genauen Überblick finden Sie hier. Schulöffnungen sind und bleiben der Regie der Länder überlassen, Öffnungen von Läden hängen an einer neu gesetzten 35er-Inzidenz.

Beim Friseur dagegen kann man heute schon mal anrufen und einen Termin vereinbaren. Wird das die Stimmung aufhellen in dem durch Viruswelle und Kältewelle gerade doppelt geprüften Deutschland? Söder zumindest scheint eine solche psychologische Tiefenwirkung zu erspüren: „Auch in der Pandemie“, orakelte er mit Blick auf den Friseurbeschluss, „müssen die Menschen sich selbst wiederfinden können.“

Zu besichtigen ist die deutsche Version von „Yes we can“: Eine Politik, die zwar kein Licht bietet, aber immerhin eine Schere am Ende des Tunnels.

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Eine leise Heldin im Sturm

Wer Geschichten sucht, die Mut machen, muss derzeit mehr auf die Regierten achten als auf die Regierenden. Mein Kollege Imre Grimm ist in dieser Hinsicht mehr als nur fündig geworden. Bei Recherchen zu einer Geschichte über die Doppelkrise aus Lockdown und „Flockdown“ stieß er auf Miriam Tölle, eine medizinische Fachangestellte in der Unfallchirurgie. Die Frau stapfte, als im Schneesturm Straßen gesperrt wurden, neun Kilometer von ihrem Wohnort Gremmendorf bis zum Arbeitsplatz im Uniklinikum Münster, ausgerüstet mit einer Thermostrumpfhose, zwei Hosen darüber, festen Schneeschuhen, Schal, Winterjacke, Mütze und Handschuhen.

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„Ich fühlte mich einfach den Patienten verpflichtet“, sagt sie. „Es geht um reale Menschen in meinem Beruf, das kann man nicht einfach wie im Büro auf morgen schieben.“ Klinikdirektor Christoph Hoppenheit war gerührt: Der Zusammenhalt und das Ethos der Mitarbeiter, die schon so lange am Limit arbeiteten, machten ihn „dankbar und stolz zugleich“.

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Zitat des Tages

Wir waren zu optimistisch bei der Massenproduktion, und vielleicht waren wir uns auch zu sicher, dass das Bestellte tatsächlich pünktlich geliefert wird.

Ursula von der Leyen, EU-Kommissions­präsidentin, in einer Rede vor dem Europaparlament

Leseempfehlungen

Taxis fahren in die Pleite: Wer in diesen Zeiten als Taxifahrer auf Fahrgäste hofft, am Flughafen etwa oder am Bahnhof, kann lange warten: Es gibt sie einfach nicht, die zurückkehrenden Urlauber oder die zu dringenden Geschäften eilenden Messegäste. RND-Redakteurin Heike Manssen hat sich in der Branche umgehört und erfahren: Die Umsatzeinbrüche liegen bei 80 Prozent, jedes dritte Unternehmen ist mittlerweile in seiner Existenz bedroht.

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Nachhilfe für den WDR: Angehörige der weißen Mehrheits­gesellschaft hielten jüngst in einer Diskussionssendung im WDR-Fernsehen fest, man dürfe das Zigeunerschnitzel ja wohl immer noch Zigeunerschnitzel nennen. Die Komikerin Enissa Amani hat nun auf Youtube einen Gegenentwurf veröffentlicht: In ihrer eigenen, privat finanzierten Talkshow kommen Menschen zu Wort, die sich mit dem Thema diskriminierende Sprache tatsächlich auskennen – und auch bestens erklären können, warum sie problematisch ist: Ein Lehrstück, das auch dem WDR gut zu Gesicht gestanden hätte, schreibt Matthias Schwarzer.

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Schwieriges Gedenken: Alljährlich am 13. Februar gedenkt Dresden der Opfer der Bombennacht von 1945. Ebenfalls jedes Jahr nutzen Rechtsextreme den Tag für ihre Zwecke. Auch diesmal, berichten die „Dresdner Neuesten Nachrichten“, muss sich die Stadt auf eine Neonazi-Demo vorbereiten – inmitten einer Corona-Pandemie.

Termine des Tages

In Berlin beginnt der Tag mit einer Regierungserklärung von Angela Merkel um 9 Uhr vor dem Bundestag. Im Mittelpunkt stehen die Pandemiebekämpfung und die Beschlüsse von gestern Abend.

Das Thema Corona dominiert auch einige anstehende Sondersitzungen von Landtagen, heute zum Beispiel in Schleswig-Holstein (ab 12 Uhr) und in Mecklenburg-Vorpommern (ab 13 Uhr).

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Die Strafverteidiger von Donald Trump haben gut zu tun: Heute Nachmittag (MEZ) gehen im Senat die Anhörungen wegen Trumps Aufstachelung zum Sturm aufs Kapitol weiter. Parallel dazu hat inzwischen in Georgia die Staatsanwältin Fani Willis entschieden, Ermittlungen wegen versuchten Wahlbetrugs einzuleiten: Trump hatte beim Wahlleiter in Georgia angerufen und ihn aufgerufen, die zu seinem Sieg fehlenden Stimmen „zu finden“.

Wer heute wichtig wird

Marine Le Pen (52) geht heute Abend in eines der wichtigsten Fernsehduelle ihres Lebens: Mit Innenminister Gérald Darmanin diskutiert sie über Einwanderung und Islamismus. Darmanin, der eine harte Linie fährt, gilt eigentlich als Geheimwaffe von Staatspräsident Emmanuel Macron. Sollte aber heute Abend Le Pen als Gewinnerin vom Platz gehen, könnte dies ein erster Schritt sein auf ihrem Weg zum Sieg über Macron bei der Präsidentschaftswahl im April kommenden Jahres.

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