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Lockdown oder Shutdown – was war das in Deutschland im Frühjahr?

  • Politiker warnen vor einem „zweiten Lockdown“ in Deutschland.
  • Aber war das im Frühjahr überhaupt ein Lockdown? Und was ist der Unterschied zum „Shutdown“?
  • Wir versuchen, die Begrifflichkeiten der Corona-Pandemie zu klären.
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Hannover. Markus Söder fühlt sich sichtlich wohl in der prestigeträchtigen Rolle des unermüdlichen Mahners und obersten Corona-Verhinderers der Republik. Ein „zweiter Lockdown rückt näher, wenn es keinen Ruck gibt“, warnte der bayerische CSU-Ministerpräsident gestern mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen in Deutschland und Europa. In Söders Satz sind gleich zwei Schwammwörter enthalten, deren Bedeutung viel interpretatorische Freiheit lässt: Es ist der vom Ex-Bundespräsidenten Roman Herzog popularisierte „Ruck“ aus seiner „Berliner Rede“ von 1997 („Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen“). Und es ist der „Lockdown“. Ein allgegenwärtiges Wort, das einen unpopulären Zustand beschreibt, unter dem jeder etwas anderes zu verstehen scheint.

Seit Tagen künden Medienschlagzeilen dräuend von einem „neuen Lockdown“ (MDR, „taz“, „Deutsche Welle“) oder von einem „zweiten Lockdown“ („Tagesspiegel“, „F.A.Z.“), der dem Land drohe. Ein weiterer „Lockdown“ solle unbedingt verhindert werden, versichern Politiker landauf, landab. Lockdown hier, Lockdown da. Aber was ist das genau?

War das im März und April wirklich ein „Lockdown“?

Hartnäckig hält sich das Gerücht, auch Deutschland habe im März und April einen „Lockdown“ erlebt. Aber war das wirklich ein Lockdown? Die Wahrheit ist nicht ganz so eindeutig. Denn im Vergleich zu anderen Ländern, die sich für ihre Pandemieeindämmungsmaßnahmen ebenfalls des englischen Begriffs Lockdown befleißigt haben, waren die hiesigen Maßnahmen erstens deutlich weniger radikal. Und zweitens haben auch die beiden Begriffe Lockdown und Shutdown in ihrem ursprünglichen Sinne mit der Bekämpfung einer Pandemie gar nichts zu tun. Es mangelt in der Corona-Krise also nicht nur an Geduld, Verantwortungsgefühl und einem Impfstoff. Es mangelt auch an eindeutigen Vokabeln, um die Krise zu beschreiben.

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Droht Deutschland ein Lockdown? Eine weggeworfene Mundschutzmaske liegt am Boden vor dem Königsbau in Stuttgart. © Quelle: imago images/Michael Weber

Lockdown, Shutdown, Kontaktverbote, Ausgangssperre – die Begrifflichkeiten gehen in der lebendigen Alltagssprache munter durcheinander. Und sie sind allesamt politisch aufgeladen. Annette Klosa-Kückelhaus, Leiterin des Programmbereichs „Lexikographie und Sprachdokumentation“ am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, hat in einem sprachkundlerischen Aufsatz eine Begriffsklärung der beiden Anglizismen Lockdown und Shutdown unternommen.

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Wo ist der Unterschied? Ihr Ergebnis:

Das Wort Shutdown bezeichne in der englischen Sprache „die Schließung einer Fabrik, eines Geschäftes oder anderen Unternehmens, entweder für kurze Zeit oder für immer“. So stehe es im renommierten Wörterbuch „Collins Dictionary“. Das Wort bezieht sich nach dieser Deutung also allein auf die Wirtschaftswelt – oder das Herunterfahren eines Computers. Den Shutdown eines ganzen Landes dagegen gibt es nach der bisherigen Wortbedeutung gar nicht, allenfalls in den USA, wo das Wort Shutdown auch das Herunterfahren von Politik und öffentlicher Verwaltung beschreibt, wenn sich der US-Präsident und das Repräsentantenhaus im Streit um einen neuen Haushalt wieder einmal hoffnungslos emotional verkantet haben und hunderttausenden Behördenmitarbeitern Lohnausfälle drohen.

Das Wort Lockdown hingegen bedeute im Englischen einen „Zustand der Isolation, Eindämmung oder des eingeschränkten Zugangs, der normalerweise als Sicherheitsmaßnahme eingeführt wird“, schreibt Klosa-Kückelhaus und verweist als Quelle dieser Deutung auf das „Oxford English Dictionary“. Ein Lockdown bezeichne etwa die Absperrung eines Gebiets nach einem Anschlag oder einer Naturkatastrophe zum Schutz der Menschen. Es ist im Wortsinne also eher eine Grenzziehung, eine Barriere um eine definierte Zone herum als eine Stilllegung des öffentlichen Lebens in einer Zone. In der Corona-Pandemie erhielt Lockdown im englischen Sprachraum zusätzlich die Bedeutung einer „Ausgangssperre“. Eine solche gab es bisher in Deutschland aber gar nicht. Also kann von einem „zweiten Lockdown“ keine Rede sein, allenfalls von einem ersten.

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Es gibt kein korrektes Wort für das, was Deutschland erlebt hat

Beide Begriffe treffen also auf das, was Deutschland im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie im März und April erlebt hat, streng genommen nicht zu. Anders als in Spanien oder Italien gab es keine Ausgangssperre. Es gab keine flächendeckende Einstellung des öffentlichen Nahverkehrs, und es gab keine ausnahmslos geschlossenen Unternehmen und Fabriken. Die Landwirtschaft, die Paketdienste, Busse und Bahnen, Feuerwehr und Polizei, die Medien, Ärzte und Krankenhäuser, Speditionen und Millionen Mitarbeiter im Homeoffice – sie alle blieben aktiv. Daher ist auch das Wort Stillstand nicht zutreffend.

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Was war das also dann? Menschen und Medien nutzen seit Ausbruch der Corona-Seuche fast epidemisch die beiden englischen Begriffe, gern auch als deckungsgleiche Synonyme. Sie tun dies in Ermangelung eines zutreffenden deutschen Begriffs. Denn es gibt bisher kein korrektes Wort, das das, was Deutschland im März und April erlebt hat, wirklich zutreffend beschreiben würde: eine Mischung aus Kontaktbeschränkung, Schließung von kommerziellen Betrieben mit erhöhtem Publikumsverkehr und direktem Körperkontakt, Stilllegung vieler, aber eben nicht aller Betriebe, Einstellung des Kulturlebens, Verbot von Veranstaltungen, Verzicht auf Begegnungen und ortsgebundener Maskenpflicht.

Ein echter Lockdown wäre nicht der zweite, sondern der erste

Die Umgangssprache freilich tut, was sie will und schert sich nicht um semantische Feinheiten. Korrekt wäre für diesen Zwischenzustand aber allenfalls die Bezeichnung „teilweiser Shutdown“ in seiner erweiterten Bedeutung.

Wenn also Deutschland mit der Verstärkung der zweiten Corona-Welle tatsächlich ein echter Lockdown droht, ein totaler Stillstand also mitsamt ruhenden Fließbändern, stehenden Bussen, geschlossenen Schulen und Ausgangssperren – dann wäre das nicht der zweite, sondern der erste.


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