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Lkw-Staus in England: „Seit drei Tagen sitzen wir hier fest“

  • Wegen der Coronavirus-Mutation hatte Frankreich seine Grenze am Ärmelkanal geschlossen.
  • Die ist zwar inzwischen aufgehoben, doch noch immer sitzen Tausende Lkw-Fahrer fest.
  • Und so mancher rechnet nicht mehr damit, Weihnachten bei seiner Familie verbringen zu können.
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Dover/Ramsgate. An der Auffahrt zu einer Schnellstraße nahe Dover stapfen mehrere Gestalten durch die Dunkelheit im Schatten der am Straßenrand geparkten Lastwagen. An den Fahrerkabinen machen sie Halt, klopfen und reichen etwas hinauf. Tausende Lkw sind in der englischen Grafschaft Kent gestrandet, nachdem Frankreich seine Grenze am Ärmelkanal aus Furcht vor einer neuen Coronavirus-Variante geschlossen hatte.

Der 23-jährige Benjamin Ryan und die 19 Jahre alte Isabella Pattman gehören zu einer Gruppe von Freiwilligen, die von Lastwagen zu Lastwagen gehen und Care-Pakete verteilen. In den kleinen braunen Papiertüten sind eine Flasche Wasser, Chips, eine Banane, eine „Sausage Roll“ - Würstchen im Blätterteig, und ein Stück Schokolade.

Viele gestrandete Fahrer sind auf Menschen wie Ryan und Pattman angewiesen. Sie sitzen seit Tagen fest. Die vorübergehende Sperrung der Routen über den Ärmelkanal ist zwar aufgehoben, doch es dürfte noch dauern, bis der Rückstau abgearbeitet ist. Seit Sonntag konnten weder die Fähren in Dover, noch die Züge am Eurotunnel in Folkestone fahren. Tausende Lkws stauten sich auf den Autobahnen wie ein gigantischer Wurm aus Blech und Gummireifen.

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Hunderte Corona-Tests sollen am Mittwoch bereits durchgeführt worden sein

Fernfahrer wie Koray Nalga sind für den Einsatz freiwilliger Helfer dankbar. Auch bei ihm waren schon Menschen aus der Umgebung und haben Lebensmittel gebracht. Der 40 Jahre alte Familienvater aus der Südosttürkei sitzt mit drei anderen Männern im Frachtraum eines Sattelzugs und raucht eine blubbernde Wasserpfeife. Auf einem improvisierten Tisch aus Metallstäben und Pappkarton liegt ein Stapel Spielkarten. Die Stimmen der Männer hallen in dem leeren Auflieger, in dem Gemüse wie Tomaten und Paprikaschoten nach Großbritannien transportiert wurde.

„Seit drei Tagen sitzen wir hier fest“, sagt Nalga. Toilette und Dusche gebe es keine. Auch die Lebensmittel und das Trinkwasser gingen inzwischen zur Neige. Er zeigt auf eine halbleere Plastikflasche. „Das ist alles, was wir noch haben.“ Woher Nachschub kommen soll, wissen die Männer noch nicht. Auch das Geld wird langsam knapp. Von den britischen Behörden haben sie nach eigenen Angaben bislang keine Hilfe bekommen. Wie lange es noch dauern wird, bis sie den Ärmelkanal überqueren können? Drei Tage vielleicht, wer wisse das schon, sagt Nalga und zuckt mit den Schultern.

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Viele Fernfahrer wurden auch direkt auf den ehemaligen Flughafen Manston gelotst, wo sie mit ihren Gespannen in langen Reihen auf einen Schnelltest warten, der ihnen die Überfahrt auf den Kontinent ermöglichen soll. Hunderte Tests sollen am Mittwoch bereits durchgeführt worden sein. Doch auch der alte Flugplatz, von dem einst die Geschwader im Zweiten Weltkrieg aufstiegen, war schnell voll.

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Stanislaw Olbrich hat die Hoffnung aufgegeben, dass er noch mit seiner Familie Weihnachten feiern kann. „Meine Familie, meine zwei Kinder, alle warten“, sagt er. Der 55-Jährige aus Bielsko-Biala im südlichen Polen will sein Glück nun mit einer Fähre nach Holland versuchen. Einen Test braucht er dafür nicht, doch er muss einen langen Umweg in Kauf nehmen.

Fahrer, die noch nicht einmal die Aussicht auf eine baldige Überfahrt haben, sind zunehmend frustriert. Viele glauben, dass sie zum Spielball der Politik geworden sind. Bei einigen kochte die Wut am Mittwoch über. Sie lieferten sich Rangeleien mit Polizisten am Fährterminal in Dover.

Helfer Ryan findet den Fokus der britischen Medien auf die wenigen Fahrer, denen die Sicherungen durchgebrannt sind, unfair. Die allermeisten seien freundliche, anständige Leute, die einfach nur nach Hause zu ihren Familien wollten, meint er.

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Ryan und Pattman sind Teil einer Gruppe der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die Bezeichnung Mormonen hören sie nicht mehr so gerne. Doch um religiöse Botschaften geht es ihnen an diesem Tag nicht. Die Idee zu helfen kam ihnen spontan. „Als wir verstanden haben, was los ist, hatten wir das Gefühl wir müssen helfen“, sagt Ryan. Auch wenn es nur wenig sei, hoffe er damit die Stimmung an Weihnachten ein bisschen zu heben.

RND/dpa

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