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Widerstand aus dem Verborgenen: Wie die belarussische Opposition aus dem Exil operiert

  • In Minsk haben auch an diesem Wochenende Zehntausende Belarussen gegen Präsident Lukaschenko demonstriert.
  • Vom Nachbarland Litauen aus versorgen digitale Partisanen sie mit Informationen.
  • Eine Begegnungen in der Hochburg der Exilopposition.
Cedric Rehman
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1:41 min
In der weißrussischen Hauptstadt Minsk haben am Sonntag erneut mindestens 100.000 Menschen gegen Präsident Alexander Lukaschenko protestiert.  © Reuters
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Vilnius. Kastus Kalinouski wendet seinen Blick immer wieder ab. Er starrt auf den Bildschirm seines Laptops. Kalinouski erwartet neue Nachrichten aus Belarus. Erscheinen sie ihm glaubhaft, tippt er sie in den Kanal eines Messengerdienstes. Der ist in Belarus noch abrufbar, wenn die Behörden mal wieder das Internet lahmlegen. Wie das geht? Der junge Mann will es nicht verraten.

Kastus Kalinouski ist sein digitaler Kampfname. Der Anfang 20-Jährige hat sich als Synonym den Namen eines belarussischen Adeligen gewählt. Er ist unter den Gegnern von Alexander Lukaschenko derzeit in aller Munde. Der historische Kalinouski kämpfte während des Januaraufstands 1863 und 1864 im damals zum Zarenreich gehörenden Polen, Litauen und Belarus gegen die russischen Truppen. Er wurde 1864 in Vilnius von einem Henker des Zaren hingerichtet.

Die Schaltzentrale in Vilnius

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In eben dieser Stadt, seit 1991 Hauptstadt des unabhängigen Litauens, sitzt sein Bewunderer seit den – gestohlenen – Präsidentschaftswahlen in Belarus am 9. August vor seinem Laptop, bekämpft den Schlaf mit Energydrinks und Lukaschenko mit Worten.

Die digitalen Partisanen in Vilnius sichern eine Lebensader für die Zehntausenden Dissidenten, die in Belarus selbst gegen das Regime protestieren: Sie sichern den Zugang zu Informationen, die für manche.

Auch am Sonntag gingen Zehntausende Demonstranten in Minsk auf die Straßen. Mehr als 250 Menschen sollen festgenommen worden sein. © Quelle: Uncredited/AP/dpa

Die ersten Tage nach dem 9. August seien die Hölle gewesen, sagt Kalinouski: “Wir haben Fotos gepostet von denen, die im Okrestina-Gefängnis in Minsk gefoltert worden sind. Je mehr wir die Nachrichten verbreitet haben, desto wütender schienen die Sicherheitskräfte zu werden. Sie haben das an den Gefangenen ausgelassen.” Irgendwann begann er sich zu fragen, ob er nicht für die Schmerzen anderer verantwortlich war. “Ich habe mich auf mein Kissen geschmissen und konnte nicht mehr”, sagt er.

Wie beim Aufstand gegen die kaiserlich-russische Armee läuft ein Großteil des Kampfes hinter zugezogenen Vorhängen. Kalinouski hält sich zurück mit Informationen über seine Widerstandsgruppe. Alle Internetpartisanen, sagt er, hätten Familie in Belarus.

Und: Lukaschenkos Geheimdienst KGB soll in Polen bereits Oppositionellen nachstellen. Vilnius ist nur 40 Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt.

Ein Leben ohne Lukaschenko

Kalinouski hat selbst Erfahrungen mit dem KGB gemacht. 2017 wagte er sich mit Hunderten Demonstranten in seiner Heimat auf die Straße. Die Regierung hatte eine Sondersteuer für Arbeitslose verhängt. “Über die Vorbeugung des Sozialschmarotzertums” nannte sich das Dekret. Kalinouski wurde verhaftet, stand seiner Erzählung zufolge stundenlang gefesselt mit dem Gesicht zur Wand. “Als sie mich freiließen, bin ich abgehauen nach Litauen”, sagt er.

Dort studiert er heute wie viele seiner Mitstreiter an der Europäischen Geisteswissenschaftlichen Universität. Seit 2004 ist die 1992 in Minsk von dem Philosophen Anatoli Michailow gegründete Universität in Litauen im Exil. 1600 Studierende sind dort eingeschrieben. Bis heute gibt es Schmuggelrouten für Verfolgte über die grüne Grenze nach Litauen.

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Der junge Belarusse ließ in Minsk ein Leben zurück, das im System Lukaschenko hätte funktionieren können. Er konnte studieren und bezeichnet seine Familie als nicht reich, aber auch nicht arm: “Ich hatte genug Geld und konnte chillen.”

Nicht arm, nicht reich, das galt bis vor wenigen Jahren als Markenzeichen der Regierung Lukaschenko. Die modernsten Betriebe besonders in der Traktorenindustrie befanden sich nach der 1991 aufgelösten Sowjetunion in der früheren Sowjetrepublik. Belarus erhielt lange Öl und Gas von Moskau zu Sonderpreisen. Lukaschenko förderte den IT-Sektor im Land. Computerspiele, die Gamer auf der ganzen Welt begeistern, werden in Belarus entwickelt. Internationale Firmen wie der Messengerdienst Viber ließen sich wegen der günstigen Bedingungen und des guten Rufs der belarussischen Entwickler in Minsk nieder.

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“Batka”, Väterchen Lukaschenko, verteilte den bescheidenen Wohlstand im Land gleichmäßig. Er ließ nicht zu, das Einzelne als Oligarchen wie in Russland oder der Ukraine überreich und übermächtig wurden. Aus russischer Sicht aber verstand sich Lukaschenko mehr aufs Nehmen denn aufs Geben. Er verweigerte sich einer tieferen Integration der seit 1999 bestehenden Union zwischen Russland und Belarus. Russland drosselte die Öl- und Gassubventionen. “Batka” blieb immer weniger übrig, um das Volk von seiner Milde zu überzeugen.

Und der Niedergang begann. Wirtschaftlich wie politisch.

“Wir haben Talente, können uns aber nur bis zu einem gewissen Punkt entfalten. An die Spitzen kommt nur, wer Beziehungen zum Apparat hat”, sagt Kastus Kalinouski jetzt. Die Korruption ist genauso schlimm wie in Russland, wenn nicht schlimmer.

Ein neues Belarus in Weiß und Weiß, den Farben der historischen Flagge und der Opposition, soll da anders sein.

Zwei Länder, ein Schicksal

Die weiß-rot-weißen Fahnen schwenken sie jeden Tag an der Mindaugo-Straße gegenüber der rot-grün beflaggten belarussischen Botschaft in Vilnius. Die Belarussin Tatsiana Chulitskaya und ihre litauische Freundin Irmina Matonyte sind dabei. Sie sind beide Politikwissenschaftlerinnen in Vilnius. Während immer mehr Fahnenträger auf dem Gehsteig zusammenkommen, setzt ein Hupkonzert ein. Sind hier nur Belarussen unterwegs?

Irmina Matonyte lacht. “Mir fällt ein deutsches Wort ein. Sprecht ihr nicht von Schicksalsgemeinschaft? So ist es zwischen Belarussen und Litauern”, sagt sie. Heute kämpfe Belarus wie Litauen 1991 um seine Unabhängigkeit. “Natürlich unterstützen wir das, weil Russland so an Einfluss verliert. Und Russland bedroht uns ja immer noch”, sagt sie.

Chulitskaya indes interpretiert die Sehnsucht in Weiß-Rot nüchterner als reine Ablehnung der Staatssymbole Lukaschenkos. Die Frage der Verortung ihres Landes zwischen Polen, Litauen und Russland, Ost und West habe nichts mit dem Aufbegehren gegen einen Wahlfälscher zu tun. Gegen einen Präsidenten zudem, der die Corona-Pandemie in seinem Land leugnet.

“Die Menschen haben angefangen, selbst Schutzmaterial für die Ärzte zu organisieren. So haben sie gesehen: Sie kommen besser ohne Lukaschenko zurecht”, meint sie. Bilder von den jüngsten Protesten in Minsk indes legen nahe, dass viele Demonstranten Russland durchaus als Gegner betrachten. “Hau ab aus Belarus”, steht auf vielen Plakaten unter Wladimir Putins Konterfei.

Irmina Matonyte (links) und Tatsiana Chulitskaya. © Quelle: Cedric Rehman

Der litauische Politikexperte Marius Laurinavicius genehmigt sich unweit der Botschaft an der Mindaugo-Straße ein Bier in der Bar Amy Winehouse. Der ehemalige Moderator der litauischen Fernsehnachrichtensendung “24/7” und Russland-Experte der Denkfabrik Vilnius Institute for Policy Analysis warnt davor, dass in Belarus ein russisches Projekt zur Schwächung und damit Unterwerfung Lukaschenkos gerade eine gefährliche Eigendynamik entwickle.

Er betont, wie wichtig Belarus für Russland sei. Ein Blick auf die Landkarte genügt, um das zu verstehen: Die belarussische Grenze liegt nur 100 Kilometer von der russischen Exklave Kaliningrad entfernt. Der sogenannte Suwalki-Korridor ließe sich von Belarus und Kaliningrad aus im Handstreich besetzen. Russland könnte im Konfliktfall so das Baltikum vom Nato-Nachschub aus Polen abriegeln.

Lukaschenko wisse um die strategische Bedeutung seines Landes, meint der Litauer. Eine Erkenntnis, die den aufbrausenden Präsidenten hochmütig werden ließ. Er entschied sich, Russland in die Parade zu fahren, und ließ vor der Wahl am 9. August neben anderen Kandidaten auch den moskaufreundlichen Viktor Babarik festnehmen. Der in Russland erfolgreiche Geschäftsmann hätte Lukaschenko nicht besiegen, ihm aber einen deutlichen Wahlsieg vermiesen sollen, vermutet Laurinavicius. Lukaschenko habe das nicht hinnehmen wollen.

Und als sich Babarikos Lager hinter Swetlana Tichanowskaya versammelte, der Ehefrau eines weiteren inhaftierten Präsidentschaftskandidaten, manipulierte er die Wahl am 9. August in aller Deutlichkeit zu seinen Gunsten.

Die nationale Bewegung, die Lukaschenkos Dreistigkeit und Brutalität im Volk auslösten, machten es Russland nun schwierig, sich hinter die Proteste zu stellen, analysiert Laurinavicius. Der im Eifer entfachte weiß-rote Enthusiasmus und die Anklänge an ein mit Polen und Litauen statt mit Russland verbundenes Nationalgefühl ließen die Alarmglocken in Moskau schrillen: “Die Russen müssen diese Gespenster einfangen, und ich glaube, sie tun es bereits.”

Er verweist auf die neue Miteinander-Partei des Lagers um den russlandfreundlichen Babariko. Sie wurde ohne Zustimmung der nach Litauen geflohenen Swetlana Tichanowskaya von der Babariko-Vertrauten Maria Kolesnikowa gegründet. “Ich bin sicher, die Partei soll die Proteste in für Russland akzeptable Bahnen lenken”, sagt er. Dass die 38-Jährige nun in einem unbekannten Untersuchungsgefängnis sitzt, nachdem die Behörden sie angeblich gegen ihren Willen in die Ukraine abschieben wollten, gibt Laurinavicius Rätsel auf.

“Das ist wirklich seltsam. Kolesnikowa konnte sich bisher frei bewegen”, sagt er. Steckt eine weitere Provokation Lukaschenkos an die Adresse Moskaus dahinter?

Keine baldige Rückkehr nach Minsk

Der Machthaber in Minsk könne davon ausgehen, dass Putin ihn fallen ließe, sobald ein die Interessen Russlands wahrender Machtwechsel möglich scheint, meint der Experte. Und wenn die Protestbewegung sich weiter von Russland ab- und Polen und Litauen zuwenden sollte? “Die belarussischen und russischen Streitkräfte sind integriert. Moskau muss sich nicht einmal die Hände schmutzig machen, um Aufruhr in Belarus zu ersticken.” Belarus würde dann wohl Teil der Russischen Föderation werden: “Das wäre der Preis für Lukaschenko.”

"Es ist nicht so schlimm wie in der Ukraine, aber ein Konflikt ist denkbar": Anatoli Michailow, belarussischer Philosoph und Exilant in Vilnius über die Gefahr eines Krieges. © Quelle: Cedric Rehman

In der Altstadt von Vilnius aber erfährt hinter Klostermauern der von Lukaschenko vor gut 15 Jahren vertriebene freie Geist neue Kraft. Durch die Studenten der belarussischen Exiluniversität. Beeindruckt es deren Gründer nicht, dass seine Universität als ein Zentrum des Widerstands im Exil gilt und Studierende wie Kastus Kalinouski digital seinen Erzfeind Lukaschenko bekämpfen? “Wir indoktrinieren unsere Studenten nicht”, sagt Anatoli Michailow. “Ich rate ihnen zu Realismus. Das Leben ist hart.”

Belarus sei zwischen Zivilisationen gespalten. “Es ist nicht so schlimm wie in der Ukraine, aber ein Konflikt ist denkbar.” Sieht er sein Land auf dem Weg in einen Krieg? Der Philosoph weiß nur, dass er wohl nicht allzu bald nach Minsk wird zurückkehren können.

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