Lisa Eckhart und der Rassismus: Darf diese Frau das sagen?

  • Satire in Deutschland findet jetzt unter Polizeischutz statt.
  • Wohin treibt die Debatte um Meinungsfreiheit und Cancel Culture?
  • Ein Auftritt der Kabarettistin Lisa Eckhart in Dresden – und viele Fragen.
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Dresden. Der Mann im weißen T-Shirt baut sich gegenüber der kleinen Demonstration auf. Ein gutes Dutzend sehr junger Menschen halten am Rande des Großen Gartens in Dresden zwei Transparente. “Antisemitismus – nicht witzig” steht auf dem einen, “Diskriminierung keine Bühne bieten” auf dem anderen. Eine junge Frau liest vom Handy ab, was Satire ihrer Meinung nach sein soll und nicht sein darf: “Gute Satire tritt nach oben oder gegen die eigenen Zuschauer*innen. Lisa Eckhart beherrscht dieses Handwerk nicht.”

Und deshalb wollen sie einen Satireabend mit lauter Punkmusik stören, als spräche hier Björn Höcke.

Demonstrantinnen erklären, was Satire sein soll. © Quelle: imago images/Future Image

Die 27-jährige österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart tritt zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder live in Deutschland auf. Und zum ersten Mal muss sie unter Polizeischutz spielen, zum ersten Mal begleiten Proteste ihren Auftritt. Bis vor Kurzem kannten sie ihre Fans. Seit zwei Wochen kennt sie ganz Deutschland als die Frau, der vorgeworfen wird, in ihrem Programm rassistische und antisemitische Klischees zu bedienen. Da machte der Nochtspeicher auf St. Pauli öffentlich, dass die Veranstalter einer Lesung “Warnungen” erhalten hätten und darin ein Sicherheitsrisiko sähen. Später präzisierten sie, es habe “plausible” Hinweise “bezüglich einer Störung oder Sprengung der Veranstaltung” gegeben.

Es wird wieder über Satire gestritten in Deutschland. Und ein aus den USA importierter Begriff macht die Runde, unter den alles und nichts zu fassen ist: Cancel Culture, eine Kultur des Abschaltens, Aburteilens von Meinungen und Meinungsäußerern, die mal der linken, mal der rechten, mal irgendeiner anderen Seite missfallen.

In Dresden herrscht der Mann im weißen T-Shirt die Demonstrantin an: “Sprich doch wenigstens frei!”, dann zeigt er ihr den Mittelfinger. Ein Stück weiter stehen Polizisten. “Räumt die doch mal weg!”, ruft der Mann den Beamten zu. “Das geht leider nicht”, antwortet einer der Uniformierten.

Die Begleiterin des Mannes holt ihre Eintrittskarte aus der Tasche: “Wir wollen uns unterhalten lassen”, sagt sie, “und die da wollen das verhindern. Lisa Eckhart ist witzig, sie ist doppeldeutig, das verstehen die nicht.”

So beginnt ein entspannter Abend mit Kleinkunst auf der Freilichtbühne Junge Garde in Dresden.

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Eckhart sieht nun mal nicht aus wie Lutz Bachmann

Pünktlich um 19 Uhr betritt die 27-Jährige die Bühne, sehr groß, sehr blond, sehr hager. Sie drapiert sich in einem sehr offenen Kimonokleid auf einen Barhocker.

Warum ihr Äußeres eine Rolle spielt? Weil es eine Brechung des Gewohnten ist, von solch einer Erscheinung rassistische Sketche serviert zu bekommen. Lisa Eckhart sieht nun einmal nicht aus wie Lutz Bachmann, der montags bei Pegida ein Programm ohne jede Doppeldeutigkeit abspielt.

Ein Raunen zwischen Zustimmung und Fremdscham

Aber ist eine Brechung des Gewohnten zugleich eine ironische Brechung? “Der Inder ist besser als andere Geräte. Im Vergleich zum Fernseher leuchtet der rote Punkt beim Inder im Stand-by-Modus nicht die ganze Nacht.” Das Publikum auf der Freilichtbühne macht “oho” oder auch “oo-oooh”, jedenfalls geht ein Raunen durch die Menge, das schwer einzuordnen ist. Abwandlungen dieses Raunens gibt es jedes Mal, wenn Eckhart eine Grenze zu Diskriminierung und rücksichtsloser Boshaftigkeit überschreitet, und das tut sie mit der Präzision eines Uhrwerks.

Das Raunen klingt manchmal nach “endlich sagt’s mal eine”, manchmal nach “die traut sich was” und manchmal dann doch eher nach Fremdschämen.

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Triumph des Mittelmäßigen

Ist das witzig? Das ist eine Frage für die Humorpolizei. Ist das entlarvend – und wenn ja: für das Publikum oder für die Künstlerin?

Gute Satire hat das Potenzial, vielleicht gar die Pflicht, zu spalten. Das war immer so. Neu ist: Mittelmäßige Satire kann das jetzt auch.

Lisa Eckhart gibt sich alle Mühe, allen Klischees viel Raum zu bieten. Hier bin ich Mensch, hier darf ich das ­N-Wort sagen. Meint sie. Sie wendet das Flugblatt der De­mons­tran­ten in ihren Fingern und kommentiert: “Wenn ich jeden Witz erkläre, erfülle ich auch ein Vorurteil, nämlich dass ich mein Publikum für strunzdumm halte.” Der Punkt geht an Eckhart. Das Unbehagen bleibt.

In Berlin, am Vortag, kommt ein sehr gelassener Harald Martenstein ins Café Einstein in der Kurfürstenstraße. Der Kolumnist und Autor hat gerade eine Kolumne für das “Zeit-Magazin” fertiggestellt, in der es um Eckhart geht.

Vor vier Jahren hat er einmal im Hamburger Nochtspeicher gelesen, dem Veranstaltungsort, der Eckhart vor einer Woche abgesagt hat. Martenstein erzählt: “Zu meiner Lesung kam eine Gruppe junger, schwarz gekleideter Frauen, die auf Krawall aus waren. Ich habe sie auf die Bühne geladen und wollte mit ihnen reden, das wollten sie nicht. Hinterher haben wir festgestellt, dass sie im Raucherfoyer an einer Gasflasche manipuliert hatten, dass das Gas ausströmte. Das würde ich als versuchten Anschlag werten.”

Er wird Eckhart in seinem Text verteidigen. Martenstein sieht sich als liberalen Kämpfer gegen die Cancel Culture. Er vergleicht die Meinungsfreiheit mit dem Sibirischen Tiger – der sei auch nicht erst dann gefährdet, wenn er vom Aussterben bedroht sei. “Es wäre traurig, wenn Lisa Eckhart nur noch unter Polizeischutz auftreten könnte. Sie ist eine ganz talentierte und sehr ambivalente Künstlerin. Die Ambivalenten sind die Interessantesten.” Und er fügt hinzu: “In diesem Land darf jeder alles fordern, solange das Ziel kein autoritäres Staatswesen ist. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit entscheiden Gerichte, nicht Meinungsjournalisten.”

Er schaut nicht nach, wer dort sonst verkehrt – auch wenn es Rechtsextreme sind

Auch Mar­ten­stein wird bald in Dresden lesen, nicht im Großen Garten, sondern im Kulturhaus Loschwitz. Das führt die Buchhändlerin Susanne Dagen. Die Schriftsteller Uwe Tellkamp und Monika Maron publizieren bei ihr Texte in einer Reihe, die sie “Exil” nennt, als gäbe es in der Bundesrepublik schon wieder den Zwang zur inneren Emi­gration. Sie unterhält enge Verbindungen zum Verlegerpaar Götz Kubitschek und Ellen Kositza. Der Verfassungsschutz führt Kubitscheks Institut für Staatspolitik als rechtsextremen Verdachtsfall.

Ist das Kulturhaus Loschwitz nicht sehr nah an Menschen, die ein autoritäres Staatswesen fordern, Herr Martenstein? Sollte man so eine Lesung nicht lieber von sich aus canceln?

Martenstein sieht keinen Grund: “Ich bin gegen Kontaktverbote. Deswegen lese ich auch im Kulturhaus Loschwitz. Ich schaue nicht vorher nach, wer dort sonst noch aufgetreten ist. Ich bin auch dagegen, alles, was nicht links ist, für rechts zu erklären.” Der Bundespräsident fordere doch immer, dass man miteinander reden müsse. “Steinmeier hat mich sozusagen nach Loschwitz geschickt.”

Reden statt ausschalten

Auch Uwe Steimle, ähnlich umstritten wie Lisa Eckhart, verteidigt Susanne Dagen. Der Dresdner Satiriker kokettiert in seinen Auftritten gern damit, dass ihn die Debatte um Meinungsfreiheit an die DDR erinnere.

Anruf bei Steimle: Glaubt er das wirklich? Zunächst wehrt er ab. “Sie dürfen in diesem Land alles sagen, was Sie denken, Sie müssen nur das Richtige denken.” Er sei zu erschöpft, darüber zu diskutieren. Dann lässt er sich doch auf ein Gespräch ein. “Natürlich leben wir in einem ganz anderen System als der DDR. Wer in der DDR weg vom Fenster war, blieb es.”

Als sich aber der Mitteldeutsche Rundfunk 2019 von Steimle trennte und dessen Sendung “Steimles Welt” einstellte, blieb ihm sein Pu­bli­kum treu. Er startet nun am 1. September “Steimles neue Welt” auf seinem Youtube-Kanal. Dennoch macht auch er, der auf Marktplätzen in Ostdeutschland gern mal über Politiker als “Volksverräter” herzieht, sich Sorgen um die Meinungsfreiheit: “Sie ist die Hauptschlagader der Demokratie, und wird sie beschädigt, droht der Infarkt.” Das könne man durchaus aus seiner DDR-Erfahrung lernen. “Wir leben in einer vorrevolutionären Situation. Damit kenne ich mich aus”, sagt Steimle. “Und wir sollten dieses Mal dafür sorgen, dass keine revolutionäre Situation daraus wird.”

Reden statt canceln

Auch Harald Martenstein hat eine Vergangenheit, die ihn leitet. Weil er sie als radikale Verirrung ansieht. In den 1970er-Jahren war er einige Zeit Mitglied in der kommunistischen DKP. Heute bezeichnet er sich als Liberalen, der für Bürgerrechte eintritt. Und er hat eine Hoffnung: “Es muss uns doch allen um das Gemeinsame gehen, wir haben doch alle ein Interesse daran, dass uns dieser Laden nicht um die Ohren fliegt. Dafür müssen wir auch mit Rechten reden. Wir müssen Integrationsarbeit leisten, das hat mit den Post-68er-Linken doch auch gut funktioniert.”

Reden statt canceln. “Wenn Leute miteinander reden, dann entdämonisiert man die Positionen des anderen.”

Eckhart entlässt das Publikum mit einer Schunkelversion von “Bella ciao”, die ganze Freilichtbühne klatscht mit. Die Frau, die wie keine andere im deutschen Kabarett mit rechten Tabus kokettiert, entlässt ihre Zuschauer mit einem kommunistischen Partisanenlied.

Strunzdumm, wer es nicht kapiert?

Beim Hinausgehen unterhält sich ein anderes Dresdner Paar. Sie waren Fans von Lisa Eckhart, bis zu diesem Abend. Eckhart hat die beiden verloren. “Sie lebt seit drei Jahren in Sachsen, sie muss doch wissen, was sie in Dresden mit solchen Sprüchen auslöst”, klagen sie. “In ihren früheren Programmen hat sie der Gesellschaft den Spiegel vorgehalten. Das ist hier uns zu viel Fischen am rechten Rand.”

Die beiden haben an diesem Abend nicht wie sonst auf Facebook geschrieben, wo sie hingehen. Nicht, dass sie sich hinterher vor ihren linksliberalen Freunden verteidigen müssen für ihre Abendgestaltung.

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