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Expertenmeinung zum Erfurter Parteitag

Politologe bescheinigt der Linken einen „Neustart mit angezogener Handbremse“

Glückliche Gesichter nach der Wahl in Erfurt. Die neue Doppelspitze der Linken mit Janine Wissler und Martin Schirdewan steht vor schwierigen Aufgaben.

Glückliche Gesichter nach der Wahl in Erfurt. Die neue Doppelspitze der Linken mit Janine Wissler und Martin Schirdewan steht vor schwierigen Aufgaben.

Erfurt. Einen „Neustart mit angezogener Handbremse“ nennt der Politikwissenschaftler Hendrik Träger (40) von der Uni Leipzig den von der Linken versuchten Aufbruch auf ihrem Parteitag in Erfurt an diesem Wochenende.

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Mit Blick auf die Wiederwahl Janine Wisslers als Co-Parteivorsitzende sagte Träger, die Delegierten hätten den Parteivorstand nicht völlig abstrafen wollen. Das Wahlergebnis von 57,5 Prozent für Wissler sei allerdings ein „Schuss vor den Bug“, zumal sie sich lediglich gegen zwei Mitbewerberinnen durchsetzen musste, die viel weniger Bekanntheit als Wissler selbst besitzen.

Der Leipziger Politikwissenschaftler Hendrik Träger beobachtet die Linke seit Jahren.

Der Leipziger Politikwissenschaftler Hendrik Träger beobachtet die Linke seit Jahren.

Bei ihrer ersten Wahl zur Parteichefin im Februar 2021 hatte Wissler noch über 80 Prozent erhalten und ihr Co-Vorsitzender jetzt, der Europapolitiker Martin Schirdewan, holte auf dem Erfurter Parteitag als Newcomer über 62 Prozent. Er musste sich gegen sechs Mitbewerber durchsetzen, unter ihnen auch der Leipziger Bundestags­abgeordnete Sören Pellmann, der bei der Bundestagswahl 2021 eines von drei Direktmandaten für die Partei gewonnen hatte.

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Insofern sieht Träger für Schirdewan einen „deutlichen Vertrauensvorschuss“ der Delegierten. Wissler sei angezählt und habe eine zweite Chance erhalten. Für Schirdewan sei es die erste, was vielleicht auch ein strategischer Vorteil für ihn sein könnte.

Schirdewan könne vielleicht freier und unbefangener die Probleme der Partei angehen, weil er selbst bisher nicht Bestandteil des Problems war, nicht zur Berliner Politikblase gehörte und insofern völlig unbefangen agieren könne.

Das neue Duo steht vor schwierigen Aufgaben. Auf jeden Fall müsse es der neuen Doppelspitze gelingen, die Stimmung zu verbessern und Ruhe in die zerstrittene Partei zu bringen. Nach außen müsse der Eindruck vermieden werden, als würde jeder Prominente eine andere Meinung vertreten, sagte Träger.

Irgendwann fragen sich die Wähler, wie realistisch es eigentlich ist, dass die Linke das, was sie inhaltlich fordert, auch umsetzen kann.

Hendrik Träger,

Politikwissenschaftler

Eine wichtige Figur in diesem internen Klärungsprozess wird Sahra Wagenknecht sein, die nach Trägers Einschätzung „Fluch und Segen zugleich“ für die Partei ist. Sie sei einerseits ein Wahlkampfmagnet mit großer Medienpräsenz und einer Rhetorik, die auch außerhalb der Linken Sympathien erweckt.

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Andererseits könne man den Eindruck gewinnen, dass es Wagenknecht zuweilen mehr um sich selbst geht als um den Inhalt der Partei und dass sie gelegentlich „auf eigene Rechnung spielt“. Wissler und Schirdewan müssten versuchen, das Lager um Wagenknecht eher zu integrieren als auszugrenzen.

Wenig Einfluss auf Bundesebene

Mit Blick auf die bundesweite Parteienlandschaft meinte Träger, die Linke müsse sich neu erfinden, habe aber gar nicht mehr so viele Themen mit einem Alleinstellungs­merkmal. Die großen Zeiten mit den Forderungen nach einem Mindestlohn seien vorbei.

Problematisch sei auch, dass die Linke auf Bundesebene nicht wirklich eine Machtoption habe. Es sei ihr in den 15 Jahren ihrer Existenz nicht gelungen, zu vermitteln, dass sie tatsächlich regierungsfähig sei.

„Irgendwann fragen sich die Wähler, wie realistisch es eigentlich ist, dass die Linke das, was sie inhaltlich fordert, auch umsetzen kann“, sagte Träger.

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