Licht am Ende des Spielertunnels

  • Zum Start der Fußball-Europa­meisterschaft wagen die Europäer erstmals seit Monaten wieder eine gemeinsame Anstrengung, die nicht ausschließlich mit der Pandemie zu tun hat – und die Menschen endlich wieder jubeln lässt.
  • Auch die Staatschefs der G 7 lassen die Videoschalten hinter sich: Sie beraten an diesem Wochenende erstmals wieder in Präsenz über die Weltlage.
  • Und Annalena Baerbock soll heute auch offiziell die erste Kanzlerkandidatin der Grünen werden.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hätten Sie vor ein paar Monaten damit gerechnet, dass Sie mitten in dieser krisenhaften Zeit das Fußballfieber packen könnte? Ich zumindest kenne viele Menschen, die daran ihre berechtigten Zweifel hatten. Schließlich ist bis heute nicht klar, ob die Ausrichtung der Fußball-Europa­meisterschaft pandemiebedingt wirklich eine gute Idee ist. Gestern Abend aber haben sie dann doch eingeschaltet. Bei bestem Sommerwetter, draußen, manche sogar im Biergarten oder gemeinsam, mit weiteren Haushalten, wie es nun so lange hieß. Und es hat sich gelohnt. Die Leidenschaft eines Fußballturnieres ist durchaus in der Lage, die Sorgen und Nöte der letzten Monate für ein paar Stunden aus den Köpfen zu fegen. „Die Gewinner des Abends sind die Fans“, resümierte dann auch Bastian Schweinsteiger nach Abpfiff des Auftaktspiels. In Italien jedenfalls konnten die Fußballfreunde gestern Abend jubeln: Die italienische Nationalmannschaft legte beim 3:0-Sieg gegen die Türkei einen EM-Start nach Maß hin.

Eine Art Familientreffen

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Auch die Regierungschefs der G 7 wagten gestern einen Schritt in Richtung Normalität. Erstmals seit Ausbruch der Pandemie kamen sie wieder an einem Ort zusammen, anstatt sich per Video zusammenzuschalten. Erfahrungsgemäß bieten die Treffen der Staatenlenker meistens gute Bilder. In Erinnerung geblieben ist etwa das Motiv mit Barack Obama und Angela Merkel auf einer Bank auf einer Anhöhe bei Schloss Elmau, oder diese Szene von 2018, in der die Staatschefs den damaligen US-Präsidenten Donald Trump umringen, die Mienen ernst, aufgrund des aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgenommenen Motivs blieb unklar, wer zu diesem Zeitpunkt wem die Meinung sagte. Gestern wirkte die Begegnung am Strand von Carbis Bay in Cornwall wie ein entspanntes Familientreffen, fröhlich lächelnd reichen sich da etwa Angela Merkel und Großbritanniens First Lady Carrie Johnson die Ellenbogen zum Coronagruß. Und das übliche Gruppenbild, pandemiebedingt mit gebührendem Abstand, erinnert wegen der Ausgelassenheit und des Küstenwinds ein wenig an das berühmte Beatles-Cover „Help“.

Doch der Schein trügt. Rund um den Gipfel demonstrieren Globalisierungs­gegnerinnen und ‑gegner. Auf der Agenda stehen kontroverse Themen wie die „Normüberschreitung Russlands“, der Klimawandel, die Verteilung von Impfstoffen in der Welt. Ein Großteil der Gespräche dreht sich zudem um einen Staat, der gar nicht anwesend ist: China. US-Präsident Joe Biden will den erwachten Riesen durch ein weltweites Netzwerk freier Staaten in Schach halten. Deutschland fürchtet um Geschäfte, macht aber mit. „Biden glaubt, im Kampf gegen die Pandemie sollten Amerika und die freie Welt jetzt mal im globalen Maßstab vorführen, was sie alles draufhaben – und dass sie letztlich, allen Unkenrufen zum Trotz, Besseres zu bieten haben als die Diktatur des chinesischen Präsidenten“, schreibt RND-Chefautor Matthias Koch in seiner Analyse. „Die Deutschen ziehen mit, wenn auch wie immer mit Bedenken.“ Gegenwind aus China ist zu erwarten.

Wiedersehen nach dem Lockdown: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Großbritanniens First Lady Carrie Johnson. © Quelle: Phil Noble/Pool Reuters/AP/dpa

Die Grünen im Gegenwind

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Mit Turbulenzen müssen zurzeit auch die Grünen rechnen: Nicht nur die Partei hat nach einem außerordentlich guten Start in den Bundestags­wahlkampf mit sinkenden Umfragewerten zu kämpfen. Auch die Zustimmungswerte für Grünen-Chefin Annalena Baerbock, die heute offiziell zur ersten Kanzler­kandidatin in der Geschichte der Partei gewählt werden soll, sind längst nicht mehr so stabil wie noch vor einigen Wochen. Dazu haben Debatten um Baerbocks Angaben zu Gehalt und Mitgliedschaften ebenso beigetragen wie Co-Parteichef Robert Habecks Aussagen zu einer möglichen Bewaffnung der Ukraine. Noch dazu wird mit den Delegierten diskutiert, ob das ohnehin schon als anspruchsvoll geltende Wahlprogramm den ökologischen Ansprüchen der Partei genügt oder verschärft werden muss. Parteichef Habeck hat die kritischen Fragen in seiner gestrigen Rede elegant umschifft, wie RND-Hauptstadt­korrespondent Markus Decker beschreibt. Heute wird dann Baerbock sprechen. „Die 40-Jährige hat bereits kundgetan, dass sie keine 100 Prozent anstrebe“, schreibt Markus Decker aus dem RND-Hauptstadtbüro. „Die bekam 2017 SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Die Folgen sind bekannt.“

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Zitat des Tages

Nach langen Monaten des Lockdowns dürfen wir uns auf mehr Normalität freuen, das gilt auch für das Reisen.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hob gestern nach mehr als einem Jahr die coronabedingte Reisewarnung für mehr als 100 Länder zum 1. Juli auf.

Leseempfehlungen

Masken, Erbsen, Gold – was die Bundesregierung für den Notfall lagert: Zu Beginn der Corona-Pandemie fehlten Deutschland Masken und anderes medizinisches Material. Nun baut die Bundesregierung eine nationale Gesundheits­reserve auf. Diese reiht sich ein in eine Vielzahl anderer nationaler Vorräte, berichtet RND-Autor Jens Strube.

Ansturm auf digitalen Impfpass in Apotheken erwartet: Ab Montag dürfen Apotheken den digitalen Impfpass ausstellen, doch nicht alle machen sofort mit. Die Apothekerinnen und Apotheker warnen vor einem Ansturm und rüsten sich mit zusätzlichem Personal, berichtet RND-Redakteur Sven Christian Schulz. Die App „Cov Pass“ immerhin steht bereits zum Download bereit. RND-Autorin Kristina Aussauer erklärt in vier Schritten, wie der digitale Impfnachweis theoretisch funktioniert.

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Rettungsschwimmer erwarten viele Nichtschwimmer­kinder: Die Schwimmhallen waren im Winter geschlossen. Nun sorgen sich die Rettungsschwimmerinnen und ‑schwimmer an der Ostsee vor allem um die Kinder. Zwei Grundschul­jahrgänge konnten wegen der Lockdowns praktisch nicht schwimmen lernen. Auch den Erwachsenen fehle Schwimmpraxis, warnen die Fachleute. Wie die DRK-Wasserwacht und die DLRG die Strände an der Küste nun sicher machen wollen, berichtet die „Ostsee-Zeitung“.

Termine des Tages

  • Neue Kleider: Die Londoner Modemesse findet ab 2021 an drei Terminen im Jahr statt – „open to all genders and seasons“. Heute beginnt das Spektakel in der britischen Hauptstadt aufs Neue – und weiterhin online.
  • Unendliche Weiten: Die Raumfahrtfirma Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos will heute im US-amerikanischen Kent einen Sitz in einer Astronauten­kapsel versteigern. Mit der Kapsel will die Firma im Juli erstmals Touristinnen und Touristen zu einem Kurztrip ins All bringen.

Wer heute wichtig wird

Für die Briten ist die alljährliche Parade zu Ehren des Geburtstages von Queen Elizabeth II. ein fester Termin im Frühsommer. Doch heute fällt die Parade Trooping the Colour pandemiebedingt bereits zum zweiten Mal in Folge aus. Stattdessen gibt es auf Schloss Windsor eine kleine Militärparade für die Queen. Viel los in Großbritannien ist an diesem Wochenende dennoch: Anlässlich des G‑7-Gipfels wird die Queen am Sonntag US-Präsident Joe Biden und seine Ehefrau Jill Biden zum Tee empfangen. © Quelle: Pete Summers/PA Wire/dpa

Der Podcast des Tages

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Geyer & Niesmann überlegen in ihrem politischen Wochendurchblick mit Jana Hensel („Zeit im Osten“, „Zonenkinder“), warum die Bundespolitik aus Wahlen wie in Sachsen-Anhalt immer die falschen Lehren zieht, ob Annalena Baerbocks Stern nach der Schlappe im Osten bereits verglüht ist, wie viel Wahlkampf im Maskenskandal um Jens Spahn steckt – und warum auch die Ossis bereit für den Abschied von der ostdeutschen Kanzlerin Merkel sind.

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Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihre Dany Schrader

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