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Explosion im Beiruter Hafen: Richter trotzt Widerstand der Mächtigen

Eine Aktivistin, die die Ermittlungen von Richter Tarek Bitar unterstützt, hängt ein Porträt des ehemaligen libanesischen Finanzministers Ali Hassan Khalil auf, der im Zusammenhang mit der Explosion im Beiruter Hafen im Jahr 2021 befragt werden sollte.

Beirut. Seit acht Monaten hat Richter Tarek Bitar still untersucht, wer für eine der schlimmsten nichtatomaren Explosionen in der Geschichte verantwortlich ist - mit nur vier Assistenten an seiner Seite und einer Reihe mächtiger Gegenspieler, die ihn stoppen wollen. In dieser Zeit ist Bitar zu einem vertrauten Namen im Libanon geworden.

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Für viele Menschen im Land sind seine Ermittlungen im Fall der verheerenden Explosion im Beiruter Hafen vor mehr als einem Jahr die einzige Hoffnung, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt und die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber für die tief verwurzelte politische Klasse im Land ist der enigmatische 47-Jährige zu einem Alptraum geworden.

Politiker haben sich - was sonst selten vorkommt - zusammengeschlossen, um seine Absetzung zu erreichen. Offenbar halten sie ihn für eine viel größere Bedrohung als den Zusammenbruch der Wirtschaft im Land, die leeren staatlichen Kassen, wachsende Arbeitslosigkeit, die Armut und den öffentlichen Zorn.

Haftbefehl gegen zwei Minister

Bitar ist nicht davor zurückgeschreckt, ein Dutzend hochrangige frühere und gegenwärtige Regierungsbeamte vorzuladen, manche von ihnen unter dem Vorwurf krimineller Fahrlässigkeit und Tötung. Er hat Haftbefehle gegen zwei ehemalige Minister erlassen, die sich weigerten, vor ihm zu erscheinen.

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Am 4. August 2020 waren im Hafen Hunderte Tonnen Ammoniumnitrat explodiert, die dort seit Jahren unsicher lagerten - anscheinend mit Wissen ranghoher Politiker und Sicherheitsbeamter, die nichts dagegen unternahmen. Mehr als 215 Menschen wurden getötet, 6000 verletzt und Teile der Stadt zerstört. Fast alles andere ist auch über ein Jahr nach der Einleitung gerichtlicher Untersuchungen weiter unbekannt - sei es, wer die Lagerung der Chemikalien im Hafen anordnete oder warum Regierungsbeamte wiederholte Warnungen vor den Gefahren ignorierten.

Aber der eher zurückhaltende Bitar - es gibt nur ein paar öffentliche Bilder von ihm - hat das Vertrauen vieler Libanesen gewonnen, auch Angehörige der Opfer halten viel von ihm. „Wir haben großes Vertrauen, zu 90 Prozent, dass Richter Bitar uns zur Gerechtigkeit führt“, sagt George Besdschian, dessen Tochter Jessica, eine Krankenschwester, bei der Explosion ums Leben gekommen ist.

Besdschian und andere, die Bitar getroffen haben, beschreiben ihn als einen besonnenen und zugleich mutigen Mann, der leise und ruhig spricht, sich auf keine politischen Verbindungen und Vetternwirtschaft eingelassen hat und mit Professionalität sowie Hartnäckigkeit vorgeht.

Unlängst gab es an einem Tag im Büro des Richters keinen Strom. Er teilte sich mit zwei Mitarbeitern in dem schwülen Raum einen Computerbildschirm, wie ein seinerzeit anwesender Rechtsexperte schildert. „Es ist ziemlich schockierend, wenn du in sein Büro kommst und es einen Computermonitor gibt und zwei Leute, die ihm helfen...während er versucht, das größte Verbrechen in der modernen Geschichte des Libanons aufzuklären“, sagt der Experte, der anonym bleiben wollte.

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Ermittlungen werden behindert

Bitar ist der zweite Richter, der mit der Leitung der Ermittlungen betraut wurde. Seit er die Aufgabe im vergangenen Februar übernahm, wurden ihm immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen. Zuerst versteckten sich verdächtigte Offizielle unter dem Mantel parlamentarischer oder beruflicher Immunität. Sie beschuldigten Bitar, sich bestimmte Leute herauszupicken und nicht andere. Dann verklagten sie ihn, versuchten ihn zu diskreditieren, sagten, er sei voreingenommen und mit ausländischen Mächten verbündet.

Im Oktober kam dann schließlich der Ruf, Bitar zu feuern, vom Chef der militanten Hisbollah, Hassan Nasrallah - wohl der mächtigste Mann im Land. Eine Anti-Bitar-Demonstration von Hisbollah-Gefolgsleuten und der verbündeten Schiiten-Gruppe Amal, angeführt von Parlamentspräsident Nabih Berri, artete in die schlimmste Gewalt aus, die Beirut seit Jahren erlebt hat. Sieben Menschen wurden getötet, und es folgten Anschuldigungen, dass Bitar eine Bedrohung für den sozialen Frieden sei.

„Der Untersuchungsrichter Bitar ist ein wirkliches Problem im Libanon geworden. Seinetwegen hatten wir fast einen größeren Konflikt“, sagte Hisbollah-Vizechef Naim Kassim am Samstag - der bislang deutlichste Versuch, Bitar mit inneren Unruhen in Verbindung zu bringen. Er habe niemals zuvor eine derartige Konfrontation zwischen der politischen Klasse und der Justiz erlebt, sagt Hatem Mati, ein langjähriger Richter und Strafverfolger.

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Die neue Regierung von Ministerpräsident Nadschib Mikati ist bereits in der Frage festgefahren, wie sie auf die Rufe nach Bitars Ablösung reagieren soll. Der Richter selbst hat nicht nachgegeben, neue Vorladungen an ranghohe Offizielle verschickt. Er hat jetzt Leibwächter zu seinem Schutz.

Bitar wurde zweimal um Ermittlungen gebeten

Bitar stammt aus einer säkularen katholischen Familie im nördlichen Libanon, wurde 1974 geboren. Er studierte an der Libanesischen Universität in Beirut Jura, erwarb an einer Rechtsakademie seinen Richtertitel und arbeitete von 2012 bis 2017 im nördlichen Libanon als Staatsanwalt. Danach wurde er zum Leiter des Kriminalgerichts Beirut berufen.

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Kurz nach der Explosion im Hafen trug man ihm zum ersten Mal den Job des Ermittlungsrichters in dem Fall an, aber Bitar stellte bestimmte Forderungen wie ein größeres Team, und die Sache versandete. Im vergangenen Februar wurde er erneut angesprochen, nachdem der erste berufene Untersuchungsrichter nach rechtlichen Anfechtungen durch Politiker abgesetzt worden war. Diesmal stimmte Bitar zu.

Angehörige von Opfern der Explosion bescheinigen ihm großes Verständnis für ihr Streben nach Gerechtigkeit. Ein Mann berichtet, Bitar habe ihm gesagt, dass er an den Fall so herangehe, als sei seine eigene Tochter ums Leben gekommen.

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RND/AP

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