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Die Kriegsverbrechen von Butscha

Putins Truppen hinterlassen nur den Tod

Zwei ukrainische Soldaten gehen auf einer Straße, die übersät ist mit zerstörten russischen Militärfahrzeugen. In der ukrainischen Stadt Butscha, 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kiew, bietet sich nach dem Rückzug der russischen Armee ein Bild des Grauens.

Zwei ukrainische Soldaten gehen auf einer Straße, die übersät ist mit zerstörten russischen Militärfahrzeugen. In der ukrainischen Stadt Butscha, 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kiew, bietet sich nach dem Rückzug der russischen Armee ein Bild des Grauens.

Butscha. Dieses Wort, dieser Ort hat schon jetzt in der Geschichte des russischen Angriffskrieges gegen die Ukra­i­ne eine besondere Bedeutung. Es sind entsetzliche Bilder, die am Wochenende die Welt aus dem Kiewer Vorort erreichen. Es sind grausame Bilder von getöteten, teilweise gefesselten Menschen. Leichen sind zu sehen, immer wieder Leichen. Manche sind immerhin bedeckt, oft genug aber scheint es so gewesen zu sein, dass die Menschen getötet und einfach so liegen gelassen wurden.

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Nach ukra­i­ni­schen Angaben lagen Dutzende Tote auf den Straßen. In einem Massengrab wurden demnach etwa 280 Todesopfer bestattet, die während der Angriffe nicht beigesetzt werden konnten. Es sind offenbar Bilder eines, wie Außenministerin Annalena Baerbock es unmissverständlich ausdrückte, Kriegsverbrechens.

Schwarze Leichensäcke liegen in einem Massengrab. In der ukrainischen Stadt Butscha, 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kiew, bietet sich nach dem Rückzug der russischen Armee ein Bild des Grauens.

Schwarze Leichensäcke liegen in einem Massengrab. In der ukrainischen Stadt Butscha, 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kiew, bietet sich nach dem Rückzug der russischen Armee ein Bild des Grauens.

Butscha liegt etwa 25 Kilometer nordwestlich von Kiew und gehört zum Großraum der ukrainischen Hauptstadt. Die 27.000 Einwohner zählende Stadt war während der vergangenen Wochen stark umkämpft und zeitweise durch russische Truppen besetzt. Erst kurz vor Bekanntwerden des Massakers hatte die Ukraine verlautbaren lassen, im Gebiet um die Hauptstadt Kiew mehr als 30 Dörfer zurückerobert zu haben. Die Behörden im Nordosten des Landes berichten außerdem, dass sich russische Soldaten ins eigene Land zurückzögen. Der britische Geheimdienst bestätigt das.

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Die russische Militärführung hatte vor einigen Tagen selbst erklärt, ihre Angriffe auf den Osten und Süden der Ukra­i­ne konzentrieren zu wollen. Anderswo sieht man nun, was in den vergangenen fünf Wochen offenbar passiert ist.

„Die Hölle des 21. Jahrhunderts“

Ein Video, das aus einem Auto heraus gefilmt wurde, zeigt zahlreiche Leichen auf den Straßen. Fotos zeugen ebenfalls davon. Mychajlo Podoljak, ein Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj, verbreitet auf Twitter Bilder von erschossenen Männern. „Die Hölle des 21. Jahrhunderts“, schreibt Podoljak dazu.

Es können zwar nicht alle Details von unabhängigen Stimmen bestätigt werden, doch mehrere übereinstimmende Berichte lassen die Schlussfolgerung zu, dass in Butscha zahlreiche Zivilisten getötet wurden. Ein Reporter des „Spiegels“ berichtet aus der Stadt, dass am Sonntagmittag Leichen noch auf den Straßen lagen. Bei den meisten seien Schusswunden am Kopf erkennbar gewesen.

Russland dementiert die Anschuldigungen aus der Ukra­i­ne. Auf Telegram schreibt das russische Verteidigungsministerium: „Es sieht aus wie eine geplante Medienkampagne.“ Die Bilder seien eine Fälschung. Auf einem Video würde man sehen, wie eine Leiche ihre Hand bewege, schrieb das russische Verteidigungsministerium.

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Die russische Opposition hingegen sieht die Verantwortung bei Präsident Wladimir Putin. Was in Bu­tscha geschehen sei, habe nichts mit Krieg zu tun, sagte die Sprecherin des inhaftierten Kremlgegners Alexej Nawalny, Kira Jarmysch. „Krieg bedeutet einen mehr oder weniger gleichberechtigten Kampf zwischen beiden Seiten – das aber ist Völkermord.“

Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wirft der russischen Armee in der Ukra­i­ne Kriegsverbrechen wie Hinrichtungen und Plünderungen vor. In einem Bericht, der am Sonntag in Warschau veröffentlicht wurde, werden Fälle in der Umgebung der Städte Kiew, Charkiw und Tschernihiw genannt. Grundlage dafür ist nach Angaben der Menschenrechtler die Befragung von zehn Augenzeugen, Opfern und Bewohnern.

Entsetzen und Empörung

Die Berichte aus Butscha lösten in der Ukraine und in vielen anderen Ländern Entsetzen und Empörung aus. Der ukrainische Präsidentenberater Podoljak spricht sogar von einem „Srebrenica des 21. Jahrhunderts“. Das Massaker im bosnischen Srebrenica im Jahr 1995 an 8000 Bosniaken – muslimischen Bosniern – gilt als schlimmstes Kriegsverbrechen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa.

„Das, was in Butscha und anderen Vororten von Kiew passiert ist, kann man nur als Völkermord bezeichnen“, sagte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko der „Bild“.

Ukrainische Soldaten befestigen ein Kabel an der Leiche eines Zivilisten, während sie in dem ehemals russisch besetzten Kiewer Vorort Butscha nach Sprengfallen suchen.

Ukrainische Soldaten befestigen ein Kabel an der Leiche eines Zivilisten, während sie in dem ehemals russisch besetzten Kiewer Vorort Butscha nach Sprengfallen suchen.

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Der ukra­i­ni­sche Außenminister Dmy­tro Kuleba forderte am Sonntag härtere Sanktionen der G7-Staaten gegen Russland. „Das Massaker von Butscha war vorsätzlich. Die Russen zielen darauf ab, so viele Ukra­i­ner wie möglich auszulöschen“, schrieb Kuleba am Sonntag auf Twitter. Dem britischen Sender Times Radio sagte er, es habe sich bei den Getöteten weder um Guerillakämpfer noch um Menschen gehandelt, die den Russen Widerstand geleistet hätten. Sie seien aus Ärger und reiner Mordlust getötet worden.

Von den sieben führenden demokratischen Wirtschaftsmächten forderte Kuleba ein Öl-, Gas- und Kohleembargo gegen Russland, einen Ausschluss aller russischen Banken aus dem Banken-Kommunikationsnetzwerk Swift sowie eine Schließung aller Häfen für russische Schiffe und Waren.

EU will Sanktionen verschärfen

Auch Wirtschaftsminister Robert Ha­beck (Grüne) verlangt härtere Sanktionen gegen Russland. „Dieses furchtbare Kriegsverbrechen kann nicht unbeantwortet bleiben“, sagte der Vizekanzler der „Bild“. Innerhalb der EU werde eine Verschärfung der Sanktionen vorbereitet. Die Europäer haben seit Beginn des Kriegs am 24. Februar bereits umfangreiche Strafen gegen Russland verhängt.

Bundesfinanzminister Christian Lindner kündigte weitere Gespräche zu Sanktionen am Montag an. Auf Twitter schrieb der FDP-Politiker: „Gemeinsam mit unseren Partnern werden wir ab morgen beraten, wie die Sanktionen gegen Putin weiter verschärft werden können.“

Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zeigte sich am Sonntagnachmittag entsetzt „über Berichte über unsagbare Schrecken in Gebieten, aus denen sich Russland zurückzieht“. Eine unabhängige Untersuchung sei dringend erforderlich. „Die Täter von Kriegsverbrechen werden zur Rechenschaft gezogen“, betonte die EU-Politikerin.

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EU-Ratspräsident Charles Michel kündigte an, die EU werde beim Sammeln von Beweisen helfen, um die Verantwortlichen vor internationale Gerichte stellen zu können. Die britische Außenministerin Liz Truss sagte, Großbritannien werde „nicht eher ruhen“, bis die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen seien. Das schließe russische Kommandeure und Personen innerhalb der russischen Regierung mit ein, betonte sie.

Bundeskanzler Olaf Scholz schrieb in einer Stellungnahme: „Furchtbare und grauenerregende Aufnahmen haben uns an diesem Wochenende aus der Ukra­i­ne erreicht.“ Und er ergänzte: „Diese Verbrechen des russischen Militärs müssen wir schonungslos aufklären. Ich verlange, dass internationale Organisationen wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz Zugang erhalten zu diesen Gebieten, um die Gräueltaten unabhängig zu dokumentieren. Die Täter und ihre Auftraggeber müssen konsequent zur Rechenschaft gezogen werden.“

Außenministerin Annalena Baer­bock schrieb auf Twitter: „Die Bilder aus Butscha sind unerträglich. Putins hemmungslose Gewalt löscht unschuldige Familien aus und kennt keine Grenzen. Die Verantwortlichen für diese Kriegsverbrechen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Auch die Grünen-Politikerin kündigte Reaktionen an: „Wir werden die Sanktionen gegen Russland verschärfen und die Ukra­i­ne noch stärker bei ihrer Verteidigung unterstützen“

Luftangriff auf Odessa

Das Kriegsgeschehen ging auch in anderen Teilen der Ukraine weiter. Die russischen Truppen konzentrieren ihre Angriffe inzwischen auf den Osten und Süden des Landes – vermutlich mit dem Ziel, die dort besetzten Gebiete auszuweiten. Ziel eines Luftangriffs war auch die Millionenstadt Odessa. Wie der Stadtrat mitteilte, kam es daraufhin zu Bränden. Auf Fotos war Rauch über der Stadt zu sehen. Aus dem Verteidigungsministerium in Moskau hieß es, von Schiffen und Flugzeugen aus seien eine Ölraffinerie und drei Treibstofflager bei Odessa beschossen worden.

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Nach ukra­i­ni­schen Militärangaben gingen die Kämpfe auch im Osten weiter. Der Beschuss von Städten im Gebiet Luhansk dauere an. Es gebe Kämpfe bei Popasna und Rubischne. Nach russischen Angaben wurden in der Nacht zum Sonntag in der Ukra­i­ne insgesamt 51 Militäreinrichtungen getroffen, darunter vier Kommandoposten und zwei Raketenabwehrsysteme. Auch diese Angaben ließen sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen.

Der ukra­i­ni­sche Chefunterhändler bei den Verhandlungen mit Moskau, David Arachamija, sprach unterdessen im Staatsfernsehen von positiven Signalen. Auch ein baldiges Treffen der Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Putin in der Türkei sei möglich. Hingegen dämpfte Russland diese Erwartungen. Es gebe noch viel zu tun, sagte Verhandlungsführer Wladimir Medinski. Der ukrainische Präsidentenberater Olexij Arestowytsch rechnet mit einem Ende des Kriegs in „zwei bis drei Wochen“. Es hänge nun alles vom Ausgang der Kämpfe im Südosten des Landes ab.

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