Lehrermangel an Grundschulen verschärft sich

  • Schon heute fehlen in vielen Fällen Lehrer für die Grundschulen.
  • Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Die künftige Entwicklung wird voraussichtlich dramatischer sein, als bislang angenommen.
  • Bis 2025 fehlen demnach fast 11.000 Grundschullehrer mehr als bisher von der Kultusministerkonferenz prognostiziert.
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Berlin. In den Grundschulen zeichnet sich für die kommenden Jahre ein Lehrermangel ab, der noch einmal dramatischer ist als bislang vorhergesagt. Das ist das Ergebnis einer Studie, die von Klaus Klemm und Dirk Zorn für die Bertelsmann-Stiftung erstellt worden ist. Die beiden Bildungsforscher warnen: Im Jahr 2023 fehlten mehr als 26.000 Absolventen für das Grundschullehramt. Damit sei die Lücke um fast 11.000 Lehrer größer als bislang von der Kultusministerkonferenz angenommen.

Wie kommen die Wissenschaftler zu diesem Ergebnis? Klemm und Zorn haben die Daten aus der Lehrerbedarfsprognose der Kultusministerkonferenz vom Oktober 2018 mit einer Vorausberechnung der Bevölkerungszahlen durch das Statistische Bundesamt aus dem Juni 2019 verglichen.

Die Schülerzahl fällt höher aus als geplant

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Ihre Erkenntnis: Die Kultusminister sind in ihrer Prognose davon ausgegangen, dass die Zahl der Schüler in der Grundschule im Jahr 2025 bei 3,064 Millionen liegen würde. In einer Schülerzahlenprognose auf Basis der Schätzungen des Statistischen Bundesamts kommen die Forscher nun zum Ergebnis, dass die Zahl der Grundschulkinder in dem Jahr rund 3,232 Millionen betragen dürfte – das sind rund 168.000 Schüler mehr als geplant. Gibt es mehr Schüler, werden natürlich zusätzliche Lehrer gebraucht.

Auch 2030 werden nach den Berechnungen der Forscher die Schülerzahlen absehbar höher liegen als von der Kultusministerkonferenz erwartet: Statt den von ihr geschätzten 3,019 Millionen muss dann im Primarbereich mit 3,181 Millionen Schulkindern gerechnet werden.

Die Unwägbarkeiten der Prognosen

Lehrermangel in bestimmten Schulformen ist zum Problem geworden, weil sich die Politik bereits in der Vergangenheit verschätzt hat, was die Geburtenzahlen angeht. Hinzu kommt, dass auch die starke Flüchtlingsmigration in den Jahren 2015 und 2016 natürlich nicht eingeplant war. Es ist aber auch grundsätzlich nicht ganz einfach, die Bevölkerungsentwicklung und damit auch die Schülerzahlen präzise vorherzusagen.

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Auch die Zahlen, die Klemm und Zorn nennen, müssen so nicht eintreffen. Denn erstens hat auch das Statistische Bundesamt verschiedene Modellrechnungen für die Bevölkerungsentwicklung vorgelegt. Die Bildungsforscher streichen allerdings heraus, dass sie sich für eine Variante entschieden haben, die eher moderate Annahmen zur Entwicklung von Geburtenrate und Migration mache. Zweitens gilt: Prognosen – und seien sie noch so gut gemacht – sind nun einmal zunächst nur Prognosen.

Klar ist zugleich: Wenn die Politik mit dem Ausbau des Ganztags an den Grundschulen ernst macht, werden dort noch mehr Lehrer gebraucht. Und: Wer Lerngruppen verkleinern oder die Betreuung verbessern wollte, müsste darüber hinaus weitere Anstrengungen unternehmen.

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Die Frage nach den Quereinsteigern

Eine Strategie für die Bewältigung des Lehrermangels an Grundschulen ist der Einsatz von Lehrkräften, die eigentlich für andere Schulformen ausgebildet sind. Ein Mittel gegen generellen Lehrermangel ist auch die Einstellung von Quereinsteigern. Lehrergewerkschaften sehen das kritisch und fordern Mindeststandards. Crash-Kurse in Pädagogik seien nicht genug, wenn es darum gehe, dauerhaft als Lehrer im Klassenzimmer zu stehen.

„Der Lehrermangel an zahlreichen Grundschulen ist vorrangig ein hausgemachter Fehler der Kultusminister, weil zu spät mit massiver Lehrerwerbung auf den Geburtenanstieg reagiert wurde“, hatte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, kürzlich dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) gesagt. Er warnte aber auch davor, in einer Überreaktion zu stark über Bedarf auszubilden. „Denn viele der Stellen, für die Lehramtsstudenten nach dem Ende ihrer Ausbildung in Frage kommen, werden dann schon an Seiteneinsteiger gegangen sein“, sagte er. „Die Politik ist leider häufig zu spät dran – und produziert damit das nächste Problem.“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte mit Blick auf die Bertelsmann-Studie, Zulassungsbeschränkungen durch Numerus clausus (NC) für das Lehramt an Grundschulen abzuschaffen. Zugleich müsse die Zahl der Studien- und Lehramtsanwärterplätze deutlich ausgebaut werden. „Es ist eine Schande, dass junge Menschen, die sich für den wichtigen Beruf der Grundschullehrerin oder des Grundschullehrers entschieden haben, keinen Studienplatz bekommen“, sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe.

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