Lauterbach bei Maischberger: Werden keine Herdenimmunität mehr erreichen

  • Der Corona-Herbst steht kurz bevor und die Beschlüsse des Bund-Länder-Treffens sorgen für Furore.
  • Über das weitere Vorgehen in der Pandemie diskutierte Sandra Maischberger in ihrer Talkrunde am Mittwochabend mit ihren Gästen.
  • Geladen waren unter anderem SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, FDP-Chef Christian Lindner sowie die Co-Vorsitzende der Linken, Janine Wissler.
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Nachdem am Dienstag die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder gemeinsam mit dem Bund Beschlüsse für den Corona-Herbst gefasst haben, wurden diese am Mittwochabend bei Sandra Maischberger in ihrer Sendung “maischberger. die woche” diskutiert. Die konkreten Pläne nach dem Bund-Länder-Treffen: Corona-Schnelltests werden ab Oktober wieder kostenpflichtig, für Aktivitäten in Innenräume gilt das 3-G-Prinzip und neben der Sieben-Tage-Inzidenz sollen weitere Parameter zur Bewertung des Pandemiegeschehens herangezogen werden.

Auf die Frage, ob weiterhin auf die Inzidenz geschaut werden sollte, sagt SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach in der Talk-Sendung: „Ja, die Inzidenz ist weiterhin der wichtigste Wert.” Vor dem Hintergrund der Ausbreitung der Delta-Variante warnt er: „Die Delta-Variante ist sehr aggressiv: Im Vergleich zur Alpha-Variante atmen Infizierte bei der Delta-Variante das Tausendfache an Viren aus.” Allen, die noch auf eine Herdenimmunität hoffen, nimmt der Gesundheitsexperte den Wind aus den Segeln: „Die Delta-Variante ist so ansteckend, dass wir realistischerweise gar keine Herdenimmunität mehr erreichen werden”, so der Epidemiologe.

Lauterbach: Alle Ungeimpften werden sich anstecken

Die Corona-Schutzimpfungen sorgen in der Talk-Runde ebenfalls für Kontroversen. Lauterbach sagt, dass es in anderthalb Jahren nur noch zwei Gruppen von Menschen geben werde: Geimpfte und Genesene. Aber: „Derjenige, der geimpft ist und sich trotzdem angesteckt hat, ist genauso ansteckend wie ein Ungeimpfter.”

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Dennoch meint der SPD-Gesundheitsexperte: „Die Ungeimpften werden sich in den nächsten anderthalb Jahren - einschließlich unserer Kinder – alle anstecken.” Mit Blick auf die Partys mit Getesteten, Geimpften und Genesenen erklärt der SPD-Gesundheitspolitiker: „Als doppelt Geimpfter würde ich es knapp riskieren, wenn ich nicht gefilmt werden würde.“

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Kritik an Lauterbach: SPD-Abgeordneter rechtfertigt sich

Zuletzt stand Lauterbach mehrfach in der Kritik, weil seine Pandemievorhersagen nicht eingetroffen sind. Er hatte zum Beispiel erklärt, dass Schnelltests zu unzuverlässig seien. Nun rudert er zurück und rechtfertigte sich dafür: „Jetzt ist die Studienlage besser”, sagt Lauterbach und verweist darauf, dass die Debatte in der Wissenschaft noch im Fluss gewesen sei.

„Wie oft passieren Ihnen Fehleinschätzungen, Herr Lauterbach?“, will Moderatorin Maischberger wissen. Der SPD-Politiker meint: „Statistisch gesehen passiert das nicht oft, sehr selten würde ich sagen”. Auch den Vorwurf, er würde manchmal zu schnell Warnungen bei Twitter veröffentlichen, weist Lauterbach zurück: „Ich überlege mir genau, was ich twittere.”

Auch die Beschlüsse des Bund-Länder-Treffens sorgen für eine lebhafte Diskussion. Kristina Dunz, stellvertretende Leiterin des RND-Hauptstadtbüros, bewertet die Beschlüsse als „eindeutigen Warnschuss gegen Impfverweigerer.” TV-Moderator Cherno Jobatey ist sich angesichts der zurückhaltenden Politikerinnen und Politiker sicher: „Nach der Wahl wird es zur Sache gehen.” Der stellvertretende Chefredakteur der „Bild”, Paul Ronzheimer, hingegen sieht die Beschlüsse kritisch: „Es ist ein Problem, wie mit dem Bürger umgegangen wird. Der mahnende Zeigefinger reicht nicht.” In die Runde fragt er: „Warum stimmen wir nicht im Bundestag über eine Impfpflicht ab?”

Lindner und Wissler über bezahlbares Wohnen und Enteignungen von Immobilienkonzernen

In der zweiten Hälfte des Maischberger-Talks ging es um bezahlbares Wohnen und die Debatte um Enteignungen von Immobiliengesellschaften, wie sie in Berlin geführt wird. Dort gibt es im September einen Volksentscheid über eine mögliche Vergesellschaftung der Wohnungen großer Immobilienkonzerne. Zwischen der Co-Vorsitzenden der Linken, Janine Wissler, und dem FDP-Chef Christian Lindner kommt es zur Diskussion: „Wer enteignet hier wen?”, fragt Wissler und fügt hinzu: „Das sind Immobilienkonzerne, die tagtäglich ihre Mieter enteignen, indem die Mieten immer weiter steigen. Jeder durchschnittliche Mieter von Vonovia zahlt im Jahr 2000 Euro an die Aktionäre von Vonovia”, so die Politikerin.

Wissler meint weiterhin: „Gesellschaftlicher Reichtum muss besser verteilt werden. Die Menschen werden durch hohe Mieten aus den Innenstädten verdrängt, müssen weit rausziehen und länger pendeln. Wir brauchen einen Mietendeckel und große Immobiliengesellschaften müssen in die öffentliche Hand kommen.”

Christian Lindner hingegen will das Problem der hohen Mieten durch Bauen lösen. „Wir müssen mehr Wohnraum schaffen, wo mehr Wohnraum nachgefragt wird. Das kann schnell gehen, durch schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, Ausbau von Dachgeschossen, man kann von Bauträgern verlangen, dass eine bestimmte Quote zu günstigen Preisen angeboten werden”, so der FDP-Vorsitzende.

Janine Wissler entgegnet daraufhin: „Das Problem ist, dass Wohnen zum Spekulationsobjekt geworden ist. Wohnungen sind ein Zuhause und kein Renditeobjekt.”

Lindner betont, dass es aufgrund umfassender Mieterrechte in Deutschland keinen freien Markt gebe, „und das ist auch richtig so“, fügt er hinzu. Dann kritisiert er: Wissler wolle Leerstände verhindern und vergesellschaften. „Aber am Ende bedeutet das, dass Sachbearbeiter in Behörden Wohnraum zuteilen werden.“ Das sei nicht der richtige Weg“, findet Lindner.

RND/scs/sic

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