„Hier feiert Manu“: Die SPD hat einen neuen Star

  • Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern macht vor, wie man auch in unübersichtlichen Zeiten Wahlen klar gewinnen kann.
  • Es geht um Verlässlichkeit, um Stetigkeit, um ein stabiles Bündnis mit der Mitte im Land.
  • Zum Erfolgsrezept der 47-jährigen Sozialdemokratin gehört eine erstaunliche Offenheit für einige Positionen der Union – und vor allem für ihre früheren Wähler.
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Schwerin. Die mit Abstand fröhlichste Wahlparty der Republik stieg am Sonntagabend im Brinkama‘s, einem italienischen Restaurant im Zentrum Schwerins. Gläser klangen, Gelächter erfüllte den Garten. Draußen parkte der schwere schwarze Audi der Regierungschefin.

Eingeladen hatte Manuela Schwesig, SPD-Chefin und Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. Zwischen Oleander und Zitronenbäumen servierte sie ihren Gästen etwas auch bundesweit Besonderes: das glänzendste, klarste, beeindruckendste Wahlergebnis dieses Sonntags.

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Etwas Großes in Deutschlands kleinster Landeshauptstadt

„Was ist denn hier los?“, wollten Passanten wissen, die draußen vorbeikamen. „Hier feiert Manu“, wussten andere.

Tatsächlich hatte sich in Deutschlands kleinster Landeshauptstadt gerade etwas Großes ereignet. Schwesig ist es an diesem Sonntag gelungen, die politischen Gewichte zu ihren Gunsten zu verschieben – mit Wirkungen weit über den Tag und weit über ihr Bundesland hinaus.

„Das ist ein wunderbarer Abend für unser Land“, verkündete Schwesig vor applaudierenden Gästen. Aber jedem war klar: Es ist nicht zuletzt ein wunderbarer Abend für Schwesig selbst.

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Die SPD hat jetzt, jenseits von Berlin, einen neuen Star. Drei Faktoren geben Schwesigs Sieg auch bundesweit Bedeutung.

"Stabiles Bündnis mit der Mitte im Land": Manuela Schwesig bei einer der letzten Wahlkampfveranstaltungen der SPD, in Warnemünde. © Quelle: imago images/BildFunkMV
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  • Die „Frau für MV“ hat mit 39,6 Prozent ein spektakuläres Ergebnis erzielt, wie es die SPD in Flächenländern sonst nirgendwo erreicht. Vergleichbare Zahlen boten nur Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz (36,2) und Stephan Weil in Niedersachsen (36,9).
  • Schwesig hat sich ihren Sieg langfristig erarbeitet, sie musste nicht auf irgendeine Ungeschicklichkeit des Gegners in der letzten Minute hoffen. In Mecklenburg-Vorpommern blickt die SPD auf eine langsam, aber stetig gewachsene Sympathiekurve ihrer Spitzenfrau – ganz anders als die oszillierenden Werte von Olaf Scholz in Berlin. Demoskopen sehen bei Schwesig ein stabiles „Bündnis mit der Mitte im Land“. Hinzu kommt, dass viele sie auch wegen ihres offenen Umgangs mit einer Krebserkrankung ins Herz schlossen.
  • Mit ihren jetzt 47 Jahren gehört Schwesig auch nach Ablauf einer weiteren Legislaturperiode zu den Zukunftshoffnungen ihrer Partei.

„Keiner von den Schwarzen wurde ihr gefährlich“

„Schwesig hat vieles richtig gemacht – und dann hatte sie auch noch Glück“, sagte ein Beobachter am Sonntagabend im Brinkama‘s zwischen Rotwein und Antipasti.

Richtig ist: Im Jahr 2020 hatte sich einer der wohl begabtesten CDU-Leute im Land, der Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor (28), selbst weggeschossen, als er sich in eine anrüchige Nebentätigkeit als Lobbyist für das US-Startup Augustus Intelligence verstieg.

Glücklos in Schwerin: CDU-Spitzenkandidat Michael Sack kann immerhin noch darauf hoffen, von der Ministerpräsidentin erneut als Koalitionspartner in Betracht gezogen zu werden. © Quelle: Stefan Sauer/dpa

Die CDU stellte für die Landtagswahl als Spitzenkandidat Michael Sack (48) auf, den Landrat von Vorpommern-Greifswald – einen Mann, gegen den nichts vorliegt, der aber bis zuletzt Mühe hatte, sich überhaupt bekannt zu machen.

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Leute aus dem Schwesig-Camp kontern: Keiner von den Schwarzen hätte Schwesig gefährlich werden können. Tatsächlich hat Schwesig ihre ganz eigene Methode im Umgang mit der CDU: Sie macht sie überflüssig.

Eine Wirtschaftspolitik, die sich knallhart an Jobs ausrichtet, hat auch Schwesig im Angebot. Kühl schiebt sie zum Beispiel in der Debatte um Nord Stream 2 jedes Argument der Grünen zur Seite. Weil Schwesig bis 2017 Bundesfamilienministerin war, bringen viele Deutsche sie nicht mit sogenannten harten Themen in Verbindung. In Wahrheit hat Schwesig als frühere Steuerfahnderin auch keine Angst vor Finanzfragen. Derzeit bohrt sie sich als Vorsitzende des Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat durch alle strittigen Details der Bundespolitik.

Ein Links-Rechts-Mix wie in Dänemark?

Recht und Ordnung spielen für Schwesig eine große Rolle, nicht nur als Ordnungsrahmen für die Wirtschaft. In der Innenpolitik sah man sie für die Vorratsdatenspeicherung streiten. In der Ausländerpolitik sprach sie 2018 von „faktischen Grenzen der Integration“, über die man ehrlicher reden müsse.

Will Schwesig den Deutschen etwa eines Tages ein ähnliches Angebot machen wie die dänische Sozialdemokratin Mette Frederiksen, die mit einem Mix aus linken Positionen zu Steuern und Sozialem und rechten Positionen zum Thema Zuwanderung im Jahr 2019 einen klaren nationalen Wahlsieg schaffte.

Für Schwesig stehen jetzt erst mal Koalitionsverhandlungen in Schwerin an. Dabei dürfte Schwesigs bisher bevorzugte Farbkombination – Rot-Schwarz – erneut gute Chancen haben. Nach einer NDR-Umfrage wären 43 Prozent der Mecklenburger für ein Bündnis mit der CDU. Eine Koalition mit der Linkspartei empfehlen 38 Prozent. Für eine Beteiligung der FDP sind 33 Prozent. Zu Rot-Grün raten Schwesig nur 28 Prozent.

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