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Für die SPD sieht es in Sachsen-Anhalt nicht gut aus – Igor Matviyets will das ändern

  • Die Sozialdemokraten schwächeln vor der Landtagswahl, liegen nur noch bei 10 Prozent.
  • In Halle (Saale) will Igor Matviyets das Direktmandat erobern – es wäre das erste für die SPD landesweit.
  • Unterwegs mit einem untypischen Kandidaten.
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Halle/Saale. An der Graffitiwand prangt der Slogan „Alles für alle“, in den wuchernden Blumen davor summen Bienen. Hinter der Schallschutzmauer zum Bahnhof rumpeln Züge. In der früheren Industriebrache davor suchen Igor Matviyets und Saskia Esken Stimmen für die SPD.

Der Wahlkreis ist so untypisch wie sein Kandidat

Die Parteichefin will einem Newcomer helfen, das Wunder zu schaffen: ein Direktmandat bei der Landtagswahl am Sonntag zu holen. Die SPD schwächelt, liegt in den Umfragen um die 10 Prozent. Direkt gewählte Abgeordnete im Landtag: bisher Null. Aber wenn etwas geht, dann hier in Halle.

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Der Landtagswahlkreis Halle III ist so untypisch wie Igor Matviyets. Schauen Beobachter von fern auf Sachsen-Anhalt, sehen sie CDU und AfD, sehen Rechte und noch Rechtere, sehen Dörfer und Kleinstädte und eine Angst vor Migranten, die deren realen Anteil um ein Vielfaches übersteigt.

In Halle aber führt der 28-jährige Matviyets seine Parteichefin in den „Bürgerpark Freifeld“, hier bolzen kurdische und deutsche Kinder im Fußballkäfig, manchmal spielen junge Pakistani Kricket auf der Freifläche. Es gibt einen Abenteuerspielplatz, eine Lagerhalle mit Coworking-Waben und einen Apothekergarten. Ein Barfüßiger mit hüftlangen Dreadlocks erklärt seine Kräuterauswahl und die Kurse mit Schulklassen. Er fragt Esken, wie eine Finanzierung für Schüler von Brennpunktschulen möglich wäre.

„Freiimfelde“, so heißt der Verein, der das alles möglich machte. So heißt auch das einst verschriene Viertel hinter der Bahnlinie. „Deutschlands leerstehendstes Viertel“ war es mal. Dann kamen die Künstler und verzierten die vielen Brandmauern mit riesigen urbanen Gemälden, und nun beklagen sich die Ersten über steigende Mieten. Hier ist Halle ganz Großstadt.

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Und Igor Matviyets ist der Großstadtkandidat. Einer von zwei Kandidaten in Sachsen-Anhalt mit Migrationsgeschichte – der andere ist ausgerechnet der in Timisoara geborene rumäniendeutsche AfD-Vizechef Hans-Thomas Tillschneider. Matviyets stammt aus einer jüdisch-ukrainischen Familie, als Siebenjähriger siedelten sie in die Bundesrepublik über. In Heidelberg machte er Abitur, nach Halle ging er zum Studium, hier kommt im Sommer sein erstes Kind zur Welt.

„Ich mag das Neue, die Veränderung. Dafür stehe ich“, sagt er auf der „Freifeld“-Fläche. Auch das Viertel um die Synagoge, auf der anderen Seite der Gleise, gehört zu seinem Wahlkreis. Matviyets ist Mitglied der jüdischen Gemeinde. Am Tag des Attentats am 9. Oktober 2019 musste er arbeiten, war nicht in der Synagoge, als ein bewaffneter Rechtsextremist versuchte, dort einzudringen und in der Folge zwei Menschen erschoss. Der Tag bestimmt dennoch sein politisches Handeln. Matviyets warnt vor der Normalität rechtsextremer Haltungen im Land und vor den Rechtsblinkern in der CDU.

Er führt Esken und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz nicht nur zur Synagoge, sondern auch zum Kiez-Döner, wo der Attentäter den 20-jährigen Kevin S. erschoss. Der Tatort sei eine „offene Wunde in unserer Gesellschaft“, schreibt er später auf Twitter.

Den Wahlkreis Halle III gewann 2016 der CDU-Kandidat, 24 Prozent der Stimmen reichten für den Sieg. Doch die Mehrheit in den Kiezen ist bürgerlich-links: Die Kandidaten von SPD, Grüne und Linke fuhren zusammen 53 Prozent der Erststimmen ein. Matviyets zieht weiter.

Über seiner Schulter hängt eine schwarze Umhängetasche. „Igor wählen“ steht darauf, in grellem Pink. Eine Absicherung auf der Landesliste hat Matviyets nicht.

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