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Lage der Frauen in Afghanistan: „Die Not ist extrem groß“

Frauen stehen in der afghanischen Hauptstadt Kabul Schlange, um bei einer vom Welternährungsprogramm organisierten Geldausgabe Bargeld zu erhalten (Archivbild).

Berlin. Die Wirtschaft in Afghanistan ist am Boden und Hunger bedroht die Bevölkerung. Der Afghanische Frauenverein (AFV), eine humanitäre Hilfsorganisation, arbeitet seit 1992 in Afghanistan und fördert mit seinen Projekten vor allem Frauen und Kinder in ländlichen Regionen. Die Vorsitzende Nadia Nashir Karim berichtet im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) von der aktuellen Lage und wie es den Frauen im Land geht.

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Frau Nashir Karim, fast ein halbes Jahr ist es her, dass internationale Truppen aus Afghanistan vollständig abgezogen worden sind und die Taliban die Herrschaft übernommen haben. Wie geht es den Frauen heute?

Die anfängliche Angst der Frauen hat nachgelassen, sie haben sich an die neue Realität gewöhnt. Doch die Not aller Menschen hat zugenommen: Zur schlechten Sicherheitslage sind eine Wirtschaftskrise und Hunger hinzugekommen. Die aktuelle Wetterlage verschlimmert die Situation. Wegen des kalten Winters und des Schnees ist die Infrastruktur weiter zusammengebrochen. Die Not ist extrem groß.

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Wie zeigt sich die aktuelle wirtschaftliche Lage im Alltag?

Die gesamte Wirtschaft ist am Boden, das Bildungs- und Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Frauen arbeiten häufig als Lehrerinnen und Hebammen, bekommen ihre Gehälter aber nicht mehr. Hinzu kommt, dass viele Frauen gar nicht mehr arbeiten dürfen, dann sind sie abhängig vom Familienoberhaupt, dem Mann. Der verdient aber auch kein Geld mehr.

Welche Konsequenzen hat das?

Viele Familien müssen ihre Häuser und Wohnungen verlassen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können. Die Lebensmittelpreise sind so stark angestiegen, dass sie sich kaum noch jemand leisten kann. Frauen verkaufen ihr gesamtes Hab und Gut, um Essen zu kaufen. Viele hungern: Ich höre von Familien, die tagelang nichts gegessen haben und nur Tee zu sich nehmen. Die Sanktionen müssen dringend gelockert werden, damit sich die wirtschaftliche Lage wieder stabilisieren kann. Das Gesundheits- und Bildungssystem sowie die Bankenstruktur müssen aufrechterhalten werden.

Nadia Nashir Karim ist Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins. Die humanitäre Hilfsorganisation arbeitet seit 1992 in Afghanistan und fördert mit seinen Projekten vor allem Frauen und Kinder in ländlichen Regionen.

Nadia Nashir Karim ist Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins. Die humanitäre Hilfsorganisation arbeitet seit 1992 in Afghanistan und fördert mit seinen Projekten vor allem Frauen und Kinder in ländlichen Regionen.

Die Sorge ist aber, dass sich an dem Geld dann die Taliban bereichern.

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Millionen von Menschen sind von den Sanktionen betroffen – die Zivilisten sind die Leidtragenden. Die vorhandene humanitäre Hilfe reicht nicht aus: Viele Hilfsorganisationen haben seit der Machtergreifung der Taliban das Land verlassen. Die Entwicklungsgelder der Bundesregierung fließen auch nicht nach Afghanistan. Das ist jedoch dringend nötig. Viele Menschen wollen das Land verlassen. Sie gehen in die Nachbarländer – Iran, Pakistan, Tadschikistan – und hoffen auf ein besseres Leben. Übrigens wollen die wenigsten nach Europa.

Die Taliban haben Tausende Gewaltstraftäter aus der Haft entlassen. Frauenhäuser wurden geschlossen. Wie gefährdet sind Afghaninnen?

Die Übergriffe auf Frauen haben zugenommen, aber auch die Diebstähle. Aus Angst vor Überfällen gehen viele Menschen, viele Frauen nicht mehr gerne alleine raus. Durch die Hungersnot hat sich die Kriminalität auch nochmal verstärkt – es kommt oft zu Plünderungen.

Immer wieder gibt es Meldungen von Frauen, die gegen die Taliban demonstrieren. Gibt es ein Aufbegehren gegen das Regime oder sind das Einzelfälle?

Es gibt Gruppen von Frauen, die immer wieder auf die Straße gehen. Sie demonstrieren gegen die wirtschaftliche Lage und fordern von den Taliban ein, wieder überall arbeiten zu dürfen. Man muss bedenken: Es gibt kein Sozialsystem in Afghanistan, sie sind völlig auf sich allein gestellt, wenn sie keinen Mann und keine Möglichkeit zu arbeiten haben. Die Demonstrantinnen sind sehr mutig.

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