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Lady Bitch Ray: „Das Ablehnen der Gender­sprache bedient eine patriarchale, weiße Agenda“

  • Einen Volks­entscheid zum Thema wie vom Kieler CDU-Fraktions­chef gefordert, hält die Linguistin Reyhan Şahin für übertrieben.
  • Unter dem Namen Lady Bitch Ray ist sie als Rapperin bekannt.
  • Sie erzählt im RND-Interview, weshalb sie das Binnen-I meidet.
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Hannover. Bei Lanz und in den sozialen Netz­werken wird über gender­gerechte Sprache gestritten, Dieter Hallervorden ist dagegen und so mancher Politiker sorgt mit Parolen übers Gendern für Schlag­zeilen. Weshalb erhitzt das Thema die Gemüter so?

Es ist nichts Neues, dass Sprach­varietäten, wie etwa die Jugend­sprache oder Sprach­neuschöpfungen – zum Beispiel durch entlehnte Wörter aus dem Englischen – regelmäßig die Gemüter erhitzen. Jedoch hat das Ablehnen der sogenannten Gender­sprache derzeit eine andere, erschreckende Funktion. Sie kommt überwiegend von rechts, bedient eine patriarchale, weiße Agenda und versucht, die sprachliche Sichtbarkeit von Geschlechter­gerechtigkeit ad Absurdum zu führen. Dabei will geschlechter­gerechte Sprache nur eins: Geschlechter­gerechtigkeit – und Sichtbarkeit für Frauen und alle anderen marginalisierten Menschen. Was sollte daran also falsch sein?

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In diesem Tweet macht sich Jan Böhmermann über die Ablehnung der Gendersprache durch Dieter Hallervorden lustig, indem er auf dessen berühmten Sketch anspielt.

In Kiel hat jetzt der CDU-Fraktions­chef einen Volks­entscheid zu gender­gerechter Sprache gefordert. Was halten Sie davon?

Demokratische Volk­sentscheide halte ich grundsätzlich für gut und richtig, aber im Fall der gender­gerechten Sprache finde ich es übertrieben, weil sie für mich die Normalität sein sollte. Mittlerweile wehren sich leider viele Menschen dagegen, obwohl sie oftmals gar nicht wissen, was Gender­linguistik genau ist oder zum Ziel hat. Diese Ablehnung hat viel mit der Propaganda von rechts außen zu tun. Man erinnere sich an das Stichwort „Gender­gaga“, das insbesondere von der AfD benutzt wird. Die Forschungs­richtung der feministischen Linguistik und Gender­linguistik, die sich nicht nur für die Sichtbarkeit der Frau in der Sprache, sondern für alle marginalisierten Geschlechter einsetzt, wird dabei auf eine respektlose Weise erniedrigt oder gar mundtot gemacht. Das finde ich ziemlich ungerecht. Wir sollten uns der Macht unserer Sprache bewusster werden.

Der Duden lässt sich nicht auf einheitliche Regeln zum Thema ein. Würden verbindliche Vorgaben helfen, Klarheit in die Sache zu bringen?

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Es gibt gute Erklärungen und Konzepte zur gender­gerechten Sprache in sprach­wissenschaftlicher Literatur. Lann Hornscheidt, eine der bekannteren Gender­linguist:innen, hat gerade ein neues Praxis­handbuch dazu mit dem Titel „Wie schreibe ich divers? Wie spreche ich gendergerecht“ veröffentlicht. Der Duden könnte mit guten gender­affinen Linguist:innen oder Aktivist:innen für die Aufnahme der gender­gerechten Sprache ins Deutsche sorgen – in einer verständlichen Form. Das fände ich gut. Denn jede Sprache entwickelt sich stets weiter. Das kann man nicht stoppen. Stattdessen sollte man dazu beitragen und eine Sprache nutzen, die kreativ ist, ermutigt und inspiriert, statt zu verletzten, diffamieren oder auszugrenzen. Das sollte insbesondere der Duden reflektieren, dazu aufklären und mit seinen Beiträgen unterstützen.

Welche Sprachpraxis haben Sie selbst beim Thema Gendern?

Ich selbst benutze in meinen geschriebenen Texten und in meiner gesprochenen Sprache entweder die Version mit dem Sternchen oder dem Doppel­punkt. Dabei setze ich beides gerne hinter die weibliche Endung; also Professorin*nen oder Professorin:nen. Dies tue ich, weil ich von mir aus ein generisches Femininum setze, damit der Ausgangs­punkt der Benennung von Frauen zur Normalität wird – und nicht wie jahrhundertelang die ausschließliche Benennung von Männern. Das Binnen-I, von mir auch „Phallus-I“ genannt, ist nicht so mein Favorit. Nicht nur, weil es wie ein Phallus inmitten des Wortes ragt, sondern weil es auch nur zwei Geschlechter – den Mann und die Frau – meint.

Männlich, weiblich, divers: Über die Sichtbarkeit von Gender in der Sprache tobt eine Diskussion. © Quelle: Pixabay

Ich bin jedoch für die Inklusion aller Geschlechter, also etwa auch von transsexuellen, queeren, intersexuellen und genderfluiden Menschen. Also meide ich das meiner Ansicht nach veraltete und überholte Binnen-I. Es gibt jedoch eine Ausnahme: Beim Sprechen über extrem Rechte, Nazis oder orthodoxe bis fundamentalistisch ausgerichtete Religions­gruppen benutze ich das Binnen-I, weil das sprachliche Sichtbarmachen von nicht binären Geschlechtern in solchen Kreisen nichts bringt. Sie gehen ohnehin von einer traditionellen, zweigeschlechtlichen Geschlechter­konstellation aus.

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Reyhan Şahin ist Sprach-, Gender-, Islam- und Rassismus­forscherin und als Rapperin unter dem Namen Lady Bitch Ray bekannt. 2019 erschien ihr Buch „Yalla, Feminismus“. Sie promovierte mit einer Dissertation über „Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs in Deutschland“.

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