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Putins Bomben erreichen Kulturhauptstadt

Explosionen in der Fluchthochburg: Der Krieg ist im Alltag von Lwiw angekommen

Menschen stehen auf einer Überführung in Lwiw und schauen auf eine Rauchwolke, die nach einer Explosion in der Nähe des Flughafens aufsteigt. (Das Foto stammt vom 18. März)

Lwiw. Noch vor kurzem war Lwiw ein Ort, an dem man das Gefühl haben konnte, dass der Krieg noch irgendwie weit entfernt war. Die anfängliche Panik hatte nachgelassen, und wenn morgens die Luftschutzsirenen los gingen, drehten sich viele in der Kulturhauptstadt der Ukraine noch einmal im Bett um anstatt die Treppe hinunter in den Keller zu eilen.

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+++ Alle News zum Krieg in der Ukraine im Liveblog +++

Das war, bevor am vergangenen Freitag russische Raketen nur eine Gehstrecke entfernt von den Kathedralen und Cafés der Innenstadt einschlugen, direkt draußen vor dem internationalen Flughafen. Der Angriff ließ Gebäude in der Nähe erzittern - und erschütterte jegliches Gefühl der Geborgenheit, das manche vordem noch zu spüren vermochten.

Lwiw nach dem Raketenangriff: „Es wird versucht, das normale Leben weiterzuleben“

Der Journalist Iván Furlan Cano ist in Lwiw unterwegs. Am frühen Freitagmorgen erlebt er, wie russische Raketen am Rande der westukranischen Stadt einschlagen.

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Stadt ist Zufluchtsort geworden

Aber anders als in vielen anderen Städten der Ukraine gab es aus Lwiw danach keine Bilder von zerstörten Häusern und Menschen, die unter Beschuss fliehen. „Am Morgen war es angsteinflößend, aber wir müssen weitermachen“, sagt Maria Parkhuts, die in einem Restaurant arbeitet. „Leute kommen mit fast nichts an, von da, wo es schlimmer ist.“

Die Stadt ist seit dem Kriegsbeginn ein Zufluchtsort geworden, die letzte ukrainische Metropole vor der Grenze zu Polen. Hunderttausende Ukrainer passieren sie auf dem Weg ins Nachbarland oder bleiben. Aus der umgekehrten Richtung kommen Hilfe und ausländische Kämpfer. Es ist eine Stadt, die, zumindest an der Oberfläche weiter macht.

Militärveteranen bringen Zivilisten Schießen bei

Radfahrer mit Rucksäcken, die Essen ausliefern, holpern über die Kopfsteinpflaster. Gelbe Straßenbahnen klingeln sich ihren Weg durch die engen Straßen, gesäumt mit den Zeugnissen einer Geschichte von Besetzungen, von den Kosaken über die Schweden und die Deutschen hin zu den Sowjets.

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Jetzt ist sie wieder da, die Gefahr einer Okkupation durch Russland, von dessen Einfluss sich die Stadt über Jahre hinweg befreit und zu einem neuen Lwiw entwickelt hat. Es ist eine Stadt, die nicht klein beigeben wird. „Es ist Krieg“, sagt Maxim Tristan, ein 28-jähriger Soldat, über den Luftangriff vom Freitag. „Es motiviert uns nur noch mehr zu kämpfen.“

An einer Straßenecke stehen junge Männer vor einem Waffengeschäft Schlange, reichen ein Zielfernrohr herum. Man könne alles kriegen, wenn man Bargeld habe, sagt einer von ihnen. Nicht weit entfernt gibt es eine Anlage für Schießübungen - mit dem Gesicht von Russlands Präsident Wladimir Putin in der Mitte der Zielscheibe. Anderswo in der Stadt bringen Militärveteranen Zivilisten das Schießen bei.

Männer füllen Sandsäcke für Barrikaden

In einem beliebten Stadtpark ist ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg wieder geöffnet worden, nur ein paar Schritte von einem Spielplatz entfernt. Draußen vor einer Architektur-Akademie füllen Männer Sandsäcke für Barrikaden. Einige Kirchen in der Stadt haben ihre Statuen zum Schutz verhüllt und die Buntglasfenster abgedeckt. Andere geben ihr Schicksal in Gottes Hände.

Im militärischen Abschnitt des Hauptfriedhofes von Lwiw sind mehr als ein Dutzend Gräber noch zu frisch, um Marmorkreuze darauf zu errichten. Auf der Erde liegen Haufen von Blumen, die Blätter mit Raureif bedeckt. Und überall auf dem Boden sieht man Abdrücke von Stiefelsohlen, die besagen, dass hier kürzlich Trauernde standen. Hinter den Gräbern erstreckt sich eine leere Fläche - Raum für mehrere weitere Reihen.

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109 Kinderwagen für 109 tote Kinder

Stunden nach dem Angriff vom Freitag haben Aktivisten 109 Kinderwagen auf dem Platz im Herzen der Stadt aufgestellt - sie repräsentieren die Kinder, die in diesem Krieg bereits ums Leben gekommen sind. Tätowierkünstler versehen Kunden mit patriotischen Symbolen. Eine Brauerei stellt jetzt „Molotowcocktails“ her.

Ein Straßenplakat zeigt eine Frau in den ukrainischen Nationalfarben Gelb und Blau, die den Lauf einer Pistole in den Mund eines knienden Putin rammt. Im Vorderraum eines örtlichen Geschäfts arbeitet eine Einwohnerin an einer Zeichnung, sie zeigt eine Taube.

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Aktivist: „Nachdem du gekämpft hat, musst du rauchen“

Und es wimmelt in dieser Stadt geradezu von freiwilligen Helfern. Menschen öffnen ihre Häuser, örtliche Nachrichtensender berichten von Einwohnern, die aus den Stoffstreifen alter Kleidung Tarnnetze anfertigen. „Krieg - das sind nicht nur Leute, die kämpfen“, sagt Wolodymyr Pekar.

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Der 40-jährige Geschäftsmann hat eine besondere Aktion gestartet: In der Gegend rund um die Stadt sollen gelb-blaue Anzeigetafeln aufgestellt werden, mit Slogans wie „Gott rette die Ukraine“ und „Renne nicht weg, verteidige“. Pekar hat sich an der profanen Sprache gestoßen, die in den frühen Tagen des Krieges auftauchte, will eine Alternative bieten.

Zugleich sammelt er mit einer Crowdfunding-Kampagne Geld für das, was er als zwei Hauptbedürfnisse ukrainischer Soldaten ausmacht: Splitterschutzwesten und Zigaretten. „Nachdem du gekämpft hat, musst du rauchen“, sagt er.

200.000 Geflüchtete in Lwiw

Schätzungsweise 200.000 Menschen aus härter getroffenen Landesteilen sind nach Lwiw geflüchtet. Die Einwohner hier haben sie mit offenen Armen empfangen, aber nach all dem Erlebten sind es die Flüchtlinge, die am nervösesten aussehen.

Die Vertrieben wühlen sich an Sammelstellen durch Kartons mit Sachen, checken ihre Handys, ihre Anwesenheit hat die Stadt von einem beliebten Besucherziel zu einer Zufluchtsstätte gemacht. Statt für örtliche Konditoreiwaren und romantische Orte zu werben, bietet die offizielle Tourismus-Webseite jetzt unter anderem Informationen darüber, wo man Schutz vor Luftangriffen finden kann.

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Kulturspaziergänge für Geflüchtete

Unter dem Motto „Wärme für die Seele“ haben Einwohner am Freitag eine Serie von Kulturspaziergängen für die Flüchtlinge in der Stadt gestartet, mit Besuchen von Galerien, dem mittelalterlichen Viertel und anderen kulturellen Sehenswürdigkeiten.

Just vor ein paar Tagen haben sich Tausende Neuankömmlinge im Hauptbahnhof der Stadt gedrängt, auf dem bisherigen Höhepunkt des Flüchtlingsstromes in Richtung Westen. Jetzt sind die Bahnsteige manchmal fast leer, warten auf die möglicherweise Millionen, die weiter in der Ukraine unterwegs sind, auf der Suche nach einem Platz zum Ausruhen oder einem neuen Ziel.

Möbeltischler will zurück in den Osten

Da ist der Möbeltischler aus der bombardierten Hauptstadt Kiew, der vor Jahren eine Ausbildung in Sachen Luftverteidigung absolviert hat. Mit einem Rucksack und einer Schlafmatte steht er allein auf dem Bahnsteig, will schnell noch einmal seine Familie in der westlichen Region Transkarpatien besuchen, um dann in den Osten zurückzukehren und dort einen Armeeposten zu verstärken.

Ein bisschen weiter entfernt auf dem Bahnsteig steht ein junges Pärchen, unruhig, denn es gehört zu jenen, die im Land bleiben. Der Mann ist 20, im kampffähigen Alter, darf die Ukraine daher nicht verlassen. „Ich bin nicht so viel in meinem Land herumgereist“, sagt die Frau, die 21-jährige Diana Tkatschenko. „Jetzt muss ich es tun.“

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Junges Paar: Ankunft in Lwiw war chaotisch

Die Reise der jungen Leute begann im Februar in Kiew, in einem überfüllten Zug und ohne jede Idee, wohin. Die Ankunft in Lwiw war chaotisch, Mitreisende schubsten sich den Weg frei und schrien, wie Tkatschenko schildert. Manche seien von so weit entfernt aus dem Osten her gekommen, aus russischsprachigen Gebieten, dass sie kein Ukrainisch verstanden hätten.

Es war ihr erster Besuch in Lwiw. „Ich bin viel herumgelaufen. Ich habe versucht, den Ort zu genießen. Er ist wirklich schön. Man hat ein viel sichereres Gefühl“, so die junge Frau. Aber es gebe zu viele Menschen in der Stadt und keinen Platz zum Leben, fügt sie hinzu.

Daher haben sie und ihr Freund sich entschieden, wieder zurück gen Osten zu reisen, in Richtung Kiew. Als ihr Zug kurz vor der Abfahrt steht, kommt ein anderer an.

RND/AP

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