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Krieg statt Militärübung

„Mama, ich liebe dich“: Wie Putin junge Russen an der Front verheizt

Russische Soldaten beim Militärmanöver Mitte Februar.

Russische Soldaten beim Militärmanöver Mitte Februar.

Es sind vier ganz einfache Worte, die von der Angst zu sterben und der Verzweiflung des Kriegs erzählen: „Mama, ich liebe dich.“ Das waren die letzten Worte, die der russische Soldat Pawel seiner Mutter am Telefon zuflüsterte. Im Hintergrund ist das Donnern von Flugzeugen zu hören, zwischendurch hallen Schüsse. Wie es ihm geht und wo er sich befindet, wisse sie nicht, erzählt sie gegenüber der letzten unabhängigen Zeitung Russlands, der „Nowaja Gaseta“.

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Die Zeitung hat mit mehreren Müttern gesprochen, deren Jungen an die Front geschickt wurden. Auffällig ist, dass es vor allem junge Wehrpflichtige trifft, die gerade erst ihre Grundausbildung absolviert haben, unerfahren und schlecht ausgebildet sind und nun an der Front verheizt werden. So wie der 23-jährige Pawel, der eigentlich Lehrer für Englisch und Französisch werden wollte.

Nach der Grundausbildung wurde er bereits nach nicht einmal einem Jahr dazu gezwungen, einen Zweijahresvertrag beim Militär zu unterschreiben. „Wer nicht unterschreiben wollte, musste tagelang schwere Munitionskisten schleppen – so lange, bis sie am Ende den Vertrag unterschrieben“, sagte seine Mutter. Den versprochenen Sold habe ihr Sohn nie erhalten, nur eine Zulage von 27.000 Rubel (umgerechnet circa 215 Euro). „Mein Sohn wurde betrogen“, wiederholt sie immer wieder verzweifelt.

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Diese Masche des Kremls hat offenbar System: Immer mehr Mütter von jungen russischen Soldaten melden sich beim Moskauer „Komitee der Soldatenmütter“, weil sie seit Tagen nichts mehr von ihrem Sohn gehört haben. Die Menschenrechtsorganisation hat sich zur Aufgabe gemacht, Missständen in der russischen Armee auf den Grund zu gehen. Viele Mütter berichten, dass auch ihre Söhne gezwungen wurden, einen Vertrag zu unterschreiben. So viele, dass das „Komitee der Soldatenmütter“ inzwischen eine eigene Beratungshotline geschaltet hat, um Soldaten und ihren Familien nach Unterzeichnung des Vertrags zu helfen.

Die Wehrpflicht dauert in Russland eigentlich zwölf Monate. Doch schon vorher können die Rekruten ihren Dienst verlängern und einen Vertrag als Zeitsoldat unterschreiben. Laut der Menschenrechtsorganisation sollen den jungen Russen bereits ausgefüllte Verträge vorgelegt worden sein. Sie werden nicht gefragt, sondern müssen in einer Reihe antreten und nach­einander den Vertrag unterschreiben.

Dieser Vertrag ist Voraussetzung dafür, dass die Soldaten bei Militäroperationen eingesetzt werden dürfen. Dass sie nicht einmal die Grundausbildung abgeschlossen haben, kümmert keinen mehr. Putin setzt sie an vorderster Front ein. Diese Berichte hält der Militärexperte Gustav Gressel für eine realistische Darstellung. Viele dieser Soldaten hätten gar nicht gewusst, dass sie in den Krieg marschieren, sagte er im RND-Interview. „Der Kreml hat diesen Krieg vor den Soldaten geheim gehalten.“

Wie ahnungslos die jungen Russen die ganze Zeit waren, zeigt sich in den Telefonaten mit ihren Familien. Der 23-jährige Pawel hatte im Osten Russlands seinen Wehrdienst verrichtet, dann wurde er in einer zweiwöchigen Zugfahrt nach Belarus gebracht. Anfang Februar folgten dann gemeinsame Übungen mit dem belarussischen Militär – damals meldete sich ihr Sohn einmal am Tag ganz kurz bei ihr. Am 16. Februar wurde das Militärmanöver für beendet erklärt.

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„Das war es, Mama, wir sind fertig, wir gehen nach Hause“, erinnerte sie sich an die Worte ihres Sohnes. Doch Pawel wurde nicht zurückgebracht, stattdessen wurde die Militärübung verlängert. Aufgeregt erzählte er seiner Mutter, dass laut britischem Geheimdienst angeblich ein Einmarsch in die Ukraine bevorstehen würde. „Sie lügen alle“, beschwichtigte sie ihn noch. Doch ihr Sohn stand mit anderen Soldaten zu diesem Zeitpunkt bereits zwei bis drei Kilo­meter vor der ukrainischen Grenze.

Ukrainischer Präsident Selenskyj: Russland will Ukraine auslöschen

Der ukrainische Präsident hat sich in den vergangenen Tagen mehrfach zu Wort gemeldet. Zunächst in einem Interview, dann in einer Videobotschaft.

Am Abend später das nächste Telefonat mit der Mutter: Er sei inzwischen auf ukrainischem Boden, aber man habe ihnen gesagt, sie hätten illegal die Grenze zur Ukraine überquert, hätten nichts mehr mit der russischen Armee zu tun, sie seien Deserteure. Das letzte Telefonat folgte am frühen Morgen: „Mama, die haben uns in Autos gesteckt, wir fahren weg, ich liebe dich. Wenn es eine Beerdigung gibt, glaub es nicht sofort.“ Dann brach der Kontakt ab, von ihrem Sohn hat sie seitdem nichts mehr gehört.

Viele Mütter suchen verzweifelt nach ihren Kindern, wenden sich an das Verteidigungs­ministerium und rufen bei Hilfsorganisationen an, um den Aufenthaltsort ihrer Jungen zu erfahren. Mehrere Tausend russische Soldaten sind nach Angaben der Ukraine bereits im Krieg gestorben, Hunderte wurden gefangen genommen. Das ukrainische Verteidigungs­ministerium erklärte: „Wenn Ihre Lieben in den letzten Monaten zu den Übungen gegangen sind und es keine Kommunikation mit ihnen gibt, nehmen sie höchstwahrscheinlich an dem Angriff auf die Ukraine teil.“ Das Ministerium bietet ebenfalls eine eigene Hotline an, unter der Angehörige in Russland herausfinden können, ob ihr Sohn oder Ehemann gefangen genommen wurde und wie sie eine kurze Nachricht an ihn senden können.

Das Verteidigungsministerium der Ukraine hat verstörende Videos veröffentlicht, in denen russische Gefangene erzählen, sie seien eigentlich in die Militärübung geschickt worden und wollten gar nicht in der Ukraine kämpfen. Es handelt sich vor allem um junge Rekruten, kaum einer dürfte älter als 25 Jahre sein. Manche Mütter erfahren erst durch diese Videos, was mit ihren Kindern passiert ist. Mehrere Tage lang äußerte sich Russland gar nicht über verletzte und gefangene Soldaten aus den eigenen Reihen. Erst am Mittwochabend nannte das russische Verteidigungsministerium Zahlen zu verletzten und getöteten Soldaten. Demnach seien 498 russische Soldaten getötet und 1597 verwundet worden. Eine Rückführung der Leichen lehne man ab, um keine Panik zu erzeugen.

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Das Komitee der Soldatenmütter wird derzeit überschwemmt von Anrufen und Zuschriften, berichtete die russische Politikerin Lyudmila Narusova dem unabhängigen TV-Sender Dozhd, der in Russland gesperrt ist. „Sie haben nichts zu verlieren“, sagte sie über die Mütter, „sie suchen nach irgendetwas, das ihnen mehr über den Aufenthaltsort ihres Kindes verrät.“ Einige hätten herausgefunden, dass ihr Sohn in Gefangenschaft ist, andere Kinder seien gestorben. Aber es gebe keine Möglichkeit, die Leichen nach Russland zubringen. Dabei seien die Leichen noch immer nicht begraben worden. „Sie werden von streunenden Hunden angenagt, einige seien nicht einmal identifiziert worden, weil sie so stark verbrannt sind.“

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